Mit vollem Einsatz

Lehrerinnen aus Leidenschaft

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Fürs Burggymnasium Friedberg reisen Franziska Langer und Laura Klaus Hunderte Kilometer, arbeiten in Freistunden und halten Nattern. Ein Interview über Engagement, Lehrpläne und Alltagstrott.

Kürzlich haben Sie ein Schulprojekt aus ihrem Biologieunterricht in Friedberg bei einem deutschlandweiten Lehrerwettbewerb in Berlin vorgestellt und gewonnen. Wie war’s?

Laura Klaus: Spannend. Als Lehrerin ist man sonst selten auf Dienstreise. Am interessantesten fand ich den Austausch mit engagierten Lehrkräften aus ganz Deutschland.

Franziska Langer: Beim Lehrerwettbewerb haben wir unsere Tomatenzucht an einem Stand präsentiert und in einem Kurzvortrag vor etwa 200 Lehrkräften vorgestellt. Es gab auch schon Rückmeldung, dass einige Lehrer das Tomaten-Projekt, das 2016 erstmals vorgestellt wurde, nun auch an ihren Schulen durchführen – die Vererbungslehre zum Anfassen und Essen kommt an.

War das für Sie Arbeits- oder Freizeit?

Klaus: Beides. Wir sind an einem Donnerstag nach Berlin gereist und waren dafür zwei Tage von der Schule freigestellt. Aber unser Wochenende haben wir ebenfalls auf der Messe verbracht.

Langer: Für die Vor- und Nachbereitungen – wie auch für andere außerordentliche Projekte – treffen wir uns jede Woche in einer Doppelstunde, die wir eigentlich freihaben. Jeden Donnerstag kommen wir zur ersten anstatt zur dritten Stunde.

Die ersten Jahre als Lehrerin sind richtig hart

Laura Klaus (29)

Sie sind als Lehrerinnen sehr engagiert. Können Sie sich vorstellen, warum es anderen Kollegen nicht (mehr) so geht?

Langer: Aktuell habe Spaß daran, kreative Projekte zu verwirklichen. Ich kann aber verstehen, wenn einem das zu viel wird. Zum Beispiel, wenn man Kinder zu Hause hat. Jetzt bin ich jung, aber wie wird es mir in 20 oder 30 Jahren gehen oder wenn ich Mutter bin? Es eine hohe Kunst, zu verhindern, dass sich langfristig ein Alltagstrott einschleicht.

Klaus: Es ist generell schwierig, etwas zusätzlich zu machen. 25,5 Stunden Unterricht pro Woche klingt vielleicht wenig, aber damit ist es nicht getan. Man braucht mindestens die doppelte Zeit, um den Unterricht vor- und nachzubearbeiten, Klausuren zu erstellen und zu korrigieren. Gerade wenn man anfängt, hat man nichts, worauf man zurückgreifen kann. Die ersten Jahre als Lehrerin sind richtig hart. Ich kann jeden Kollegen verstehen, der nur das macht, was er muss. Alles darüber hinaus bekommt man gedankt, mehr aber nicht.

Also, Berufung, nicht nur Beruf?

Klaus: Der Lehrerberuf und speziell die Biologie sind meine Berufung. Es ist meine Leidenschaft. Ich mache das unfassbar gerne – und werde glücklicherweise auch noch dafür bezahlt (lacht).

Langer: Dem kann ich mich nur anschließen. Die Tomaten, zum Beispiel, sind außerdem ein Hobby. Wir beide bauen auch zu Hause Tomaten an – und haben die Idee mit in die Schule gebracht.

Wie unterstützt die Schule Sie konkret dabei, außerordentliche Ideen umzusetzen?

Klaus: Für die Tomatenzucht konnten wir die Biosammlung nutzen, einen Raum in dem Unterrichtsmaterialien untergebracht sind.

Langer: Wir werden auch bei anderen Projekten unterstützt, zum Beispiel haben wir in der Schule verschiedene Tiere wie Kornnattern, Vogelspinnen, ein Chamäleon, Leopardgeckos, Stabheuschrecken und Fauchschaben. Es ist nicht selbstverständlich, dass eine Schule dafür Geld investiert.

Klaus: Übrigens haben wir kürzlich sogar einen Brief vom Bürgermeister bekommen, der uns seine Unterstützung zugesagt hat. Darüber haben wir uns sehr gefreut.

Wie viel Spielraum bietet der Lehrplan für eigene Projekte?

Klaus: Bedingt. Wir bringen schon unsere eigenen Ideen ein, aber Projekte müssen an den Lehrplan gekoppelt sein. Wir setzen unsere Tiere zum Beispiel im Unterricht ein, um die Pflege kümmert sich aber eine AG außerhalb der regulären Schulzeit.

Jetzt bin ich noch jung, aber wie wird es mir in 20 oder 30 Jahren gehen?

Franziska Langer (32)

Woher bekommt mal als Lehrer eigentlich Arbeitsblätter und Unterrichtsmaterial?

Klaus: Schulbuchverlage geben Unterrichtsmaterialien für Lehrer heraus. Die muss man sich in der Regel privat kaufen. Jeder Lehrer hat daher seine eigene kleine Bibliothek zu Hause.

Langer: Einige Schulen haben Sammlungen, denn zu den Büchern für Schüler gibt es meist passende Lehrerbände mit Lösungen und praktischen Tipps. Eigene Materialien darf man natürlich auch benutzen.

In Berlin haben Sie sich für den EU-Entscheid 2019 in Portugal qualifiziert. Wann geht’s los und was ist geplant?

Klaus: Bis das Science on Stage Festival vom 31. Oktober bis 3. November 2019 stattfindet, ist noch etwas Zeit. Aber wir sind schon gut ausgelastet bis dahin. Im nächsten Jahr wollen wir wieder Tomatenpflanzen kreuzen, um zu schauen, ob unsere bisherigen Ergebnisse reproduzierbar sind.

Langer: Wir wollen eine Anleitung zusammenstellen, mit der andere Lehrer in ganz Europa unser Projekt in ihren Klassen nachmachen können. Die muss es dann auch in Englisch geben – vielleicht kann das ein neues Projekt für den Englischkurs werden (lacht).

Info

Friedberger Tomaten-Projekt

Wie sich Merkmale von einer zur nächsten Generation vererben, lernt man im Biologieunterricht meist nur anhand von Büchern. Nicht so am Burggymnasium Friedberg: Im Unterricht von Franziska Langer und Laura Klaus züchten Schüler Tomaten aus Samen selbst gekreuzter Pflanzen. Anhand der Größe, Farbe und Form der Tomaten lernen sie die Regeln der Vererbung. Das Projekt hat nun die Gelegenheit, Schule zu machen in Deutschland und in Europa – Langer und Klaus setzten sich beim nationalen Science-on-Stage-Bildungsfestival in Berlin durch und vertreten Deutschland im November 2019 in Cascais (Portugal) beim größten Lehrerfestival für Naturwissenschaften in Europa. (bf)

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