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Von Keuschheit und Sünde

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Von: Sabrina Dämon

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Er spricht über Luther, »den Macho«, über den »leicht debilen Adam« und über »saukomische« Begebenheiten. Und Heiner Geißler hält in Friedberg ein Plädoyer – für Barmehrzigkeit.

Es ist eine »saukomische Vorstellung«: Die erste Frau wird aus der Rippe des ersten Mannes geschaffen. Lacher, als Heiner Geißler das sagt. Er selbst grinst dabei, wie die meiste Zeit an diesem Abend im Bibliothekszentrum Klosterbau. Und erzählt weiter: Diese Frau, Eva, isst den Apfel – »kein Mensch weiß, warum das verboten war« –, gibt ihn an den »leicht debilen Adam« weiter, die Ursünde ist in der Welt – und seither nie daraus verschwunden. Sondern: »Durch Geschlechtsverkehr immer weitergegeben worden«. Genauso wenig ist die Vorstellung von der Frau als Sündenbringerin verschwunden. »Es ist noch immer die schlimmste Deklassierung, eine Frau zu sein«, sagt Geißler. Nur ist es so: Eben diese anti-feminine Positionierung der vor allem katholischen Kirche sei mit ein Grund, »warum junge Leute nur noch selten die Schönheit der jesualischen Botschaft erkennen können«.

Heiner Geißler ist Jesuit – ein halber zumindest. Mit 19 trat er dem Jesuitenorden als Novize bei, 1949 war das. Er verließ ihn aber, bevor er die Ordensgelübde ablegte. Armut, Keuschheit, Gehorsam: »Mir war klar, ich konnte zwei, aber mindestens eins dieser Gelübde nicht halten. Es war nicht die Armut.«

Heute spricht er viel über Jesus, und, in diesem Zusammenhang, über die »Borniertheit der katholischen Kirche«. Er hat dazu noch so ein Beispiel für die Friedberger: Einmal war ein Referent aus der Kirche auf einem CDU-Kreisparteitag. Und sagte: »Christus ist das Haupt des Mannes, und der Mann ist das Haupt der Frau« – kurze Pause damals im Saal. »Und du bist ein Arschloch« – hat ein Parteikollege hereingerufen, wie Geißler erzählt. »Ich war selten so stolz auf meine Partei.« Für seine Partei saß Geißler im Bundestag, war unter anderem Generalsekretär – und nicht immer einer Meinung mit dem Rest. Mitglied ist er dennoch geblieben. Weil: Man kann ja nicht, nur weil es schwierig wird, hinschmeißen. Sagt er heute. Mit 87.

87 klingt alt, sieht auch so aus, wirkt aber überhaupt nicht so. Was an Geißlers Auftreten liegt, ein bisschen spitzbübig, dazu sein Grinsen und seine Art zu erzählen. »Was müsste Luther heute sagen?«, ist der Titel seines Vortrags, den er als Auftakt der Friedberger Lutherjahr-Veranstaltungen hält. Über den spricht er auch: Luther, »der Macho«, der die »Connection von Glaube und Geld«, den Ablasshandel (oder: »Quasi eine von der Kirche geführte Versicherungsagentur gegen Hölle und Fegefeuer«) angezweifelt hat.

500 Jahre ist das her, so richtig haben es die Theologen immer noch nicht hinbekommen, die Spaltung zwischen Katholiken und Protestanten zu überwinden, sagt Geißler. »Dabei sind die christlichen Kirchen der größte global player«, weil zwei Milliarden Anhänger. Was sie daraus machen? Nichts. Sie schauen bloß hin, auf eine Welt, »die von kapitalistischen Werten beherrscht wird«. Auch das gehört an diesem Abend dazu: Zwischen Witzen, meistens zynisch, vielen Lachern aus dem Publikum und amüsanten Ausführungen zur Geschichte des Christentums (inklusive vieler Richtigstellungen), sagt Geißler: »Während wir hier fröhlich zusammen sitzen, in diesen Minuten, sterben hunderttausende Menschen, werden totgeschlagen, gefoltert. Es ist eine absolute Katastrophe.« Die, die Antworten geben müssten, die Kirchen, hätten bloß faule Ausreden. »Und wir Christen bleiben auf der Frage sitzen.« Auf der nach dem Warum. Alles wegen der Ursünde? »Das kann’s ja auch nicht sein.« Dann dürften sie sich nicht wundern, die Priester, Bischöfe, Kardinäle – statt zu warten, bis jemand in die Kirche kommt, müssten die Kirchen versuchen, die Menschen mit modernen Mitteln der Kommunikation zu erreichen. »Ob Gott existiert, wissen wir nicht, das weiß keiner, nicht einmal der Papst.

Wir können bloß glauben.« Etwas jedoch wüssten wir: »Dass Jesus gelebt hat« – deswegen sollte dieses Festjahr im Sinne von Luthers Widerstandsgeist genutzt werden, um die Botschaft Jesu in die Welt zu tragen. Aber nicht durch Liturgien und kirchliche Veranstaltungen. Nein: »Die Kirchen sollen endlich die politische Dimension des Evangeliums erkennen.«

Und was müsste Luther heute sagen? »Ihr Kirchen müsst ein Bild von einer humanen Weltwirtschaftsordnung zeichnen.« Die eigentliche und wichtigste Botschaft daraus, nennt Geißler zum Abschluss: Barmherzigkeit. Er schaut noch einmal in den ausverkauften Saal, in die Gesichter der Menschen, die er nach zwei Stunden noch immer fesselt, und sagt: »Vielleicht können Sie ein bisschen dazu beitragen.«

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