Das Literaturprojekt hat immer wieder den Elfenbeinturm verlassen. Hier referiert Margarete Wolf beim "Tag der Literatur" im Jahr 2011 vor der Burg Friedberg. ARCHIVFOTO: GERHARD KOLLMER
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Das Literaturprojekt hat immer wieder den Elfenbeinturm verlassen. Hier referiert Margarete Wolf beim "Tag der Literatur" im Jahr 2011 vor der Burg Friedberg. ARCHIVFOTO: GERHARD KOLLMER

Von "Lotte" bis Hölderlin

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Friedberg(pm). Nach 16 Jahren und 167 Veranstaltungen hat sich Margarete Wolf entschlossen, die Arbeit am Literaturprojekt der evangelischen Kirchengemeinde einzustellen. Die Beteiligung sei schon vor Corona rückläufig gewesen, der Literaturkreis leide an Überalterung, und nach der Krise einen Neuanfang zu starten, wolle sie sich nicht mehr zumuten. Im März 2004 begann Wolf auf Anregung von Pfarrer Stavenhagen, Literaturbegeisterte - es kamen in der Regel Frauen - in ihre Wohnung zu laden zu "Literatur im Salon". Es wurde Tee serviert und angeregt über Romane, Gedichte, aktuelle Literatur diskutiert. Bei bis zu 20 Teilnehmerinnen war es oft recht eng, aber immer gemütlich.

Im Sommer waren dann die 34 Stufen zum Turmzimmer im südlichen Stadtkirchenturm zu erklimmen. Pfarrer Stavenhagen hatte diese Rumpelkammer extra für den Literaturkreis räumen lassen, und so fand der Raum seit dem Auszug des Stadtarchivs 1912 erstmals eine Nutzung für die Kirchengemeinde. Das Projekt blieb aber nicht hinter Kirchenmauern. Es wurden Veranstaltungen angeboten im Stadtarchiv, im Wetterau-Museum und auch im Zusammenhang mit dem Tag der Literatur für Hessen auf der Kaiserstraße und im Burggarten. Zwölfmal waren die Teilnehmer des Literaturprojekts auf Ausflügen unterwegs in literarisch interessanten Landschaften wie dem Rheingau oder in Thüringen, in Liebhabertheatern in Koblenz, Meiningen und Bad Lauchstädt und im Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Hier wurde der Briefwechsel zwischen Fritz Usinger und Erich Kästner vorgestellt. Ein Höhepunkt war die Aufführung von "Lotte in Weimar" am authentischen Ort, dem Hotel "Elephant". Diese Fahrten organisierte ihr Mann Hans Wolf oft zusammen mit dem Geschichtsverein, und die beiden traten auch als "gemischtes Doppel" auf, wie es ein Teilnehmer formulierte, etwa mit mittelhochdeutschen Texten beim Mittelaltermarkt während des Stadtkirchenjubiläums 2006.

Letztes Gedenken an Hölderlin

Thematisch begann Margarete Wolf mit den Friedberger Autoren Usinger und Benrath. Im Herbst wurde öfters der neue Roman, der den Deutschen Buchpreis erhalten hatte, vorgenommen. Länder des Weltgebetstages wurden bei der Auswahl ebenso berücksichtigt wie besondere Jubiläen für Shakespeare, Schiller, Kleist, Heine, Büchner, Fontane, Hesse, Frisch. Autorinnen wurden bevorzugt: Ebner-Eschenbach, Seghers, Langgässer, Allende, Munroe , Morrisson, Austen. Und immer wieder Lyrik: Eichendorff, Trakel, Domin, Kirsch, Ausländer, Czymborska, Bachmann, Sachs, Kaleko und aktuell Jan Wagner. Autoren wie Kafka, Roth, Oz, Andersch, Lenz, Fallada Grass ergänzten das Angebot - um nur einige zu nennen.

Margarete Wolf bereitete die Sitzungen akribisch vor, aber es ging nie akademisch zu, selbst bei der Behandlung der literarischen Form des Sonetts nicht. Alle Meinungen waren willkommen, es gab kein richtig oder falsch, immer nur engagiert und interessiert. Ihre leise Führung des Gesprächsfadens wurde als sehr wohltuend empfunden. Ein letztes Gedenken galt im August dieses Jahres Friedrich Hölderlin.

Mit einem literarischen Spaziergang im Schlosspark von Laubach endete diese Veranstaltungsreihe, die über 16 Jahre interessierte Frauen motivierte zu lesen und in Gesellschaft darüber in Austausch zu treten.

Das Gemeindeleben wurde durch Frau Wolf bereichert, zumal sie für den Gemeindebrief ebenfalls öfters literarische Impulse setzen konnte. Die Teilnehmerinnen würdigten ihre Leistung mit dankbaren Worten und Geschenk.

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