"Die Nebenklägerin wurde zu verschiedenen Zeitpunkten mehrfach vernommen, aber eine Konstanz der Aussagen war dabei nicht gegeben", erläutert der Richter den Freispruch.
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»Die Nebenklägerin wurde zu verschiedenen Zeitpunkten mehrfach vernommen, aber eine Konstanz der Aussagen war dabei nicht gegeben«, erläutert der Richter den Freispruch.

Zu viele Widersprüche

Gießener Landgericht: Wetterauer vom Vorwurf des Kindesmissbrauchs freigesprochen

  • VonConstantin Hoppe
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Liegt Aussage gegen Aussage vor, ist die Bewertung der Fälle vor Gericht meist schwierig. Denn ohne weitere Beweise muss eine Aussage schon sehr belastbar sein, damit auf deren Grundlage eine Verurteilung erfolgen kann. Dies war im Prozess gegen einen 42-jährigen Wetterauer nicht der Fall.

Friedberg/Gießen – Ihm war vorgeworfen worden, 2017 eine damals Zwölfjährige aus seiner Nachbarschaft zweimal in einen Geräteschuppen gelockt und dort vergewaltigt zu haben (die WZ berichtete). Vor der 2. Großen Strafkammer des Gießener Landgerichts ist der Mann nun freigesprochen worden.

»In einer solchen Konstellation geht es nicht darum zu entscheiden, wer recht hat. Es geht darum, die objektive Wahrheit herauszufinden«, erklärte der Vorsitzende Richter Jost Holtzmann. »Eine Verurteilung ist nur dann möglich, wenn die Schuld des Täters wirklich feststeht.« Dies ließ sich in dem aktuellen Verfahren jedoch nicht erreichen: »Die Nebenklägerin wurde zu verschiedenen Zeitpunkten mehrfach vernommen, aber eine Konstanz der Aussagen war dabei nicht gegeben«, erläuterte Holtzmann weiter.

Freispruch bei Missbrauchsprozess in Gießen: Keine konstante Aussage des Opfers

Immer wieder unterschieden sich die Details des Geschehens in den Berichten der heute 16-Jährigen. Besonders auffällig war dabei, dass es bei jeder weiteren Befragung zu neuen Details kam. Das hob auch die psychologische Gutachterin Dr. Petra Bauer hervor. »Man erwartet genau das Gegenteil: Je länger eine Tat her ist, desto weniger Details sind präsent - so funktioniert das menschliche Erinnerungsvermögen einfach. Dass immer wieder neue Details ins Spiel kommen, spricht eher für eine Auto- oder Fremdsuggestion bei der Nebenklägerin.« Auch in ihrem Gutachten bescheinigte sie eine nicht ausreichende Konstanz in den Aussagen. Die kam deshalb zu dem Schluss, dass es nicht auszuschließen sei, dass die Berichte der heute 16-Jährigen nicht »erfahrungsfundiert« seien. Auch wegen der Widersprüche »erfüllt ihre Aussage nicht die Qualität der erlebnisbasierten Aussage«.

Doch das Gutachten war letztlich nicht ausschlaggebend für das Urteil. Bereits zuvor war die Kammer laut Richter zu dem gleichen Schluss wie die Gutachterin gekommen. Mit einer Einschränkung: »Wir gehen davon aus, dass es mindestens ein schwer verletzendes Erlebnis für die Nebenklägerin gab, das sie dem Angeklagten anrechnet. Das erscheint auch wegen des veränderten Verhaltens der Nebenklägerin gegenüber dem Angeklagten gesichert«, sagte der Richter. Im Zeitraum der angeklagten Taten soll sich das Verhalten der 16-Jährigen gegenüber ihrem Nachbarn geändert haben - sie reagierte aggressiv, wenn sie auf ihn angesprochen wurde. Holtzmann fügte hinzu: »Bei diesem Erlebnis könnte es sich um eine Sexualstraftat gehandelt haben - aber wir können es nicht genau sagen.«

Freispruch bei Missbrauchsprozess in Gießen: Null-Hypothese nicht zu widerlegen

Doch die Sicherheit, dass sich die Tat auch so zugetragen hat, sei der ausschlaggebende Faktor bei einer Verurteilung. Deshalb habe sich die Kammer bei der Urteilsfindung nochmals genau die Aussagen angeschaut, ob diese für eine Straftat belastend genug seien - aber auch das war nicht der Fall. »Wir konnten die Null-Hypothese - die Annahme, dass nichts passiert ist - letztlich anhand der Aussagen nicht widerlegen«, resümierte der Vorsitzende Richter. So blieb als einziges Urteil nur der Freispruch für den Angeklagten im Raum stehen.

Damit folgte das Gericht auch den Forderungen in den Plädoyers von Verteidiger Moritz Müller und Staatsanwalt Markus Schneider: Beide hatten aufgrund der bestehenden Sachlage den Freispruch für den 42-Jährigen gefordert.

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