agl_har_Kirschen_1_13072_4c
+
Das Lachen ist den Kirschenanbauern vergangen (v. l.) Werner Kipp, Steffen Rehde, Christine Dönges und Florian Hess.

Regen, Sturm und Hagel

Kirschernte in der Wetterau „ein einzigartiges Desaster“

  • VonHarald Schuchardt
    schließen

Die Ockstädter Kirschenanbauer leiden. Was Regen, Hagel und Sturm an den Bäumen angerichtet haben, ist ein Desaster.

Friedberg - Noch vor vier Wochen war die Welt bei den Ockstädter Kirschenanbauern in Ordnung: Mit den Pandemie-Regeln haben sie sich längst arrangiert. Die Erntehelfer aus Polen und anderen Ländern Osteuropas sind alle gekommen und durchgeimpft. Der Kirschenverkauf läuft bestens, und das Wichtigste: Der Behang an den Kirschbäumen war gut bis sehr gut. Doch seit dem 4. Juli ist alles anders. Sturm, Regen und Hagel fegten an jenem Sonntag über die Wetterau - mit verheerenden Folgen für die Kirschenanbauer. »50 Liter Regen in kürzester Zeit, das war einfach zu viel«, sagt Werner Kipp, der Vorsitzende des Obst- und Gartenbauvereins. »Das ist ein einzigartiges Desaster, an so eine Katastrophe kann ich mich nicht erinnern.«

Die Folgen des Regensonntags sind auch beim WZ-Besuch genau eine Woche später noch zu sehen. Unter jedem Kirschenbaum auf dem Grundstück von Christine Dönges liegen Hunderte Kirschen. »Und an den Bäumen sind die meisten Früchte auch geplatzt«, sagt die Kirschenanbauerin. Kipp ergänzt mit einem Hauch von Sarkasmus: »Wenn du fünf Kirschen in der Hand hast, dann sind sechs geplatzt.« Selbst bei den späten Sorten, die gerade reif werden, hat Dönges schon viele geplatzte und somit unbrauchbare Kirschen gesichtet. Die Ernte dieser Kirschen wird zeitraubender und aufwendiger, da jede einzelne begutachtet werden muss. »Wir haben schon öfter schlechte Ernten gehabt, doch so hohe Verluste hatten wir noch nie«, sagt Vorstandsmitglied Steffen Rehde.

In Ockstadt mit Turbinen Kirschen trocknen? „Das ist oft vergebene Liebesmüh“

Besonders betroffen ist ein Streifen mit Grundstücken von den Strassheimer Teichen entlang der B 455 in Richtung Kirschenberg. Dort sorgte Hagel für zusätzliche Verluste. »Auch unser Getreide wurde zerhagelt«, ergänzt Dönges.

»Die gesamte Wetterlage macht uns sehr zu schaffen«, sagt Florian Hess, der ebenso wie Rehde dem OGV-Vorstand angehört. Immer wieder fällt Regen, zwei regenfreie Tage am Stück sind die Ausnahme. Was dies bedeutet, erklärt Hess: »Wir kommen mit der Pflanzenschutzbehandlung nicht nach, dazu brauchen wir längere trockene Phasen.«

Einige Anbauer fahren mit Turbinen über ihre Grundstücke, um mit dem so erzeugten Wind die Kirschen zu trocknen. »Das ist oft vergebene Liebesmüh«, sagt Dönges, deren 70 000 Liter fassende Zisterne Mitte Juni noch völlig leer gewesen ist. »Wir haben da die Bäume wegen der anhaltenden Trockenheit noch gewässert, und jetzt ist die Zisterne randvoll.«

Wetterau: Diebstahl von Kirschen nimmt zu

Trotzdem wird die Ernte noch eine gute Woche weitergehen, denn »die Nachfrage ist so gut wie seit Jahren nicht mehr, aber ich kann gar nicht so viel liefern wie gewünscht«, sagt Christine Dönges. Auch wenn der Preis beim Direktverkauf in diesem Jahr im Schnitt bei 7,50 Euro pro Kilo liegt. Rehde erläutert dazu: »Es gibt keine Beschwerden der Kunden, alle wissen, dass die Kosten gestiegen sind.« Das gilt für Lohnzahlungen und Versicherungen ebenso wie für Pflanzenschutzmittel und die Betriebsmittel wie Benzin oder Diesel.

Noch etwas macht den Obstanbauern zu schaffen, und das hat nichts mit dem Wetter zu tun. Gemeint ist der Anstieg an Kirschendiebstählen. »Die Diebe werden immer dreister. In der Nacht vor dem Regen wurden auf einem meiner Grundstücke 100 Bäume leer gepflückt« berichtet Steffen Rehde. Auf einem Grundstück von Christine Dönges wurden in der gleichen Nacht 35 Bäume »abgeerntet«. Da fallen auch die Erfolge des eingesetzten Privatdetektivs und der von den Kirschenanbauern gebildeten Facebook-Gruppe »SOKO Kirschenanbau« kaum ins Gewicht. So stellte der Detektiv mehrere Diebe, die gerade 30 Kilo Kirschen in ihren Mercedes verladen wollten. »Am vorletzten Samstag war die Polizei in einer halben Stunde dreimal hier, um unsere Anzeigen aufzunehmen«, sagt Dönges. Wie dreist die Menschen sind, zeigte sich beim WZ-Besuch. Nur wenige Meter entfernt machte sich ein Ehepaar an mehreren Kirschenbäumen zu schaffen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare