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Da klingelt was im Ohr: Leben mit einem Cochlea-Implantat

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Friedberg (jw). Klar kennen Sie das Geräusch ihrer Computermaus, dieses leise »Krorororo«. Guido Fornoff wusste bis vor kurzem nicht, dass es dieses Geräusch gibt. Er ist hörgeschädigt, fast taub. Und eines Tages hört er das Rollen der Computermaus, das Knistern der Zeitung, seinen eigenen Atem.

Bei der »Stillen Post« musste Guido Fornoff passen. Wurde das in der Schule gespielt, lachten ihn die anderen Kinder aus. »Der kriegt eh nichts mit«, hieß es dann. Der 41-Jährige Friedberger sieht nicht aus, als ob er sich von sowas aus der Bahn hätte werfen lassen. »Als ich Mumps hatte und bei mir eine beidseitige Innenohrschwerhörigkeit festgestellt wurde, war ich vier. Ich konnte schon sprechen. Das war mein Glück.«

Die Sprachbildung hatte er hinter sich, als er Hörgeräte bekam. Ganz so einfach war die Zeit in der Schule für Fornoff aber nicht. »Ich habe immer in der zweiten Reihe in der Mitte gesessen, damit ich die Lehrer, aber auch die Mitschüler einigermaßen verstehen konnte.« Das hat geklappt. Fornoff machte eine Lehre als Bankkaufmann, studierte berufsbegleitend mit dem Abschluss als Finanzökonom und ist Sachbearbeiter im Wertpapiergeschäft bei einem regionalen Kreditinstitut. Vom Jungen, der nichts mitbekommt und bei »Stille Post« nicht mitmachen kann, ist nicht viel geblieben. »Ich vermittele bei vielen Leuten den Eindruck: Mit dem Guido ist doch nichts, der ist ganz normal. Dabei bin ich zu 80 Prozent schwerbehindert.«

Auch Fornoff selbst hat sich jahrelang eingeredet, alles sei in Ordnung. Mit den Hörgeräten kam er einigermaßen zurecht. Telefonate aber bereiteten ihm Schwierigkeiten. Einem Gespräch zu folgen oder ein bestimmtes Geräusch wahrzunehmen, war eine Herausforderung. Waren viele Leute im Raum, konnte er die Stimmen nicht auseinanderhalten. Das führte zu Stress. Seiner Frau Melanie, mit der er zwei Kinder hat, reichte es irgendwann. »Sie hat die Initiative ergriffen.« Im August 2012 besuchten sie in der Kaiserbergklinik in Bad Nauheim ein »Entscheidungsseminar CI ja/nein«. »Ich bin da sehr nachdenklich rausgegangen, war aber noch nicht so weit.« Seine Frau schon: »Sie hat mir einen Termin in der HNO-Klinik der Frankfurter Goethe-Universität gemacht.«

Es gibt keine Einschränkungen

Kliniken kannte Fornoff zur Genüge. Sein Vater ist Arzt, unterstützte ihn bei Untersuchungsterminen. Jetzt aber war eine andere Situation eingetreten. Fornoff war klar geworden, dass sein Gehör schlechter funktioniert als angenommen. Er ist nicht bloß schwerhörig, bei ihm liegt eine »beidseitige Taubheit mit Hörresten« vor. Zugleich wusste er: »Es gibt ein Gerät, das mir helfen kann.« Doch wie ist das, wenn er ein Cochlea-Implantat eingesetzt bekommt? Kann der begeisterte Biker dann noch Sport treiben? Ja, sagte der Arzt. Ski? Ja. Sauna? Ja, alles möglich, es gibt keine Einschränkungen. 2012 ließ sich Fornoff das kleine Gerät mit der langen Spule, die bis in die Gehörnschnecke vordringt, ins eine Ohr implantiert, im Sommer 2013 folgte das zweite.

An die ersten Hörerfahrungen in der HNO-Klinik in Frankfurt kann sich Fornoff noch genau erinnern. »Ich dachte: Ach du Schreck, was ist denn das? Alles klang noch etwas metallisch.« Der Ingenieur, der das Gerät justierte, habe anfangs in einer Mickey-Maus-Stimme gesprochen. »Da klingelte was. Meine Hand ging ans Ohr, ich wollte wie beim Hörgerät etwas verstellen. Aber das ging nicht mehr.« Sind Cochlea-Implantate eingestellt, werden sie vom Träger nicht nachjustiert. »Als ich nach der Erstanpassung auf dem Unigelände unterwegs war, nahm ich ein starkes und ungewohntes Piepsen wahr. Meine Frau klärte mich auf: An einer Baustelle war etwas vom Bagger gefallen. Abends am Schreibtisch nahm ich die Tastatur vom PC wahr. Das hatte ich noch nie gehört. Das Scrollen der Maus auch nicht. Das Klicken des Kugelschreibers, mein eigener Atem: Das kannte ich alles nicht. Ich war total überwältigt.«

Weitere Anpassungen waren nötig, Fornoff machte eine Reha im Cochlea Implant Centrum (CIC) im Grünen Weg in Friedberg und hörte mit der Zeit immer mehr: Das Autoradio, Regentropfen auf der Windschutzscheibe, das Plätschern im Waschbecken. Als auch das zweite Ohr implantiert war, begann er mit dem Stereo-Hören. Viel Geduld war gefragt, das Gehirn muss sich an das Gerät gewöhnen. Mittlerweile sei vieles im Alltag normal geworden. Während unseres Gesprächs kommt es nur einmal vor, dass er mich nicht versteht: Ich hatte mich zu meiner Tasche umgedreht und zugegebenermaßen etwas undeutlich genuschelt. Das hätten auch andere nicht verstanden.

»Ich war, bin und werde mein Leben lang hörbehindert sein«, sagt Fornoff. Auch mit Cochlea-Implantat gebe es für ihn Grenzen, etwa beim Richtungshören, bei Gesprächen mit Hintergrundgeräuschen oder beim Telefonieren. Trotzdem: Fornoff will anderen hörgeschädigten Menschen Mut machen, diesen Weg ebenfalls zu gehen. In der »Schnecke«, der Zeitschrift des Cochlea-Implant-Verbandes, hat er seine Erfahrungen in einem Bericht geschildert.

Auch alle anderen will er wachrütteln und klar machen: »Es gibt Möglichkeiten, erkrankte Sinnesorgane in Ansätzen wieder herzustellen.« Für ihn selbst sei der Schritt aus der Anonymität wie eine Befreiung. »Die Leute sollen wissen: Ja, ich habe dieses Handicap, das ist nicht einfach. Aber ich komme damit sehr gut zurecht.«

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