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Friedberg und Bad Nauheim wollen auf Mehrweg-Geschirr umstellen und hoffen auf Nachahmer.

Nachhaltigkeit bei To-Go-Gerichten

Mehrweggeschirr statt Verpackungsmüll: Im Herbst startet das Pfandsystem in der Wetterau

  • Jürgen Wagner
    VonJürgen Wagner
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Ein Pfandsystem soll dafür sorgen, dass Verpackungsmüll vermieden wird. Friedberg und Bad Nauheim wollen jetzt ein einheitliches System etablieren.

Friedberg/Bad Nauheim – Die Mühlen der öffentlichen Verwaltungen mahlen mitunter langsam. Bis ein Antrag die politischen Gremien durchlaufen und eine rechtssichere Form verpasst bekommen hat, vergehen schon mal ein paar Monate. Beim Kampf gegen den Verpackungsmüll soll es schneller gehen. Die Pandemie hat vor Augen geführt, was seit Jahrzehnten gängige Praxis, bei Lichte betrachtet aber vollkommener Wahnsinn ist: Wir müllen uns zu, mit immer mehr Plastikschalen, die nach dem Verzehr der Speisen oft nicht im Mülleimer, sondern im Gebüsch landen. Ein Umweltfrevel sondergleichen.

Städte in der Wetterau führen Pfandsystem vorzeitig ein

In Friedberg und Bad Nauheim soll damit schon bald Schluss sein. Anfang 2023 tritt ohnehin bundesweit das neue Verpackungsgesetz in Kraft. Dann sind Restaurants, Bistros und Cafés verpflichtet, auch Mehrwegbehälter für ihre To-Go-Produkte anzubieten. Warum erst in zwei Jahren, warum nicht gleich? Diese Frage stellten sich in Friedberg nicht nur die Antrag-stellenden Grünen und die UWG, sondern alle Fraktionen. Und die Stadtverwaltung. Als die Erste Stadträtin Marion Götz (SPD) vergangene Woche im Ausschuss für Energie, Wirtschaft und Verkehr ihren Sachstandsbericht vorstellte, staunten die Ausschussmitglieder nicht schlecht. »Ich bin begeistert, da hat jemand richtig Herzblut reingesteckt«, zollte Ausschussvorsitzender Bernd Stiller (Grüne) Götz Respekt.

Die Erste Stadträtin hatte sich sofort nach der Stadtverordnetenversammlung mit der Rathausspitze in Bad Nauheim kurzgeschklossen, wo die gleiche Idee bereits vorbereitet, wegen der Pandemie aber zurückgestellt worden war. Eine Marktanalyse in Bad Nauheim ergab, dass sich das Mehrweg-Geschirr der Marke »Vytal« am besten eignet; das pfandfreie Mehrwegsystem war durch die TV-Sendung »Die Höhle der Löwen« bekannt geworden, ist deutschlandweit im Einsatz.

92 Betriebe kommen für Pfandsystem in Wetterauer Stadt zum Einsatz

Auch Götz und ihr Mitarbeiter Holger Kopsch von der Stabsstelle »Sauberes Friedberg« haben eine Marktanalyse vorgenommen und sind zum gleichen Ergebnis gekommen. Das ist noch keine endgültige Entscheidung, aber ein Fingerzeig, wo es hingeht.

Götz erläuterte detailliert das weitere Vorgehen. Alle 92 in Frage kommenden Betriebe in Friedberg werden nun angeschrieben: Gaststätten, Cafés, Eisdielen, aber auch Bäckereien, Metzgereien und Tankstellen, eben alle Betriebe, in denen Essen und/oder Getränke zum Mitnehmen über den Verkaufstresen gehen. Für den 2. Juli um 19 Uhr lädt die Stadt zu einer Zoom-Konferenz für alle Interessierten ein. Dann werden die Produkte von Vytal vorgestellt. Am 20. Oktober soll der Haupt- und Finanzausschuss eine Entscheidung treffen.

