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Dorheimer Zeltkerb

Wem ist die Kerb? In Zeiten von Corona nicht "uuusss"!

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Der Ebbelwoi-Impfstoff gegen Corona wurde nicht fertig, weshalb nach Hessentag und Münchner Oktoberfest auch die Dorheimer Kerb Corona-bedingt abgesagt wurde. Ein Rück- und Ausblick.

Zu den vielen Ritualen der Dorheimer Kerb gehört, dass Ehren-Kerbbursch Volker "Knusper" Frühschütz beim Frühschoppen am Kerbmontag die Bühne betritt und mit donnernder Stimme verkündet: "Wenn ich hier oben stehe, bedeutet das nix .... Gutes!" Die Menge johlt, jetzt werden die Freibier-Spender bekannt gegeben. "Die Leute drehen jedes Mal durch", sagt Frühschütz. "Die wollen sich beim Spenden gegenseitig übertreffen." Um die 1000 Liter Freibier fließen beim montäglichen Frühschoppen durch den Zapfhahn. Wobei man wissen muss, dass der "Frühschoppen" in den letzten Jahren erst gegen 21 Uhr endete. "Früher wollten wir immer zur Tagesschau zu Hause sein. Das schaffen viele einfach nicht", grinst der zweite Ehren-Kerbbursch und Vereinsringvorsitzende Thomas Hergesell.

Das Geheimnis der Dorheimer Zeltkerb dürfte weniger in der Menge des Gerstensaftes zu suchen sein. Es ist die Gemeinschaft der Ortsvereine. Jeder packt mit an. Andernorts stirbt die Kerb oder Kirchweih einen langsamen Tod oder ist längst begraben, in Dorheim aber lebt die Tradition fort.

Diese Tradition erfuhr vor einem knappen Vierteljahrhundert eine Änderung, wie Hergesell und Frühschütz beim inoffiziellen Kerb-Umtrunk auf der Festwiese am Kuhweidweg verraten. An einem Septembersonntag 1822 wurde die evangelische Johanniskirche geweiht. Wie andernorts wurde im Laufe der Jahre aus dem kirchlichen ein weltliches Fest, die Dorheimer trafen sich in Gaststätten und im Bürgerhaus. Die "Kapelle Grausam" wurde ihrem Namen gerecht, der Zuspruch ließ nach, neue Ideen mussten her. Als der Freizeitclub Piranhas 1997 zehnjähriges Bestehen feierte, wurde dies mit der ersten Dorheimer Zeltkerb verbunden. 2004 übernahm der Vereinsring die Organisation.

Wenig Änderungen im Programm

Dass die Kerb in Dorheim floriert, hat mit Kontinuität zu tun. Samstags steigt das Kinderfest, organisiert von den Kerbmädels. Für sie wie für die Kerbburschen gilt: Sie müssen in Dorheim wohnen, 18 und unverheiratet sein. Knusper: "Wer während der Kerb heiratet, fliegt hochkant raus." Danach holen Kerbburschen und Musikcorps den Bürgermeister mit dem Traktor ab, um den Kerbbaum aufzustellen. Über ihn wacht ein Kerbbursch aus Stroh.

Abends spielt seit 14 Jahren die Rockband Reload, mit dabei sind drei Dorheimer Musiker. Das Zelt ist stets brechend voll. "Das hat sich herumgesprochen." Haben die Letzten am frühen Sonntagmorgen das Zelt verlassen, können sie sich dem Weckruf durch die Dorfstraßen anschließen. Und danach im ökumenischen Gottesdienst mit Pfarrer Hilmar Gronau die "kleinen Sünden" vom Vorabend bereuen.

Das Programm ist jedes Jahr annähernd gleich. Eine weitere Konstante ist die sonntägliche Blasmusik mit den Reichelsheimer Musikanten. Einzig beim Frühschoppen gab es zuletzt eine Änderung, nachdem eine Kapelle einen Tag vor dem Auftritt abgesagt hatte. Letztes Jahr spielten die "Äppel-Quetscher", einer der Musiker stammt natürlich aus Dorheim. Pizza und Wellfleisch im Zelt, der Rummel mit Schießbude, Autoscooter und Co., die Stimmung der Besucher - beim Gedanken daran, auf all dies zu verzichten, müssen Hergesell und Frühschütz kurz schlucken. Es gehe um das Gemeinschaftsgefühl, sagt Hergesell. "Die Kerb bringt das Dorf zusammen."

"Wenn wir dieses Jahr nicht Kerb feiern können, feiern wir nächsten Jahr eben doppelt so lang", sagt Frühschütz. "Oder wir feiern gleich drei Wochen lang. Mach’ dich bockig!" Am heutigen Montag hat nicht nur der Ehren-Kerbbursch einen freien Tag genommen. Auch andere Dorheimer werden in dunklen Ebbelwoi-Kellern heimlich Kerb feiern, mit 1,50 Meter Abstand und Mundschutz am Ohr.

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