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Killer und Schiffbrüchige

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Von: Gerhard Kollmer

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Rabenschwarze Farce »Auf hoher See«: Simela Tamay als »Dicke«, Julia Wynohradnyk (die »Mittlere«) und Svenja Illenberger als »Schmächtige«. In einer Nebenrolle tritt Manuela Sitta als schwimmende Postbotin mit Flossen und Taucherbrille auf. © Gerhard Kollmer

Friedberg (gk). Erstmals hat sich das »Helden«-Theater zwei Stücken an einem Abend gewidmet. »Der stumme Diener« und »Auf hoher See« . Beide Inszenierungen feierten am Wochenende Premiere.

London 1959, Lublin 1961: Uraufgeführt werden »Der stumme Diener« von Harold Pinter, dem Literaturnobelpreisträger von 2005, und »Auf hoher See« des polnischen Dramatikers Slawomir Mrozek.

Friedberg, 5. November 2022: Unter der Regie von Rebekka Radgen, Andreas Arnold und Burkhard Struve geht die Premiere beider Einakter, aufgeführt von Mitgliedern des »Helden«-Theaters, im Kesselhaus des Alten Hallenbads über die Bühne.

Die Profikiller Ben (Andreas Arnold) und Gus (Burkhard Struve) warten bei Pinter in einem schäbigen Souterrain auf ihr nächstes Opfer. Sie erwecken den Eindruck von abgehalfterten Mafiosi, die eher Mitleid als Abscheu erregen.

Die Zuschauer fragen sich, ob die zwei überhaupt noch fähig sind, einen Menschen umzubringen. Struve als Gus verkörpert überzeugend einen gealterten, ängstlichen Mann, dem sein mörderischer Job zunehmend unheimlich wird. Er läuft nervös wie in einem Käfig herum und redet fast ununterbrochen - meist über Banalitäten. Arnold als sein jüngerer Spießgeselle Ben sitzt dagegen Zeitung lesend auf dem Sofa und fordert Gus immer wieder harsch zum Schweigen auf. Von einem echten Dialog kann keine Rede sein. Erst als der »stumme Diener« in Gestalt eines Speisenaufzugs als »Mitspieler« in Erscheinung tritt, kommt Leben in das öde Kellerloch. Er befördert in rascher Folge Essensbestellungen von unbekannter Hand aus den oberen Geschossen. Die beiden Killer versuchen artig, sie auszuführen - was nicht gelingen kann. Nun ist es Ben, der nervös wird. Die »Handlung« verliert jeden Sinn, wird zum absurden Theater.

Eine muss geopfert werden

Nach gut 45 Minuten erhalten Arnold und Struve verdienten Applaus für ihren gelungenen Versuch, einer reichlich angestaubten Vorlage, die kaum Möglichkeit für schauspielerische Entfaltung bietet, Leben einzuhauchen.

Mrozeks Farce »Auf hoher See« dagegen ist eine Steilvorlage für drei Protagonistinnen - Simela Tamay als »Dicke«, Julia Wynohradnyk (die »Mittlere«) und Svenja Illenberger als »Schmächtige«. In einer Nebenrolle tritt Manuela Sitta als schwimmende Postbotin mit Flossen und Taucherbrille auf.

Dass der Autor seinen Akteurinnen (ursprünglich Akteuren) keine Namen verleiht, verweist auf den parabolischen Charakter des Stücks. Die drei Damen vom Floß, mit dem sie nach einem Schiffbruch hilflos auf dem Ozean treiben, treten nicht als Individuen, sondern als Typen auf.

Die Uraufführung im Jahr 1961 weist darauf hin, dass die damaligen kommunistischen Machthaber in Polen Mrozeks Stück nicht als Kritik an ihrem totalitären Regime empfunden haben können. Andernfalls wäre es gar nicht erst auf die Bühne gekommen.

In seiner rabenschwarzen Farce spießt der Autor vielmehr die (aus seiner damaligen Sicht) in demokratischen Ländern im öffentlichen Diskurs strapazierten verlogenen Politphrasen auf. Vor allem Tamay als dominante, farbenfroh gewandete »Dicke« überbietet ihre Mitakteurinnen mit pathetisch-hohlen Sprüchen über Opfermut, Solidarität, Demokratie, etc. Es ist eine Paraderolle, hervorragend gespielt. Da den drei Schiffbrüchigen der Hungertod droht, muss eine »geopfert«, das heißt, getötet werden, um den beiden anderen als Speise zu dienen. Eine wahrhaft makabre, groteske Pointe!

Die junge idealistische Schmächtige ist schließlich durch ideologische »Gehirnwäsche« von ihren Leidensgenossinnen davon »überzeugt«, sich abschlachten zu lassen wie ein »Opferlamm«. Lang- anhaltender Applaus feiert die brillante Aufführung.

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Die Profikiller Gus (Burkhard Struve; l.) und Ben (Andreas Arnold) warten in »Der stumme Diener« auf ihr nächstes Opfer. © Gerhard Kollmer

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