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Anna Mense ist eine der wenigen deutschen Forscherinnen innerhalb der akademischen Philosophie, die sich mit dem Thema Liebe beschäftigen.

Philosophin im Interview

Liebesforscherin: Die Vorstellung der ewigen Liebe ist eine Bürde

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Liebe ist ihr Forschungsgebiet. Anna Mense ist Philosophin an der Universität Gießen. Im Interview spricht sie über ewige Liebe, die Bedeutung von Sex in Beziehungen sowie Freundschaft zwischen Männern und Frauen.

Frau Mense, was sagen Sie als Liebesforscherin: Gibt es einen Partner fürs Leben?

Anna Mense(lacht): Ich glaube, das muss zumindest nicht notwendig der Fall sein. Die Erwartung, dass die Liebe mit einem Partner das ganze Leben über hält, wird in der Philosophie und der Soziologie die Metaerzählung der Liebe genannt. Sie gibt dem Leben einen Sinn und erklärt, warum alles genau so gelaufen ist und nicht anders. Ich denke aber, dass diese Erzählung eine Bürde für Liebende sein kann. Sie verpflichtet sie dazu, alles zu ertragen und auch angesichts ernster Probleme beharrlich zusammen zu bleiben. Das kann zum Beispiel in Fällen häuslicher Gewalt dramatisch enden.

Also passt nicht auf jeden Topf ein Deckel?

Mense:Ich weiß nicht, warum das der Fall sein sollte. Wieso sollte man nur mit einem einzigen und sonst keinem Menschen die Chance haben, glücklich zu sein? Wer so denkt, schränkt den Kreis der Menschen unnötig ein, die liebenswert sind und mit denen man stabile Verhältnisse eingehen könnte. Dass das problematisch ist, sieht man dann, wenn Beziehungen auseinanderbrechen. Dann hat man unter Umständen keinen Rückhalt - auch nicht in Freundschaften.

Gibt es platonische Beziehungen zwischen Männern und Frauen überhaupt?

Mense:Ja. Ich denke aber, man sollte Freundschaften generell als Liebesbeziehung verstehen. Die Ansicht, dass eine Beziehung eine Liebesbeziehung ist, sobald Sex im Spiel ist, wird familiären und freundschaftlichen Beziehungen nicht gerecht. Auch da ist Liebe im Spiel. Intimität und Nähe werden nicht durch Sexualität hergestellt, sondern auch auf andere Weise. Das kann durch Gespräche sein, durch intellektuellen Austausch, durch künstlerische Schaffensprozesse sein oder einfach, weil man viel zusammen macht.

Wie wichtig ist Sex für ein liebendes Paar?

Mense:Das kann ich leider nicht beantworten. Natürlich gibt es die Norm, dass romantische Liebesverhältnisse immer Sex einschließen. Wie bei Freundschaften ist für mich jedoch entscheidend, dass die Partner sich einander nahe und in einem intimen Verhältnis fühlen. Wie sie das herstellen, sollte sich daran orientieren, was ihnen persönlich wichtig ist - und das muss nicht zwangsläufig Sexualität sein.

Was macht einen guten Liebhaber aus?

Mense:Aus der Philosophie habe ich gelernt, wie wichtig Verständigung ist. Sich gegenseitig zuhören, Fragen stellen und sich verstehen zu wollen ist für eine Liebesbeziehung essenziell. Es ist aber nicht immer leicht, seine Gefühle, Wünsche, Bedürfnisse und Sorgen zu formulieren und mitzuteilen - gerade, wenn Konflikte auftreten.

Konflikte und die tragischen Seiten der Liebe gehören zu Ihren Forschungsfeldern.

Mense:Ja, genau. Ich erforsche negative Gefühle und die Möglichkeit, in Liebesbeziehungen zu scheitern. Dazu hinterfrage ich Idealvorstellungen wie die wahre und unendliche Liebe und interessiere mich für Wut, Angst, Sorgen und Verzweiflung in Liebesbeziehungen. Ich möchte herausfinden, was es für die Liebe heißt, dass sie nicht notwendig eine Erfolgsgeschichte sein muss.

Wie kamen Sie auf die Idee, sich beruflich damit zu beschäftigen?

