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Im Krieg: Auftakt zur Reihe »Erinnern und Verstehen«

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Gegen die Sprachlosigkeit in Zeiten des Krieges: Pfarrerin Susanne Domnick und Dekan Volker Guth stellen die Veranstaltungsreihe vor.
Gegen die Sprachlosigkeit in Zeiten des Krieges: Pfarrerin Susanne Domnick und Dekan Volker Guth stellen die Veranstaltungsreihe vor. © Jürgen Wagner

Friedberg/Bad Nauheim (jw). Wie soll man die Erinnerung an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren und das Ende des Zweiten Weltkriegs vor bald 75 Jahren lebendig halten? Die Veranstaltungsreihe »Erinnern und Verstehen« des Evangelischen Dekanats Wetterau gibt Antwort auf diese Frage.

Der Wetterauer Dekan Volker Guth ist gerade von einem Besuch aus England zurückgekehrt. Dort hat er »skurrile Erfahrungen« gemacht. »Der Krieg ist dort ein Riesending für alle Generationen.« Kinder tragen Kostüme, auf Fußballfelder wird das Geschehen nachgespielt, ein Kampfgeschwader fliegt dabei über die Köpfe der Besucher. Man kann auch Pläne kaufen, auf denen man den Vormarsch der englischen Armee in Flandern nachspielen kann. »Das wollen wir nicht«, sagt Guth. Mit der Veranstaltungsreihe »Erinnern und Verstehen«, die am 1. August beginnt und am 8. Mai 2015 mit einem ökumenischen Gottesdienst in Friedberger Stadtkirche endet, beschreitet das Evangelische Dekanat Wetterau ganz andere Wege.

»Wir wollen mit der Veranstaltungsreihe deutlich machen, dass Krieg und Gewalt keine Mittel sind, um politische Auseinandersetzungen zu führen«, sagt Guth. Eine Erkenntnis, die brandaktuell ist, wie die Friedberger Pfarrerin Susanne Domnick schildert. »Ich habe am Sonntag über den Krieg im Gaza-Streifen gepredigt. Keiner hat nachher etwas dazu gesagt. Niemand will etwas mit dem Krieg zu tun haben, weil wir mitten drin sind.

« Genau das, machen Guth, Domnick und Pressesprecherin Annegret Rach bei der Vorstellung der Veranstaltungsreihe deutlich, macht die Brisanz des Themas aus. Alle sind selbst betroffen, und wenn es nur durch die (lange verdrängten) Erinnerungen der Eltern- und Großeltern-Generation ist.

Kein Land hat seine unheilvolle Vergangenheit so umfangreich aufgearbeitet wie Westdeutschland. Doch das war das Werk von Historikern, es geschah akademisch, nicht emotional. Diese These vertritt die Kölner Journalistin Sabine Bode in ihrem gerade erschienenen Buch »Kriegsenkel – Die Erben der vergessenen Generation«. Das Buch handelt von Traumata, schuldhaften Verstrickungen ins NS-Regime und der Frage, welchen Einfluss dies auf die »Kriegsenkel«, die heute zwischen 25 und 55 Jahre alt sind, hat. Am Donnerstag, 18. September, liest Bode im Theater Alten Hallenbad in Friedberg aus ihrem Buch und diskutiert mit den Gästen; der Eintritt ist frei, Beginn ist um 19 Uhr.

»Weltenbrand« nennt sich eine szenischen Collage über den Ersten Weltkrieg, die am Mittwoch, 29. Oktober, ab 20 Uhr in der Evangelischen Wilhelmskirche in Bad Nauheim gezeigt wird (Eintritt zwischen 8 und 13 Euro). Feldpostkarten seines Urgroßvaters, die dem Hamburger Schauspieler Oliver Hermann in die Hände fielen, offenbaren die Tragik eines jungen Mannes, der vier Jahre lang Tod und Vernichtung in unfassbarem Ausmaß erlebt hat.

Herfried Münkler liest und diskutiert

Kann man aus den Kriegen von gestern für den Frieden von heute lernen? Diese Frage steht im Mittelpunkt der Lesung »Von Verdun nach Bagdad«, zu der das Evangelische Dekanat den aus Friedberg stammenden Politologen Prof. Herfried Münkler für den 4. März 2015 nach Bad Vilbel eingeladen hat (Bibliotheksbrücke, Niddaplatz 2, Eintritt frei). Münkler gilt seit dem Erscheinen seines Buchs »Der große Krieg« als der Experte schlechthin für den Ersten Weltkrieg.

Eine ganz besondere Ausstellung wird am Freitag, 8. Mai, in der Friedberger Stadtkirche eröffnet: »Ich hab’ doch nichts mehr – Erinnerungsstücke der Kriegskinder« lautet der Titel. Immer wieder habe sie diesen ersten Satz bei der Suche nach Exponaten gehört, erzählt Domnick. Und dann ist plötzlich die Erinnerung wieder da und es taucht eine Fibel auf, welche der Vater einer Friedbergerin 1945 auf einer Schreibmaschine abschrieb und der Tochter zur Einschulung schenkte. Oder Puppen, Eisenbahnen und ein Kleid, die auf dem Dachboden lagen und heute das Geschehen des Krieges auch für »Kriegsenkel und -urenkel« wieder fassbar machen. Die Ausstellung wird danach in verschiedenen Kirchen im Dekanat gezeigt, es werden noch Erinnerungsstücke gesucht.

Ausführliche Infos zu der Veranstaltungsreihe unter wetterau-evangelisch.de.

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