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Prof. Peter Schubert spricht zum Auftakt der Sommer-Uni in der Stadtkirche.

»Malzeit« in der Malerei

  • VonGerhard Kollmer
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Friedberg (gk). »Was ist Zeit? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; wenn ich es jemandem erklären soll, weiß ich es nicht.« Selbst ein so philosophisch geschulter Mann wie der heilige Augustinus im vierten Jahrhundert (von ihm stammt das obige Zitat) tat sich schwer, jemandem das Wesen der Zeit zu erklären.

Die Sommer-Uni wagt sich an sieben Abenden in der Stadtkirche unter dem Motto »Nicht zu fassen: die Zeit« - in der Nachfolge des großen Kirchenvaters an dieses knifflige Thema.

Mit Sanduhr und Totenschädel

Professor Peter Schubert stellte beim ersten Vortrag in einer Reihe subtiler Interpretationen die wichtigsten bildkünstlerischen Mittel der Vergegenwärtigung von Zeit vor. Dabei spannte er den Bogen vom »Friedberger Altar« aus dem letzten Drittel des 14. Jahrhunderts bis hin zu Gerhard Richter - einer »Ikone« der Gegenwartskunst. Auf dem Mittelteil des Friedberger Altars ist der Gekreuzigte abgebildet. Links und rechts von ihm stehen Apostel - ihre Gesichter dem Betrachter frontal zugewandt. Dies und der »unperspektivische« Goldgrund des Altarbilds evozieren eine suggestive Stimmung völliger Zeitenthobenheit. Es ist das »nunc stans«, von dem Meister Eckhart spricht - der »ewige Augenblick«.

Wie anders dagegen Leonardo da Vincis etwa 130 Jahre später entstandenes berühmtes »Letztes Abendmahl«! In diesem Bild wird - so Prof. Schubert - das Spannungsverhältnis zwischen Bildinhalt und Bildschöpfung auf geniale Weise gelöst bzw. zur Darstellung gebracht. Bewegung, Dynamik wird malerisch »stillgestellt«, ohne dass dies der vom Bild ausgehenden Faszination den geringsten Eintrag tut.

Auf einem »Memento mori«-Bild mit Sanduhr und Totenschädel wird Zeit hingegen indirekt thematisiert. Der Betrachter wird daran gemahnt, dass seine Lebenszeit gnadenlos verrinnt - bis zum Tod als endgültigem Schlusspunkt. Was danach kommt, ist Ewigkeit - das Gegenteil von Zeit.

Mit dem Dreikönigsaltar des flämischen Malers Rogier van der Weyden stellte der Referent ein Beispiel für die »Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen« in der Malerei vor. Zeit verliert ihren linearen Charakter. Dass einer der Könige überdies das Antlitz Karls des Kühnen als letztem Herzog Burgunds zeigt, stellt den Gegenwartsbezug des Werkes her.

Höhepunkt des Vortrags war die empathische Deutung einer scheinbar schnell gefertigten Bleistiftzeichnung Albrecht Dürers aus dem Jahr 1520. Sie stellt eine alltägliche Szene des Antwerpener Hafens dar. Zu sehen sind ein Speicher, einige Schiffe und ein Sack schleppender Hafenarbeiter. Was hat diese Szene mit dem Thema »Zeit« zu tun? Schubert wies nach, dass Dürer für seine Zeichnung mehr Zeit aufgewandt haben muss, als es den Anschein hat. Damit thematisierte er das Verhältnis zwischen Entstehungszeit der Skizze und der Erlebniszeit des auf ihr Dargestellten.

Nach weiteren Interpretationen von Werken Claude Lorrains, John Constables und Gerhard Richters endet ein mit viel Beifall bedachter Vortrag, der neugierig auf weitere Zeitperspektiven macht.

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