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Laufen für Anfänger: Wider die Trägheit der Masse

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Die Trainer Carmen (gelbes Shirt) und Lutz (schwarz) vom ASC Marathon führen das Feld des Lauftreffs an, der WZ-Reporter (Mitte) hält locker mit (zumindest auf den ersten 20 Metern).
Die Trainer Carmen (gelbes Shirt) und Lutz (schwarz) vom ASC Marathon führen das Feld des Lauftreffs an, der WZ-Reporter (Mitte) hält locker mit (zumindest auf den ersten 20 Metern). © Nicole Merz

Friedberg/Bad Nauheim (jw). Wie komme ich aus der Nummer bloß wieder raus? Weglaufen? Geht nicht, denn es geht ja ums Laufen. Der ASC Marathon Friedberg bietet einen Laufkurs für Anfänger an, und da der Reporter der Mittelstürmer unter den Journalisten ist, geht er dorthin, wo’s wehtut und ist dabei.

Lauftrainer Lutz Brinkmann gibt das Ziel vor: In drei Monaten sollen wir sieben Kilometer laufen. Das macht bei zwölf Lauftreffs pi mal Daumen 583 Meter pro Termin, rechne ich aus, aber in Mathe war ich in der Schule noch schlechter als beim Dauerlauf. Sieben Kilometer am Stück sind gemeint. Sieben Kilometer! Utopisch! Wie soll ein normaler Mensch das schaffen? Am besten, indem man einfach anfängt.

Den Lauftreff des ASC Marathon gibt es seit vielen Jahren, montags und mittwochs um 18.15 Uhr treffen sich die Freizeitsportler auf dem Parkplatz des Usa-Wellenbads in Bad Nauheim unter einem großen Schild, von dort geht’s Richtung Johannisberg. Der Einsteigerkurs ist neu. »Wir zeigen Euch die Grundlagen, fangen langsam an, wollen es nicht übertreiben und legen Gehpausen ein«, verspricht Lutz. Beim Sport sind alle per du, das wirkt vertrauensbildend, und vor allem die Sache mit den Gehpausen klingt beruhigend.

Der Kurs ist kostenlos, keiner muss Mitglied im Verein werden, sagt Lutz: »Wir wollen einfach den ein oder anderen für das Laufen begeistern und Spaß dabei haben.« Kurz stellte er die ASC-Präsidentin Carmen vor, die Namen der übrigen Teilnehmer fragt er erst gar nicht ab. »Ich hatte mit fünf oder sechs Läufern gerechnet.« Mehr als 40 sind gekommen, und dazu noch ein gutes Dutzend »Profis«, die sich schnellen Fußes Richtung Wald verabschieden.

»Ich hab’ im Herbst angefangen und schon zehn Kilo abgenommen«, erzählt eine Frau. Das macht Mut. Manche sind noch nie gelaufen, wollen endlich mal was für ihre Fitness tun. Andere sind Wiedereinsteiger, so wie der Dorheimer Naturbursche, der mir rät, es langsam angehen zu lassen. »Wichtig ist nicht, wie schnell man läufst, sondern dass man läuft und sich eine Stunde lang bewegt.« Dann sei der Körper zwar müde, der Kopf aber sei frei. »Meine Frau sagt immer, wenn du nicht läufst, maulst du nur rum.« Na, dann mal los.

Die Sache mit den Schmerzen

Der Pulk setzt sich in Bewegung, über den Parkplatz geht’s zu den Pferdeställen. Lutz, Carmen und ich vorneweg, der Dorheimer Naturbursche und die anderen folgen uns. Der Mensch besitzt 656 Muskeln. Ungefähr die Hälfte davon tut mir nach 200 Metern höllisch weh. Die Oberschenkel sind heiß, die Unterschenkel glühen, die Füße brennen. Wäre jetzt ein Fußball im Spiel, dem man hinterherrennen könnte, würde ich vermutlich nichts spüren. Aber ich bin wie weiland Joschka Fischer noch auf dem langen Weg zu mir selbst, wobei sich dieses Ich gerade auf meine schmerzende Muskulatur reduziert.

»Wer Schmerzen hat, sollte zum Arzt gehen und aufhören zu trainieren.« Diesen Satz aus Achim Achilles’ »Die zehn wichtigsten Fragen« zum Thema »Laufen anfangen« hatte ich mir als Hintertürchen bereit gehalten. So könnte ich aus der Sache doch noch rauskommen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht leise aufheulen, Mitleid erheischen und mich dann vom Acker machen. Aber die Masse zieht mich mit.

Während der Dorheimer Naturbursche, der mindestens zehn Jahre älter ist als ich, locker an mir vorbeizieht und ich mich aus journalistischen Gründen im Feld zurückfallen lasse, damit ich das Geschehen von hinten im Auge habe, kommt mir die »Psychologie der Massen« des französischen Soziologen Gustave Le Bon in den Sinn.

Laut dessen »Ansteckungstheorie« üben soziale Gruppen eine hypnotische Wirkung auf ihre Mitglieder aus. Man gibt seine eigene Verantwortung völlig auf, ergibt sich den ansteckenden Gefühlen der Masse. Und läuft einfach weiter, immer weiter – bis die (körpereigene) Trägheit der Masse dem Treiben ein Ende setzt. Aber es gibt ja Gehpausen. Gehpausen sind klasse. Nichts geht über Gehpausen. Der ASV Marathon sollte einen Kurs »Gehpausen für Anfänger« anbieten. Da kämen noch mehr Leute. Einziges Manko: Irgendwann endet jede Gehpause und wir laufen weiter, einmal rund um die Pferdeställe, den Piratenspielplatz und das Usa-Wellenbad, insgesamt sagenhafte 1,4 Kilometer, bis wir mehr oder weniger erschöpft wieder am Parkplatz ankommen. Die erste Etappe ist geschafft und ich auch.

Der Muskelkater am nächsten Tag ist gar nicht so schlimm. Das liegt wohl an den Dehnübungen, die uns Lutz nach der halbstündigen Runde gezeigt hat. Waden, Schenkel, Rücken, das ganze Programm, dazu Erläuterungen, wie man den Fuß richtig aufsetzt, um die Last beim Auftreten zu verteilen. Bis zum nächsten Mal hat uns Lutz empfohlen, ein- oder zweimal kleinere Runden zu laufen, und da Gehpausen erlaubt sind, werde ich das befolgen. Denn eines ist klar: Am Montag bin ich wieder dabei. Und der Dorheimer Naturbursche und all die anderen angehenden Marathonläuferinnen und -läufer auch. Die sieben Kilometer schaffen wir, wenn’s sein muss sogar am Stück.

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