Wetterau: Pfandbehälter müssen zehnmal befüllt werden für positive Ökobilanz

Vytal bietet verschiedene Mehrwegbehälter an: drei runde (1250, 750 und 500 ML Fassungsvermögen), eine geteilte Menübox mit zwei Fächern, einen Kaffeebecher mit Trinkdeckel und stapelbare Pizzaschachteln mit »ausgeklügeltem Belüftungssytem«, damit die Pizza knusprig und warm bleibt. Die Behälter bestehen aus Polypropylen, sind auslaufsicher und für Mikrowelle und Spülmaschine geeignet. Nach zehn Befüllungen weisen sie eine positive Ökobilanz auf. Bei 200 Befüllungen werden laut Hersteller über 30 Kilogramm CO2 eingespart.

Die Behälter haben einen QR-Code. Über eine App wird der Kunde registriert. 14 Tage hat man Zeit, um den Behälter bei einem der Teilnehmer abzugeben. Wer die Box in dieser Frist nicht zurückgibt, muss 10 Euro zahlen und hat sie somit erworben. Sonst ist kein Pfand zu entrichten. Wer kein Smartphone besitzt, lässt sich eine Mitgliedskarte ausstellen.

Finanzielle Unterstützung für Gastronomen in den Wetterauer Städten

In beiden Städten sollen die Gastronomen, die sich an dem System beteiligen, finanziell unterstützt werden. Die Friedberger UWG hatte den Grünen-Antrag dahingehend erweitert, dass der städtische Fördertopf von 5000 auf 10 000 Euro erhöht werden soll. Damit sollen die Gastronomen die Aufnahmegebühr in Höhe von 100 Euro zahlen.

Wie Alexia Anders (Grüne) sagte, plane auch der Rewe-Konzern den Einstieg für seine Salatbars; dann könnten die Behälter wie Pfandflaschen beim Einkauf zurückgegeben werden. Oder man gibt sie einfach den Essenslieferanten bei der nächsten Bestellung mit auf den Weg.

Matthias Ertl (UWG) sagte, es wäre sinnvoll, wenn sich umliegende Städte und Gemeinden der Aktion anschließen, um ein nachhaltiges System in der Wetterau zu etablieren.

Wetterauer Stadt führt auch neue Mülleimer ein

Zu den Aufgaben der Stabsstelle »Sauberes Friedberg« zählt auch eine Bestandsaufnahme der Mülleimer und Hundekotbeutelspender im Stadtgebiet. Dabei stellte sich heraus, dass es an vielen Stellen Nachholbedarf gibt. Wie die Erste Stadträtin und Ordnungsdezernentin Marion Götz (SPD) im Ausschuss für Energie, Wirtschaft und Verkehr sagte, sind bereits neue Behälter angeschafft worden. Sie werden jetzt nach und nach montiert. Die neuen Mülleimer haben ein Fassungsvermögen von 70 Liter (gegenüber 40 Liter der alten Behälter).

Die Stabsstelle hat eine Liste mit 31 Standorten vorgelegt, an denen entweder neue Behälter aufgestellt oder die alten ausgetauscht werden. In der Kernstadt werden 13 Standorte genannt, allein sieben auf der Seewiese. Drei Hundekotbeutelspender werden in der Heinrich-Busold- und der Anna-Kloos-Straße aufgestellt, zwei auf der Seewiese. Auch an anderen Orten können Hundehalter künftig Kotbeutel aus dem Spender ziehen: u. a. in der Dorn-Assenheimer- und der Vogelsbergstraße in Bauernheim, im Biegenweg am Feldrand in Bruchenbrücken, auf dem Jakobusplatz in Ockstadt sowie an drei Orten in Ossenheim (Sandkautenweg, Feldrand »Am Rain« und »Hinter’m alten Ort«). Die Parkbuchten an der alten Panzerstraße am Golfplatz in Ockstadt bieten nicht nur einen sensationell Blick über die Wetterau bis nach Frankfurt. Hier wird auch immer wieder Müll illegal abgeladen, weshalb die Stadt dort neue Mülleimer aufstellt. Neben dem Austausch alter Behälter werden insgesamt 13 neue Mülleimer und 14 Hundekotbeutelspender angeschafft.

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