Waschbeton-Kunst: Der Brunnen am Konrad-Adenauer-Platz ist seit eineinhalb Jahren außer Betrieb. Die Technik ist marode, das Wasser nicht genießbar.
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Waschbeton-Kunst: Der Brunnen am Konrad-Adenauer-Platz ist seit eineinhalb Jahren außer Betrieb. Die Technik ist marode, das Wasser nicht genießbar.

Ist das Kunst oder kann das weg?

Friedberg (jw). Was nicht funktioniert, kommt weg: Vier der sieben städtischen Zierbrunnen sollen abgerissen oder eingeebnet werden.

Vor Monaten bereits hatte ein Ingenieurbüro Gefahren durch Trinkwasserverkeimung und Mängel in der Technik festgestellt sowie die Kosten für die Sanierung geschätzt. Alleine die Sanierung des Brunnens am Konrad-Adenauer-Platz würde 120 000 Euro verschlingen. Zu viel, meint der Magistrat und schlägt den Abriss vor. Die Tippelbrüder und Billig-Bier-Bohemiens, die sich hier täglich treffen, sind wenig erfreut.

Donnerstagmittag am Adenauerplatz, auf einer der Bänke sitzen vier Männer. Die Sonne scheint, Bier und kaltes Schnitzel aus der Plastikschale scheinen vorzüglich zu schmecken. Doch die Idylle trügt, etwas fehlt. Seit gut eineinhalb Jahren steht der Brunnen still. "Das ist schade", sagt ein 60-jähriger Friedberger und ergänzt, ein Abriss wäre eine Schande. "Der hat doch schließlich Geld gekostet." "Der Brunnen ist das, was uns hierher zieht", sagt sein 63-jähriger Nebenmann. "Im Sommer spendet er frische Luft, für Ältere ist das gut. Wir sind nämlich alle Rentner von Beruf. Und man muss sich doch auch mal erholen dürfen." Und die Ästhetik? "Ist Geschmackssache", meint der 60-Jährige. "Also gut, schön ist was anderes", gibt ein 40-Jähriger zu bedenken. "Aber wenn’s blubbert, schafft das Atmosphäre."

Mit dem atmosphärischen Blubbern ist es auch anderswo längst vorbei. An allen sieben Brunnen stellten die Ingenieure Mängel fest, besonders arg sieht es an drei Orten aus. Neben dem Adenauerplatz ist dies der Brunnen in der Lutheranlage, der unter Bäumen an einem Kinderspielplatz liegt. Selbst bei einer Sanierung bliebe er ein "Verschmutzungs- und Servicefall" und würde viel Geld verschlingen. Er soll zu einem Pflanzbeet umgestaltet werden. Auch der Brunnen am Bahnhof wirkt wenig einladend, die Stadt müsste über 100 000 Euro aufbringen, um ihn zu sanieren. Auch er soll weg.

Das gilt auch für den Röhrenbrunnen in Ossenheim. 6000 Euro würde die Brunnentechnik kosten, das desolate Waschbetonbecken und die Mauer mit Bodenplatten würden im derzeitigen Zustand bleiben. Der Ortsbeirat Ossenheim wollte darüber am Donnerstagabend diskutieren. Drei Brunnen sollen erhalten bleiben. Der St.-Georgs-Brunnen in der Burg ist im Besitz des Landes Hessen, die Stadt will darauf dringen, dass er eher als geplant saniert wird. Zudem sammeln eine Bürgerinitiative und der Geschichtsverein Spenden für die Instandsetzung. Die wenigsten Probleme macht der 1992 errichtete Brunnen vor dem Bürgerhaus in Ossenheim. Er kann laut Ingenieurbüro "mit einfachen Mitteln wieder auf den Stand der Technik gebracht werden".

Bleibt der Brunnen am Fünffingerplatz in der östlichen Altstadt. Für den Ortsbeirat der Kernstadt, der sich am Mittwochabend mit der Thematik beschäftigte, steht fest, dass diese Anlage erhalten bleiben muss. "Ein Abriss wäre ein schlechtes Zeichen für die Altstadt", meinte Johannes Contag (Grüne). Sibylle Wodarz-Frank (CDU) schlug vor, die Musterschule für eine Patenschaft zu gewinnen: Schulkinder, die einen Brunnen säuberten, würden ihn auch nicht verschmutzen. Dieser Logik steht nach den Worten von Stadträtin Gesine Haake (SPD) die Wirklichkeit im Wege: "Der Brunnen ist eine Kloake, an den darf man kein Kind ranlassen." Ortsvorsteherin Evelyn Weiß (SPD) regte an, Schüler und Anwohner sollten Pflegepatenschaften für Blumenbeete übernehmen. "Das ist Erziehung zur Sauberkeit."

Entree fürs Alte Hallenbad

Letztere mahnte Achim Güssgen (FDP) generell an und verlangte von der Stadtverwaltung eine Aufstellung der Kosten für die Reinigung der Brunnen. Torsten Bietz (CDU) wollte weitere Kosten zum Brunnen am Fünffingerplatz wissen: Wie teuer kommt eine Freistellung der Säule und ein Abbau der Brunnenschale, wie teuer eine Verlegung an einen anderen Ort? "Wenn wir nicht wissen, wie teuer die Alternativen sind, können wir nicht entscheiden."

Die Brunnen werden die parlamentarischen Gremien weiter beschäftigen, das letzte Wort hat das Stadtparlament. Nicht ganz klar ist, wann genau die einzelnen Brunnen errichtet wurden. In der Magistratsvorlage heißt es "vermutlich in den 1970er Jahren". Laut WZ-Archiv wurden im Frühjahr 1972 nur drei (Zier-)Brunnen in der Kernstadt gezählt: der Georgsbrunnen, der Brunnen am Bahnhof und das "attraktive Wasserspiel" auf dem Goetheplatz. Anfang des 20. Jahrhunderts waren es noch 13 Brunnen und fünf "Pfuhle", mit der zentralen Wasserversorgung wurden sie überflüssig, dienten nur noch zur Zierde.

Doch ist der Brunnen am Adenauerplatz eine Zierde? Im Ortsbeirat gab es zumindest keine lautstarken Bekundungen, den Brunnen zu erhalten. Erbaut wurde er spätestens 1974. Im März jenes Jahres berichtete die WZ von Verschmutzungen und verstopften Rohrleitungen des "neuen" Brunnens. Zwei Jahre später wird er als "hübsche Anlage" bezeichnet. Die Geschmäcker ändern sich.

Bevor der Waschbeton-Kübel installiert und der Platz nach dem ersten Nachkriegs-Bundeskanzler benannt wurde, standen dort das evangelische Pfarrhaus, das Gefängnis und ein Geschäftshaus. In einigen Jahren soll das Dreieck zwischen Haagstraße und Schnurgasse abermals sein Gesicht verändern. Das von Parkplätzen umgebene Areal soll zum neuen Entree des Alten Hallenbads werden. Ein Brunnen, der nach Meinung der Politiker an "Gelsenkirchener Barock" erinnert, stört da. Obwohl das natürlich alles Geschmackssache ist. Der 63-jährige Friedberger, der am Donnerstagmittag vor Ort bereitwillig Auskunft gab, richtete ein flammendes Plädoyer an die Stadt: "Der Brunnen muss erhalten bleiben. Der hat was, das ist totale moderne Kunst."

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