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Wie der letzte Dreck

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Irgendwann will Ben ein normales Leben anfangen, ohne Schnaps, Bier und Drogen.	(Foto: Wagner)
Irgendwann will Ben ein normales Leben anfangen, ohne Schnaps, Bier und Drogen. (Foto: Wagner) © Jürgen Wagner

Friedberg (jw). Um 20 Uhr sitzt der Deutsche vor dem Fernseher. Erst die »Tagesschau«, dann ein Krimi oder eine Quizshow. Selbst im Sommer sind die Straßen dann oft leer. Nur am Konrad-Adenauer-Platz in Friedberg ist immer was los. Ein junger Mann erzählt bereitwillig sein Leben. Es ist die Geschichte eines totalen Absturzes.

Ein knappes Dutzend Leute sitzt auf den Bänken, raucht, trinkt Bier, unterhält sich. Ob da jemand so auf die Schnelle sein Leben erzählen will? »Das macht der Ben«, meint einer. Ben (Name geändert) guckt hoch und sagt: »Hier, ich, ich kann dir was erzählen.« Ben ist 30, wohnt seit Kurzem in Friedberg, lebt von Harz IV, hat die klassische Drogenkarriere hinter sich – und steckt noch mitten drin. Er will sich den Frust von der Seele reden, und da gibt es viel zu erzählen.

»In der 8. Klasse hat es angefangen«, sagt Ben. Er trank zwei Flaschen Jägermeister am Tag, wurde dadurch aggressiv. Das Kiffen brachte ihn wieder runter, wirkte beruhigend. Aber wo es Haschisch zu kaufen gibt, gibt es auch Heroin, und dann ging alles ganz schnell: Als er realisierte, wie viel Geld damit zu machen ist, stieg er ins Dealergeschäft ein. Als er sah, wie die Droge wirkt (»Die anderen waren total dicht, das wollte ich auch«), schnupfte er Heroin, probierte Crystal Meth, Amphetamine »und anderes Zeugs«. Irgendwann hing er an der Spritze. Die Narbe an seinem Arm ist bräunlich und sieht verknotet aus.

Heroin sei »übelst der Hammer«. In dieser Beschreibung schwingen Abscheu und Bewunderung gleichzeitig mit. »Kennst du den Kinofilm ›Trainspotting»? Da sagt einer: ›Nimm deinen besten Orgasmus, multiplizier ihn mit 1000 und du bist noch nicht mal nah dran!»« Andererseits sei Heroin der Anfang vom Ende. »Ich fühle mich wie der letzte Dreck.« Seit vier Jahren ist er im Methadonprogramm, schluckt gegen seine Angstzustände starke Beruhigungsmittel. Heute hat er »ein paar Bier« getrunken, die Wodkaflasche (»Die hab ich geklaut«) ist fast leer. Ben nuschelt ein wenig, sein Blick ist glasig. »Ich weiß aber genau, was ich sage.« Ben ist ein intelligenter junger Mann. Als Kind sei bei ihm ein IQ von 126 festgestellt worden. »Ein bisschen was habe ich weggesoffen. Wenn noch 110 übrig sind, wär’s gut.«

Mehrmals im Knast

Dass er trotzdem im Leben kein Bein auf den Boden bekommt, kann er sich auch nicht erklären. Zigmal kam er mit dem Gesetz in Konflikt, wurde beim Dealen und Klauen erwischt. »Die längste Strafe waren 15 Monate Jugendknast.« Ein Kumpel schuldete ihm 2000 Euro für ein Kilo Haschisch. Es kam zum Streit, Ben versetzte dem Kumpel einen Faustschlag, dessen Brille ging zu Bruch, ein Glassplitter verletzte ein Auge schwer. Es war nicht sein letzter Gefängnisaufenthalt. Immerhin absolvierte Ben in der JVA einen Zerspanungslehrgang. »Ich kann schweißen, drehen, fräsen.« Die Lehre als Kfz-Mechaniker schloss er nicht ab. »Ich hab bei der Prüfung versagt.« Die Jobkomm hat ihm eine Maßnahme verschafft. »Ich muss mich aber erst mal krankschreiben lassen. Mir geht’s grad nicht so gut.«

Je länger man Ben zuhört, desto eher hat man den Eindruck, dass alles, was er anpackt, über kurz oder lang in die Hose geht: das Verhältnis zu den Eltern, das Leben im Heim für Schwererziehbare, Schule, Ausbildung, Jobs, Therapien, die Beziehung zu Freundinnen. Alles ging in die Brüche. Mit einer Ex-Freundin hat Ben zwei kleine Kinder. »Die sind bei Pflegeeltern, meine Ex hat einen Selbstmordversuch hinter sich.« Als er vor Jahren aus seiner alten Heimat zum Methadonprogramm nach Frankfurt fuhr, fehlte ihm das Geld für die Fahrkarte. »Das gab wieder ein paar Monate Knast fürs Schwarzfahren.« Mit der letzten Freundin hat er sich verkracht. »Ich hatte Bock auf einen Rückfall. Sie hat auf den Kontoauszügen gesehen, dass ich in Frankfurt Geld abgehoben habe. Da war ihr alles klar.« Sein Zimmer in einem Altbau auf der Kaiserstraße, das er mir nach dem Gespräch zeigt, ist »ein Loch«, wie er sagt. Dunkel, ohne Küche, nur spärlich eingerichtet, das Bad muss er mit dem Nachbarn teilen. Alleine in der Bude rumzuhängen, bringe es nicht. Also geht er zu den Kumpels am Konrad-Adenauer-Platz.

Lebensmittel holt sich Ben bei der Tafel. »Wenn’s die nicht gäbe, würden viele vor die Hunde gehen. Die hatten neulich belegte Brötchen. Ich hab mich gefreut wie ein Kind.« Oft wisse er nicht, wie er sein Essen bezahlen soll. Bier und Tabletten kosten schon genug Geld. Mal angenommen, er würde 2 Millionen im Lotto gewinnen. Was würde er damit anfangen? »1,5 Millionen bekämen meine Kinder, 250 000 die Ex, 150 000 würde ich verfeiern und mit 100 000 Euro würde ich ein anständiges Leben anfangen.« Dann steigen ihm Tränen in die Augen.

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