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Raus ins Freie: Nach der Lesung signiert Andreas Maier vor dem Seiteneingang des aHa seine Bücher. In »Die Städte« schreibt er über Urlaubsreisen in der Kindheit - für Kinder wie für Eltern eine einzige Katastrophe.

Andreas Maier list im Friedberger aHa aus »Die Städte«

Kichern in Athen: Warum Urlaubsreise so furchtbar sind

  • Jürgen Wagner
    VonJürgen Wagner
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Die vermeintliche Familienidylle verbreitet ihren Schrecken auch im Urlaub. Davon erzählt Andreas Maiers neuer Roman »Die Städte«, eine gnadenlose Abrechnung mit dem Pauschaltourismus.

Gibt’s keinen Apfelwein?« Doch, es gab Apfelwein, er wurde nachgereicht, und dann konnte die Lesung von Andreas Maier im Alten Hallenbad (aHa) auch schon beginnen. Am Sonntag wurde in Hessen auf Initiative des Hessischen Rundfunks wieder ein »Tag für die Literatur« gefeiert. »Wir haben um den Termin gebangt«, verriet Buchhändlerin Friedericke Herrmann zu Beginn der Veranstaltung. Dank der sinkenden Inzidenzzahlen hat es geklappt. Endlich wieder eine Lesung in Friedberg. Endlich wieder Veranstaltung mit Publikum im aHa.

»Die Städte«, der achte Band von Maiers »Ortsumgehungs-« Zyklus, erschien bereits im März. »Das ist meine allererste Lesung aus dem Buch«, sagte Maier. »Ich weiß auch gar nicht, was ich lesen soll.« Die Selbstmordstelle? »Ich will ja keinen erschrecken.« Ein Blick über die Köpfe rund 50 Zuhörer, alte Bekannte sitzen da, Klassenkameraden, der Deutschlehrer vom Gymnasium. »Dann eben Athen«, sagt Maier. Die Szene mit der Bar.

Die titelgebenden Städte sind allesamt Fluchtorte. Was soll der 13-jährige Andi in Athen? Mit den Eltern Sehenswürdigkeiten besichtigen? Wohl kaum. Andi fasst sich einen Vorsatz, um die Eltern für diese Zwangsreise abzustrafen: »Sei so anstregend wie möglich! Verdirb es ihnen, soweit es in deiner Macht steht!« Lass Sie für diese Reise büßen!«

Statt die Akropolis zu erkunden, hört Andi in Athen das Alpen-Musical »Der Watzmann ruft« von Wolfgang Ambros, lernt ein Mädchen kennen und übt sich in der Rolle eines Griechen, der den ganzen Tag nichts anderes tut, als in einer Bar zu sitzen und Ouzo zu trinken.

Die Welt des Alkohols hatte der Heranwachsende schon zuhause erkundet. Ein Bacardi-Cola-Rausch löste bei ihm ein unentwegtes Kichern aus. Während er trank und kicherte, las er gleichzeitig ein Buch und »die gute Laune blieb«. Psychotherapeuten würden an dieser Stelle vielleicht von frühkindlichen Prägungen sprechen. Als Leser kichert man mit, und so erging es auch den Zuhörern im aHa.

Dafür sorgt Maiers lakonischer Witz, der das Buch bei allem Schrecken, der zwischen den Zeilen haust, bis zum Ende trägt. Im letzten Kapitel »Weimar« wird aus dem Jugendlichen und Studenten ein Autor, der auf seine erste Lesereise geht.

Die Beiläufigkeit des Ouzo-Rituals

In Athen erfährt Andi, dass sich mit dem Ouzo-Trinken ein ganzes Ritual verbindet: Der Barkeeper gießt den Ouzo ins Glas, stellte eine Karaffe mit Wasser und Eiswürfeln dazu, reicht ein Schälchen Oliven samt Papierserviette und einem kleinen Gefäß mit Zahnstochern, für die Kerne. Das alles läuft wie beiläufig ab, und genauso beiläufig poliert der Barkeeper das Buffet. Wobei es nicht darum geht, das Buffet zu säubern. »Es sollte nach etwas aussehen. Die nonchalante Beiläufigkeit war Ziel und Zweck der ganzen Sache.« Andi möchte auch so beiläufig erscheinen. Er gefällt sich in der Pose des stillen Trinkers, der nichts anderes tut, als sich seinem Ouzo-Ritual zu widmen. Andi möchte sich fühlen wie ein Grieche, nicht wie ein Tourist.

Nach einer knappen Stunde las Maier in seinem sonoren, angenehm zu hörenden Bariton noch eine Zugabe. In Weimar, wo er zu einer Lesung eingeladen war, hatte er eine Begegnung mit einem merkwürdigen Paar und einer Gruppe Neonazis.

Die erste Lesung aus dem ersten Roman »Wäldchestag« fand, wie Maier später beim Bier erzählte, gar nicht in Weimar statt, sondern in Erlangen. Für den Roman wurden die Schauplätze aus kompositorischen Gründen getauscht. Auch Maiers neuer Roman fußt auf autobiographischen Erlebnissen, die für den Roman aber verfremdet, überspitzt (oder vielleicht auch abgemildert?) wurden. Die Zuhörer im aHa spendeten am Ende viel Beifall. Wie Friederike Herrmann sagte, sollen die fürs vergangene Jahr geplanten Lesungen in der Reihe »Friedberg liest« nachgeholt werden. Am 13. Juli stellt Eva Demski im Rahmen der Reihe »Frankfurt liest ein Buch« ihren Roman »Scheintod« vor.

Viele Besucher atmeten (trotz Schutzmaske) auf, dass endlich wieder Kulturveranstaltungen im aHa stattfinden. »Am Freitag beim Gipys-Jazz war auch tolle Stimmung«, meinte ein Besucher. »Wer noch nicht hier war, weiß gar nicht, was er oder sie hier alles verpasst.«

Wie Andreas Maier übers Reisen denkt, wo er seine zweite Heimat gefunden hat und was er nach Abschluss der »Ortsumgehung« schreiben will, darüber gibt er im WZ-Interview Auskunft, das am Samstag erscheint.

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