Dass der Himmel aktuell besonders blau erscheint, ist kein Trugbild, sagt Frank Uwe Pfuhl vom NABU Wetterau. Es sei ein Zeichen dafür, dass die Belastung durch Emissionen und Schadstoffe zurückgehe.
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Dass der Himmel aktuell besonders blau erscheint, ist kein Trugbild, sagt Frank Uwe Pfuhl vom NABU Wetterau. Es sei ein Zeichen dafür, dass die Belastung durch Emissionen und Schadstoffe zurückgehe.

Klimaschutz

Tut Corona der Umwelt gut?

  • Anna-Luisa Hortien
    vonAnna-Luisa Hortien
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Hat die Corona-Krise wirklich Auswirkungen auf die Natur in der Wetterau? Antworten von Nabu-Leiter Frank Uwe Pfuhl.

Die Autos bleiben in der Garage und die Menschen zu Hause. Firmen sind wegen der Corona-Pandemie geschlossen, die Produktion wird heruntergefahren. Optimisten sagen, dass die Krise - neben den gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen - der Umwelt helfen könnte. Frank Uwe Pfuhl, Leiter des Nabu-Wetterau, sieht durchaus Veränderungen.

Herr Pfuhl, welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf die Umwelt?

Global sehen wir auf alle Fälle positive Veränderungen. Über China hängen auf einmal keine dunklen Wolken mehr. Auch über Italien hat man einen Rückgang der Emissions-Werte gemessen. In Venedig sind die Kanäle glasklar, weil keine Boote mehr unterwegs sind. Diese großen Effekte bemerken wir in der Wetterau nicht direkt. Außer, wir schauen in den Himmel: Er ist die meiste Zeit ungestört und blau. So einen Himmel habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Das ist ein Zeichen dafür, dass die Belastung durch Emissionen und Schadstoffe deutlich zurück geht. Bei der Schadstoffbelastung werden wir aber nur langfristig Erfolge messen können.

Was ist mit der Tierwelt in der Wetterau?

Es geht nicht auf einmal allen Vögeln, Amphibien oder Insekten besser. Was auffällt, ist aber, dass wir erheblich weniger Verkehrsschlag haben. Es verenden jedes Jahr unglaublich viele Tiere im Straßen- oder Bahnverkehr. Wir reden von Millionen deutschlandweit. In der Wetterau habe ich natürlich noch nie nachgezählt, aber wenn man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist, sieht man viele Tierleichen, die rechts und links der Straße liegen. Dadurch, dass aktuell weniger Autos unterwegs sind, sinken die Gefahren für Tiere, die über die Straße wollen. Das sind größere Tiere wie Igel, oder Marder, aber auch Vögel.

Aber Vögel fliegen doch eigentlich höher, oder?

Aktuell ist Brutzeit, da sind die Vögel weniger aufmerksam und fliegen auch mal schnell von Hecke zu Hecke über die Straße. Oft im Tiefflug. So werden sie schnell Opfer des Straßenverkehrs. Das nehmen die meisten Menschen nur nicht so wahr.

Wirkt sich das auch auf die Krötenwanderung aus?

Ja. Die Krötenwanderung ist in vollem Gang. Wir betreuen vom Nabu 14 Krötenzäune, aber es gibt noch viele weitere Stellen, an denen Amphibien die Straße überqueren, die nicht bezaunt sind. Ich vermute, dass in diesem Jahr auch an den Laichgewässern mehr los sein wird.

Wird die Krise einen langfristigen Effekt haben und zum Umdenken führen?

Als Idealist und Visionär würde ich sagen: Ja. Vielleicht lernen wir jetzt mal, dass das ein oder andere unseres hektischen Alltags gar nicht so notwendig ist und dass Konsum nicht an erster Stelle steht. Wenn es uns gelänge, die Verkehrsströme nachhaltig kleiner zu halten, wenn wir realisieren, dass Flugreisen gar nicht so notwendig sind und dass man kann auch den heimatlichen Garten ganz gut erkunden kann, dann hätte das einen positiven Effekt.

Höre ich da ein Aber heraus?

