"Ich wusste nicht, dass das so ein berühmter Mann war": Brigitte Leichtnam erinnert sich gerne an die Begegnung mit Otto Franz Kutscher. Der Bad Nauheimer Künstler hat darüber eine humorvolle Geschichte geschrieben.
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»Ich wusste nicht, dass das so ein berühmter Mann war«: Brigitte Leichtnam erinnert sich gerne an die Begegnung mit Otto Franz Kutscher. Der Bad Nauheimer Künstler hat darüber eine humorvolle Geschichte geschrieben.

Otto Franz Kutscher

Der Künstler und die Krankenschwester: Eine besondere Friedberger Erinnerung

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Otto Franz Kutscher ist vielen Wetterauern als Maler und Grafiker lebhaft in Erinnerung. Er war aber auch ein unterhaltsamer Erzähler. Eine ehemalige Krankenschwester erinnert sich an ihn.

Der lange Jahre in Bad Nauheim lebende Otto Franz Kutscher (1890-1971) erlebt gerade eine kleine Renaissance. 130 Jahre nach seiner Geburt und ein Jahr vor seinem 50. Todestag wurden Bleistiftzeichnungen gefunden, die im Alten Rathaus ausgestellt sind; dann tauchte der handcolorierte Entwurf einer Kratzputzarbeit an einer Bad Nauheimer Villa auf (die WZ berichtete). Leserbriefschreiber erinnern sich an den überzeugten Antifaschisten, den auch ein Umerziehungslager der Nazis nicht davon abhalten konnte, in finsteren Zeiten an humanistischen Werten festzuhalten.

Als Brigitte Leichtnam die WZ-Berichte las, wurde sie hellhörig. Und erinnerte sich an eine Episode aus ihrem Leben, in der Kutscher die Hauptrolle spielte: als Lausbub und Charmeur, der mit Worten zu spielen weiß.

Unfall und Sturz

»Rosen: Signal und Symbol« ist die Geschichte überschrieben, die 1965 zum 75. Geburtstag Kutschers in dem Bändchen »Goethe fährt im D-Zug 3. Klasse« erschien. 1959 war Kutscher Patient im Bürgerhospital Friedberg. Auf der Heimfahrt von einem Treffen der Freimaurer war der Wagen, in dem er und drei Freunde saßen, vom Straßenkreuzer eines »Alkohol-umnebelten Sergeanten« gerammt worden. Kutscher erlitt eine Gehirnerschütterung und eine Oberschenkelfraktur. Als die Blessuren verheilt waren, stürzte er und musste sich abermals ärztlich behandeln lassen.

Schon beim ersten Aufenthalt im Bürgerhospital war ihm »Schwester Brigitte« aufgefallen. Zwar konnte er sich - eine Folge der Gehirnerschütterung? - anfangs ihren Namen nicht merken, war aber nicht davon abzuhalten, der jungen Frau aus dem Bett heraus Komplimente zu machen.

Wunsch: Schlaflied statt Tablette

Mit Witz, Geist und Frotzeleien wollte er vielleicht nicht sofort ihr Herz gewinnen, aber zumindest »statt einer Tablette ein Schlaflied«. Und außerdem - wer wagt, gewinnt! - einen Gutenachtkuss.

Von wegen! Schwester Brigitte ließ sich nicht aus der Reserve locken. Da könnte ja jeder kommen. Sie könne nicht singen, antwortete sie, und für einen Gutenachtkuss habe sie »keinen dienstlichen Auftrag«.

Bumms, das saß! Aber Kutscher ließ nicht locker. Den »dienstlichen Auftrag« schrieb er selbst, in Form eines quasi offiziellen Schreibens des »Beauftragten für das Wohlbefinden empfindsamer Patienten im Bürgerhospital«, mit Unterschrift eines »Oberstadtinspektors« und selbst gezeichnetem Amtsstempel. Einen Vorschlag für ein Schlaflied liefert der Künstler gleich mit: »Schlaf, Kutscherlein, schlaf! / Bleib weiter lieb und brav! / Kutschiere in den Himmel ein, / dort wiegen dich die Engelein. / Schlaf, Kutscherlein, schlaf!« Es folgt der Zusatz: »Um die Wirkung des Liedes zu steigern, empfiehlt es sich, mit einem Gutenachtkuss einen tröstlichen Abschluss zu spenden.«

Schwester Brigitte hat eine Idee

Aber der schlitzohrige Künstler hatte nicht mit der Schlagfertigkeit von Schwester Brigitte gerechnet. Die nämlich baute vor dem Krankenzimmer einen Schallplattenspieler auf, legte Mozarts »Kleine Nachtmusik« ein und trat verkleidet mit einer Rose in der Hand ans Krankenbett. »Diese reichte sie mir mit hoheitsvoller Geste, nachdem sie die Blüte symbolisch an ihre Lippen geführt hatte.« Als Kutscher nach seiner Gesundung erfuhr, dass Schwester Brigitte nach Assenheim in eine Gärtnerei eingeheiratet habe, verzichtete er auf Rosen als Gegengeschenk. Stattdessen schickte er per Post die quasi amtliche Gutenachtkuss-Verfügung. Als seine autobiografischen Geschichten 1965 als Buch erschienen, widmete er ein Exemplar »der gutherzigen Schwester Brigitte«.

»Dafür bin ich sehr dankbar«, sagt Brigitte Leichtnam heute. »Das Buch ist für mich wie ein Orden, den ich sorgsam hüte.« Seit einiger Zeit lebt sie mit ihrem Mann in Friedberg, wo Kutscher ebenfalls Spuren hinterlassen hat. Im Stadtbauamt werden detailgetreue Ansichten der Häuser auf der Kaiserstraße aufbewahrt, im Alten Rathaus sind Wandmalereien zu bewundern. Kutscher entwarf neben anderen Arbeiten für die Industrie auch das Logo der Friedberger Zuckerfabrik.

Ein Leserbriefschreiber regte an, es wäre schön, würde sich ein Biograf finden, der dem Leben dieses so vielfach begabten Künstlers nachspürt. Am 29. Oktober 2021 jährt sich Kutschers Todestag zum 50. Mal. Das wäre ein guter Anlass für eine Ausstellung, eine Werkschau, ein Biografie.

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