Kernfäule im Stamm: 39 Bäume werden gefällt

Friedberg (jw). Krank, Alt, nicht mehr verkehrssicher oder nicht am rechten Ort: 39 Bäume sollen in der Kreisstadt gefällt werden. Die Grünen haben bei einigen davon Bauchschmerzen, der Bauausschuss hat über die Sache diskutiert.

Mit Bäumen ist das so eine Sache. Der aus dem Libanon stammende Philosoph Khalil Gibran schrieb einmal, Bäume seien "Gedichte, die die Erde in den Himmel schreibt". Der aus Fauerbach stammende Philosoph Achim Güssgen-Ackva sieht das weniger poetisch, eher pragmatisch, wenn auch nicht weniger visionär: "Bäume haben die Angewohnheit zu wachsen", orakelte der FDP-Politiker am Donnerstag im Bauausschuss. Ein Satz, der schleunigst in den reichen Schatz der Baum-Aphorismen aufgenommen werden sollte. Gemeint ist: Manchmal werden Bäume zu groß, manchmal zeigt sich, dass sie an der falschen Stelle stehen, manchmal sind sie alt und krank. Dann können sie zusammenbrechen und Fußgänger verletzten, das Amtsdeutsch kennt hierfür den Begriff der "Verkehrssicherungspflicht", welche nicht mehr gewährleistet ist. Das ist die pragmatische Seite von Güssgens Aphorismus. Der visionäre Subtext sagt: Wenn stattdessen am gleichen oder einem anderen Ort neue Bäume angepflanzt werden, wachsen die auch wieder, also bitte nicht so viel Aufregung.

Kernfäule und Risse im Stamm

Genau dies, Aufregung, ist freilich stets garantiert, wenn die Kommunalpolitik über das Fällen von Bäumen diskutiert. 39 Bäume sollen in nächster Zeit in Friedberg gefällt werden. 22 in der Housing Area, zwei auf dem Burgfeld, außerdem 15 weitere, vom Gutachter durchweg als krank angesehene Exemplare (Kernfäule, Risse im Stamm, abgestorbene Kronen) an verschiedenen Standorten in der Stadt: unter anderem eine Birke am Schwimmbad in Ockstadt, eine Kastanie auf dem Spielplatz am Kuhweidweg in Dorheim, Linden an der Usa-Promenade, eine Birke am Alten Friedhof in Bruchenbrücken, eine große Weide an der Villiers-sur-Marne-Promenade, Platanen am Wasserturm sowie eine Linde und eine Kastanie in der Mainzer-Tor-Anlage. Mal liegt "eine starke Holzversprödung" vor, mal ist die "Restwandstärke" aufgrund der Fäulnis nicht mehr tragfähig, mal droht die Krone auseinanderzubrechen. Über diese Fällungen zu entscheiden, ist Sache des Gutachters und der Stadtverwaltung. Der Bauausschuss nahm dies lediglich zur Kenntnis.

Anders verhält es sich mit den beiden Pappeln auf dem Sportplatz des Burgfeldes. Der TSV Friedberg-Fauerbach hat die Fällung beantragt, im Ausschuss gab es hierfür ein einstimmiges Votum. Die Pappeln stehen am Zieleinlauf neben der Garage und neben den Kleingärten. Wenn im Mai und Juni die weißen Samen fliegen, verwandeln diese die Laufbahn, den Kunstrasen und den Hauptplatz in eine "Schneelandschaft". Es gibt auch gesundheitlich Bedenken: Kinder hätten beim Training unter Atemnot gelitten, seien mit roten Augen herumgelaufen, berichtet der TSV. Sogar die elektronische Zeitmessanlage funktionierte nicht mehr richtig, weil überall flockige Pappelsamen herumschwirrten. An der Zielgeraden haben die Wurzeln der einen Pappel die Zuschauertribüne stark angehoben, mehrfach waren Reparaturen nötig.

Streit um die Housing Area

Gab es zu diesen 17 Bäumen im Ausschuss keinen Widerspruch, so sorgten die geplanten Fällungen in der Housing Area abermals für Diskussionen. Die Grünen haben hier "erhebliche Bedenken", wie Carl Cellarius und Florian Uebelacker deutlich machten. Es sei schon merkwürdig, meinte Uebelacker: "Erst soll die Kita dort gebaut werden, wo die meisten Bäume stehen. Dann sind die plötzlich giftig und müssen weg." Und Ausgleichsmaßnahmen seien nicht erforderlich. "Man kann auch anders planen, man kann sich auch für jeden Baum einsetzen", sagte der Grünen-Fraktionschef und löste Widerspruch in den Reihen der anderen Fraktionen aus. "Das ist doch widersinnig: Soll man die Häuser um die Bäume herum planen?", wollte Winfried Ertl (UWG) wissen und diagnostizierte bei den Grünen ein "schweres Baum-Trauma". Er wie auch Güssgen versprachen, die gleiche Diskussion dann zu führen, wenn, wie von den Grünen gefordert, auf dem Winterstein viel mehr Bäume gefällt würden, um dort Windräder aufzustellen.

Bürgermeister Michael Keller (SPD) verfolgte die Diskussion zeitweise mit eher ratlosem Blick: Wenn die Housing Area mit Wohnhäusern, Kita und Laborgebäuden der THM bebaut sei, stünden dort am Ende mehr Bäume als zuvor und dann auch nicht mehr irgendwie, sondern nach einer strukturierten Planung. "Die gab es bei den Amerikaner nicht." Die Housing Area werde ein "grünes Gebiet", versprach Keller.

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