Mense:Ich habe viele Romane gelesen, Belletristik und Lyrik. Diese Liebesgeschichten sind oft konfliktreich - voller Spannungen und Leid. Zum Beispiel in "Malina" von Ingeborg Bachmann, "Die Klavierspielerin" von Elfriede Jelinek oder im Film "Paris, Texas" von Wim Wenders. Ich habe mich gefragt, wieso es in der Liebe auch so viele negative Gefühle gibt, und angefangen, philosophische Bücher dazu zu lesen. Das Erstaunliche war: Es gab vorwiegend blumige, euphorische Beschreibungen der Liebe, zu Konflikten gab es fast nichts.

Wie sieht Ihre Arbeit konkret aus?

Mense:Meist sitze ich am Schreibtisch und lese oder schreibe Texte. Das kann einsam sein. Aber ich reise auch herum und diskutiere meine Ideen auf Konferenzen und in Workshops.

Gibt es viele Liebesforscher?

Mense:In der Philosophie gibt es hier und da vereinzelt Leute, aber keine große Community. In der "Society of Philosophy of Sex and Love" sind neben mir nur zwei weitere deutsche Mitglieder gelistet. International gibt mehr Forscherinnen und Forscher.

In ihrer Arbeit schauen Sie sich auch an, wie Liebe in den Medien, etwa in Filmen, dargestellt wird. Wie schlimm ist es?

Mense:Klar sind romantisierende Darstellungen von Liebe in der Überzahl. Sie zeigen etwa, wie ein Paar zusammenkommt. Wie die Beziehung danach läuft, ist dagegen seltener Thema, obwohl das interessant wäre. Vielen der von Medien vermittelten Idealvorstellungen stehe ich skeptisch gegenüber. Menschen bekommen dadurch falsche Erwartungen.

Was erwarten die Menschen fälschlicherweise von der Liebe?

Mense:Zum Beispiel, dass die große Liebe nur vorbeikommen muss, und dann wird alles gut. Das verleitet einen dazu zu glauben, dass man nichts dafür tun muss und es einfach das Schicksal ist. Dabei muss man sich sensibilisieren und lieben lernen.

Lieben lernen - wie geht das?

Mense:Indem man zwischenmenschliche Beziehungen pflegt, etwa auch Freundschaften und Familienkontakte. So lernt man viel über sich selbst, etwa welche Nähe oder Distanz man zu anderen Menschen braucht. Oder wie wichtig einem Unabhängigkeit ist. Zudem verbessert man seine Kommunikations- und Konfliktlösungsfähigkeiten. Es gibt aber auch Dinge, die in jeder Beziehung neu ausgehandelt werden und die bei jedem Partner individuell verschieden sind. Etwa wie man miteinander leben möchte.

Liebe hat also viel mit Zwischenmenschlichkeit zu tun?

Mense:Unbedingt. Ich glaube, Liebe befällt uns nicht einfach und wir erleben sie, ohne etwas zu tun. Ich glaube, Liebe entsteht, wenn wir sie vollziehen, zum Beispiel indem wir jemanden küssen oder berühren. Ich sehe Liebe nicht als Gefühl, sondern als Handlung. Das nimmt Druck raus. Wenn man etwas macht, kann man es auch falsch machen - und das muss nicht das Aus bedeuten, so wie wenn das Gefühl Liebe auf einmal weg ist. Man kann aus Fehlern lernen und es wieder probieren.

Hass in der Gesellschaft ist derzeit heiß diskutiert. Braucht die Welt mehr Liebe?

Mense(lacht): Im Großen und Ganzen wahrscheinlich schon, aber ich glaube nicht, dass Liebe alleine die Welt rettet. Im Gegenteil: Romantische Liebe kann zur Fokussierung führen, die dem Weltgeschehen nicht dienlich ist. Wenn jemand die Welt retten will, sollte er oder sie sich politisch engagieren. Ich glaube aber, dass wir durch liebende Beziehungen eine Haltung einnehmen, in der wir andere Menschen wertschätzend behandeln, ihnen zuhören, Konflikte gewaltfrei austragen und Einigungen erzielen. Diese Fähigkeiten sind im sozialen, politischen und transnationalen Bereich sehr wichtig.

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