Sophie Pfingstl mit Hund Lilly im Tierarztzimmer.
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Sophie Pfingstl mit Hund Lilly im Tierarztzimmer.

Unterstützung gesucht

Kreistierheim Wetterau: Probleme bei der Personalsuche – TV-Formate vermitteln falsches Bild

  • Bernd Klühs
    VonBernd Klühs
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Kommt Timo Schulz zur Arbeit, wird er von Hund und Katze freudig begrüßt. Deshalb macht ihm der Tierpfleger-Job Spaß. Der Beruf hat viele positive Seiten, aber das Tierheim findet keine Mitarbeiter.

Wetterau – Der Umgang mit unterschiedlichen Tieren mache den besonderen Reiz ihres Berufes aus, sagen die Tierpfleger Sophie Pfingstl und Timo Schulz. Beide sind seit Jahren im Kreistierheim in Rödgen tätig, wurden hier ausgebildet. »Jedes Tier hat seinen eigenen Charakter, das macht die Sache interessant«, sagt Pfingstl. Daneben genießt sie es, sich oft an der frischen Luft zu bewegen und viel Kontakt mit Menschen zu haben. Zur Pflicht gehören Reinigungsarbeiten, Pflege des Außengeländes und Fütterung.

Bei persönlichen Gesprächen und Telefonaten geht es meist um die Vermittlung von Tieren, was viel Zeit in Anspruch nimmt. »Wir begleiten den Interessenten etwa einige Male beim Spazierengehen mit dem Hund. Dabei stellen wir schnell fest, ob die Chemie zwischen Mensch und Tier stimmt«, sagt Pfingstl. Fragen nach den Wohn- und Familienverhältnissen, oft auch ein Besuch bei den potenziellen neuen Halter runden das Bild ab.

Wetterauer Kreistierheim: Aggressive Reaktion auf Ablehnung

Am Ende entscheidet der Pfleger, ob ein Tier vermittelt wird. Dabei erlebt das Personal immer öfter unangenehme Szenen. »Die Leute nehmen eine Ablehnung persönlich, reagieren aggressiv«, berichtet Schulz. Er nennt das Beispiel einer Freigänger-Katze, die eine Familie unbedingt haben wollte, obwohl sie an einer Hauptstraße wohnt. Die Absage sei nicht akzeptiert worden. Bei manchen Anrufen kann sich Schulz nur wundern; »Da hat jemand gefragt, ob wir auch Affen vermitteln.«

Angesichts des ausgereizten Tagesprogramms der vier Vollzeitkräfte bleibt wenig Raum für die wichtige Aufgabe, sich intensiv mit den Tieren zu beschäftigen. Im Heim landen meist Tiere, die irgendwo aufgefunden oder beschlagnahmt werden. »Die meisten haben eine Macke«, sagt Schulz.

Aufgabe des Personals ist es, ihnen wieder Zutrauen zu Menschen zu vermitteln. Angstbeißer an den Maulkorb zu gewöhnen, um sie allmählich an den Umgang mit Artgenossen heranzuführen, ist aufwendig. Selbst erfahrene Pfleger wie Pfingstl, die Ausbildungsbeauftragte ist, schätzen nicht immer alle Reaktionen ihrer Schützlinge rechtzeitig ein. »Zwei schwere Bisse habe ich während meiner 13-jährigen Tätigkeit bekommen.«

Der Tierpfleger-Beruf sei eben nicht ganz ungefährlich, weiß Heiko Färber, Vorsitzender des Trägervereins. Viele Leute hätten ein völlig falsches Bild, oft geprägt durch Fernsehserien über Zoos. »Dort sieht es so aus, als ob ein Tierpfleger den ganzen Tag über einen Affen bespaßen könnte«, sagt Färber schmunzelnd.

Tatsächlich habe es eine Pflegerin - die Mehrzahl der Beschäftigten seien Frauen - eben auch mit unberechenbaren Tieren zu tun oder Schwergewichten wie zwei Kangals (türkische Hirtenhunde), die manchmal kaum zu bändigen seien. Riskanter, so Schulz, sei allerdings der Biss von Katzen, der schnell zu Entzündungen führe. »Schlimmstenfalls kann das zur Amputation führen.« Färber stellt nur Fachkräfte ein, die aktuell nicht zu finden sind. »Wir brauchen mindestens eine Vollzeitkraft, die ich seit zwei Monaten vergeblich suche«, sagt er. Dabei sei Tierpfleger ein begehrter Beruf, und das Heim bilde selbst aus.

Beschlagnahmung: Auch Mut gefragt im Wetterauer Kreistierheim

Allerdings bringe die Tätigkeit zwei Nachteile mit sich: flexible Arbeitszeiten und schlechte Bezahlung - laut Färber oft nur 1500 Euro brutto im Monat. Im Kreistierheim, das sich am Tarif des öffentlichen Dienstes orientiere, werde aber deutlich mehr verdient. Den Mitarbeitern wird dafür eine Menge abverlangt, etwa Wochenenddienste und nächtliche Rufbereitschaft. Gerade im Frühjahr, wenn scheinbar hilfloser Tiernachwuchs gesichtet wird, melden sich viele Bürger. Pfingstl: »Leute beobachten den ganzen Tag einen jungen Vogel, der aus dem Nest gefallen ist, rufen aber erst um 23 Uhr an.«

In seltenen Fällen ist viel Mut erforderlich. Etwa als die zwei Kangals beschlagnahmt wurden. Färber: »Die Hunde waren tagelang allein in der Wohnung. Während sich der Polizist mit gezogener Waffe hinterm Auto versteckt hat, ist unsere Mitarbeiterin rein, um die großen Tiere zu holen.« Nicht nur im hauptamtlichen, auch im ehrenamtlichen Bereich hat das Tierheim Personalbedarf. Zwar gibt es viele Leute, die Hunde ausführen, aber immer weniger, die anpacken wollen, etwa bei der Gelände-Pflege oder Reparaturen.

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