Die Erfahrung zeigt: Nach großen Krisen, wie etwa der Wirtschaftskrise 2008, die auch zu einer Verminderung der Emissionen geführt hat, gab es sogenannte Rebound-Effekte. Als es wieder bergauf ging, ist alles, was eingespart wurde, um ein Vielfaches übertroffen worden.

Und das könnte jetzt auch wieder passieren?

Ja. Nach der Corona-Krise könnte sich das Wachstum noch mal beschleunigen, obwohl wir keine Potenziale mehr haben. Die Pläne für das Rewe-Logistikzentrum bei Wölfersheim oder das Amazon-Verteilzentrum bei Echzell sind Zeichen dieses ungebremsten Wachstums. Wenn die Krise einen Nachhall hätte, wäre das zum Beispiel daran ablesbar, dass Amazon doch kein Verteilzentrum in der Wetterau baut.

Zurzeit sind besonders viele Menschen draußen unterwegs. Kann das zu Problemen führen?

Man merkt es schon, das gute Wetter zieht die Menschen nach draußen. Davon wollen wir als Nabu nicht abraten. Es ist auch im Sinne des Naturschutzes, dass die Menschen sich mit der Natur befassen. Trotz Abstandsregeln bitten wir aber darum, immer auf den ausgewiesenen Rad-, Wander- und Spazierwegen zu bleiben. Man sieht schon an dem ein oder anderen Gebiet, dass dort kreuz und quer gegangen wird. Zwischen Mitte März und Mitte Juni ist allerdings auch Brut- und Setzzeit. Da sind die Tiere deutlich empfindlicher für Störungen.

Es gibt die These, dass die Pandemie auch mit dem Artensterben zusammenhängt. Was steckt dahinter?

Einige Naturschutzverbänden und Biowissenschaftler sagen, hätte man die letzten Jahre mehr auf den Schutz der Artenvielfalt geachtet, wäre eine Pandemie unwahrscheinlicher gewesen. Tier-, Pflanzen- und Pilzarten sind in Koevolution entstanden. Man kann sich das als dicht verwebtes Netz vorstellen. Das Biosystem ist stabil, und es kommt zu keinen Katastrophen, solange möglichst viele dieser Mitspieler vorhanden sind. Wenn wir jetzt nach und nach Arten herausnehmen - im Moment gehen 130 Tier- und Pflanzenarten pro Tag verloren - dann wird das System instabil, und die Lebensformen, die wir nicht haben wollen, nämlich Viren, Bakterien oder Schädlinge, haben keine Gegenspieler mehr. Sie werden zum Problem. Außerdem dringt der Mensch immer tiefer in die Lebensräume wildlebender Tierarten ein, wodurch die Kontakte zwischen Mensch und Tier zunehmen. So kommt es zu Übertragungen gefährlicher Viren, wie etwa des Coronavirus.

Was kann man dagegen tun?

Guter Pandemie-Schutz in der Zukunft wird sein, dass wir Naturräume wieder in den Fokus rücken und noch mehr auf Artenvielfalt achten. Das ist ein Argument für stärkere Bemühungen um weltweiten Naturschutz und einer Verminderung des Verbrauchs natürlicher Flächen.

Welchen Beitrag können wir in der Wetterau dazu leisten?

Indem wir zum einen mehr Lebensraum für Insekten im eignenen Garten schaffen, aber auch unser Verbraucherverhalten darauf einstellen. Für unser Öl muss nicht der Regenwald abgeholzt werden. Man kann statt Palmöl auch heimisches Pflanzenöl nutzen. Es kommt also auch auf unsere Kaufentscheidungen im Supermarkt an.

Nabu hat Tipps gegen die Langeweile

Der Nabu Wetterau veröffentlicht auf seiner Internetseite (www.wetterau-nabu.de) jede Woche ein Gewinnspiel mit Natur-Rätseln. Tipps zur Gartengestaltung und Wissenswertes über Tiere und Pflanzen gibt es unter www.nabu.de. Die Naturschützer haben Inhalte zusammengestellt, mit denen sich die Natur auch in Zeiten von Corona entdecken lässt. Das »NAJUversum« richtet sich speziell an Kinder. Unter www.najuversum.de finden sich Podcasts und Videos, Experimente zum Nachmachen und Bauanleitungen für Vogelkästen oder Insektenhotels.

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