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Nach Fichten und Buchen machen nun die Eichen den Förstern Sorgen. Der Eichenprozessionsspinner hat den kompletten Eichenbestand im Winterstein befallen. Thomas Götz, stellvertretender Leiter des Forstamtes Weilrod, warnt Spaziergänger vor den giftigen Härchen. Eine Berührung ist sehr schmerzhaft.

Eichenprozessionsspinner im Winterstein

Kompletter Bestand betroffen: Den Eichen geht’s an den Kragen

  • Jürgen Wagner
    VonJürgen Wagner
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Auf dem Winterstein sterben die Eichen. Noch sind es nur wenige, doch der Eichenprozessionsspinner, der die Bäume massiv angreift, hat den kompletten Eichenbestand befallen.

Eichen sind mächtige Bäume. Sie werden 45 Meter hoch und mehrere Hundert Jahre alt. Eichenholz gilt als hart und widerstandsfähig. So weit die Theorie. Thomas Götz, stellvertretender Leiter des Forstamtes Weilrod, deutet am Rande einer Schonung unweit des Forsthauses Winterstein auf die am Waldsaum stehenden Eichen. Einige sind fast kahl, ein Baum in Schräglage wird bald umfallen. Was man aber auch an scheinbar gesunden Bäumen erkennen kann: Überall hängen graue Gespinste.

Der Eichenprozessionsspinner hat längst den Weg aus den Städten in den Wald gefunden. Doch während die Rathäuser Baumpfleger engagieren, um die Insektennester mit Staubsaugern zu entfernen, wäre das im Wald eine aussichtslose Sache. »Hier gibt es 20 Kilometer Wanderwege. Das können die Waldbesitzer nicht zahlen«, sagt Götz.

Der Eichenprozessionsspinner ist ein Nachtfalter. Seine giftigen Härchen sind gefährlich für Mensch und Tier. Berührt man sie, lösen sie allergische Reaktionen und Atemnot aus. »Das sind Verbrennungen dritten Grades«, sagt Förster Götz. Durch den Klimawandel breitet sich der Nachtfalter immer mehr in Deutschland aus. 2021 hat sich die Lage zugespitzt.

Gefahr für Mensch und Bäume

»Bislang sind wir nur von einer Gefahr ausgegangen: die für den Menschen«, sagt Götz. Jetzt kommt eine zweite hinzu: Wie widerstandsfähig sind die Eichen im Wintersteingebiet zwischen Rosbach, Friedberg, Wehrheim, Ober-Mörlen und Butzbach? Eichen machen hier 30 Prozent des Baumbestandes aus. »Der Bestand ist komplett befallen. Fast an jeder Eiche hängt ein Nest.«

Das sei kein Wunder. Die Ausbreitung des Eichenprozessionsspinners beobachte man schon seit fünf Jahren. Aufgrund der letzten drei sehr trockenen Jahre seien die Bäume vorgeschädigt. Von Fichten spricht schon niemand mehr im Winterstein; nur vereinzelte Exemplare dieses sturmanfälligen Baumes findet man hier noch. Der Ahorn leidet unter der Russrindenkrankheit, der Borkenkäfer lässt die Buchen massenhaft absterben. »Jetzt sind die Eichen dran«, sagt Götz und zeigt auf mehrere Exemplare, die sich bedauerswürdig zur Seite neigen. »Das ist fast Kahlfraß.« Sein Job, sagt der Förster, mache momentan keinen Spaß.

Ein einmaliger Kahlfraß ist für eine Eiche kein Problem. Das sind robuste Bäume, denen es nichts ausmacht, wenn sich die sprichwörtliche Wildsau an ihnen reibt. Die kleinen Eichenprozessionsspinner sind ein anderes Kaliber. Treten sie mehrer Jahre hintereinander auf, wird die Vitalität des Baumes geschwächt. Die Anfälligkeit gegenüber weiteren Schädlingen wächst, Äste sterben ab, die Eichenmast fällt aus, wie in diesem Jahr.

Nicht nur die Mitarbeiter von Hessen Forst sorgen sich um den Befall der Eichen, auch Spaziergänger melden sich im Forsthaus. Ein Anrufer habe gesagt, die Lage sei dramatisch, erzählt Götz. »Das wissen wir.« Aber die Förster können nichts tun.

Kuckuck als einziger Widersacher

Man könne den Wirkstoff Bacillus thuringiensis ausbringen. »Aus der Luft, mit Hubschraubern. Dann wären alle 23 im Wintersteingebiet vorkommenden Tagfalterarten tot.« Den Vögeln im geschützten FFH-Gebiet fehlte dann die Nahrung. Der Eichenprozessionsspinner steht leidiglich auf der Speisekarte des Kuckucks. Aber so viele Kuckucke, wie nötig wären, um dem Insekt Einhalt zu gebieten, gebe es im Winterstein nicht. »Wir geben die Hoffnung nicht auf, dass der Befall wieder zurückgeht.«

Was das Forstamt tun kann: Warnschilder für Spaziergänger aufstellen. »Die Härchen brennen auch noch, wenn die Falter längst geschlüpft sind.« Der Wind trägt sie fort. Für eine Berührung könne es schon genügen, dass man sich an einen Baum anlehnt. Im Herbst erwartet Götz viele Pilze; Pilzsammler sind vorgewarnt.

Die Fichten so gut wie verschwunden, die Buchen tot, die Eichen krank - Forstwirtschaft im Sinne einer gewinnbringenden Verwertung des Holzes ist im Winterstein derzeit kein Thema. »Wir kümmern uns darum, dass der Wald bestehen bleibt«, sagt Götz. Dazu werden mithilfe von Sponsoren kahle Flächen aufgeforstet, gepflanzt werden Ahorn, Eiche, Lärche, Linden, Wildkirsche und am Waldrand Tannen. Die Setzlinge haben andere genetische Informationen als die Bäume, die bisher hier wuchsen. Sie sollen dem Klimawandel trotzen. Immerhin keimt Hoffnung auf. Die vielen leeren braunen Flächen von 2020 sind längst wieder grün.

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