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Katja Ebstein erzählt bei »Friedberg lässt lesen« aus ihrem ereignisreichen Leben.

Seit 70ern berühmt

Katja Ebstein präsentiert ihr Buch bei »Friedberg lässt lesen«

  • VonHarald Schuchardt
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Katja Ebstein hat bei »Friedberg lässt lesen« aus ihrem ereignisreichen Leben erzählt. Anlass war ihr neues Buch »Das ganze Leben ist Begegnung«.

Mit ihren Erfolgen beim Eurovision Song Contest ist Katja Ebstein in den 1970er Jahren bekannt geworden, vor allem durch den Klassiker »Wunder gibt es immer wieder«. Doch die Berlinerin polarisiert auch immer schon mit ihrer politischen Einstellung, mit der nie hinter dem Berg gehalten hat.

Das war auch am Samstag in der Aula der Friedberger Augustinerschule nicht anders, wo das Multitalent ihr Buch »Das ganze Leben ist Begegnung« vorstellte. Es war der Auftakt für die zweite Saisonhälfte von »Friedberg lässt lesen.« Wegen der Abstandsregeln durften nur 80 Zuhörer in den Saal. »Wir haben sie gut und locker gesetzt«, meinte Friederike Herrmann von der Buchhandlung Bindernagel.

»Wir hätten vier Mal so viele Karten verkaufen können«, ergänzte Andreas Matlé, Leiter der Ovag-Öffentlichkeitsarbeit, der den Auftritt Ebsteins moderierte. Mit gezielten Fragen brachte Matlé die 76-Jährige wieder zurück zum gerade besprochenen Thema, schweifte sie doch oft davon ab.

Schonungsloser Geschichtslehrer

»Wenn ich erst mal ins Quasseln komme, bin ich nicht zu stoppen«, berlinerte Ebstein. »Ich bin keine Legende und keine Ikone, ich brauche keine Biografie«, habe sie bei Anfragen von Verlagen immer wieder gesagt. Stattdessen habe sie sich Gedanken darüber gemacht, welche Begegnungen im Leben »mit mir etwas gemacht haben«.

Die Heinrich-Heine-Liebhaberin hofft, dass sie mit ihrem »Machwerk« (Ebstein) andere Menschen dazu anregen kann, selbst zurückzublicken. Ihren eigenen Lebensrückblick begann sie mit Eindrücken aus ihrer Kindheit, die maßgeblich von der Flucht nach Berlin und ihrem als Kriegsversehrten aus dem Krieg zurückgekehrten Vater geprägt wurden.

»Ich war die Tagträumerin und Sterneguckerin in unserer Arbeiterfamilie«, erklärte Ebstein, die schon mit neun Jahren klare politische Vorstellungen hatte. »Unser Geschichtslehrer hat uns die Nazizeit schonungslos erklärt.«

Weil sie als Kind schwer erkrankte, wurde sie zur Erholung nach Amrum geschickt. So entstand die lebenslange Zuneigung Ebsteins zu der Insel, auf der sie heute lebt. Mit 16 arbeitete sie dort im Kinderheim und lernte Benno Ohnesorg kennen. Es war der Beginn einer Freundschaft, die am 2. Juni 1967 jäh endete: Bei einer Anti-Schah-Demo wurde Ohnesorg erschossen. »Ich war damals auf der Demo und habe Benno noch gesehen. Er wurde hingerichtet. Das ist für mich bis heute ein Trauma«, sagte die Zeitzeugin, die auch Rudi Dutschke gut kannte.

»Mir hat das gefallen, was die gemacht haben, und plötzlich war ich für zwei Jahre Kommunistin«, erzählte Ebstein, die betonte, jede Gewalt abzulehnen. »Für mich ist Jesus der einzig wahre Kommunist.« Durch eine Vikarin fand sie zum christlichen Glauben.

Aus ihrem Buch las Ebstein kaum. Nach einigen Passagen erläuterte sie beispielsweise, warum sie 1972 in der von Günter Grass gegründeten Künstlerinitiative Wahlkampf für Willy Brandt machte: »Ich habe Brandt als jemanden wahrgenommen, der der Jugend etwas in die Hand gab.«

Politik im Friseursalon

Immer wieder ging sie auf die aktuelle politische Situation ein. Eine ihrer Thesen: »Die ganze Parteienlandschaft sollte sich überdenken, außer der AfD. Alle Parteien müssen an einem Strang ziehen.« Trotz aller Kritik werde sie natürlich wählen gehen, denn »wer nicht wählt, wählt auch«.

Mehrmals prangerte sie die ihrer Meinung nach in der Pandemie deutlich gewordene Geringschätzung der Kultur durch die Politik an. Ihre Erfolge als Sängerin streifte sie nur kurz, dafür erzählte sie von ihrer Begegnung mit Angela Merkel im Friseursalon von Udo Waltz. Sie sei spontan zu ihr gegangen, um Merkel zu sagen, dass sie deren Haltung zur Flüchtlingssituation 2015 voll unterstützt habe. »Sie hat sich richtig gefreut«, berichtete Ebstein. Mit einem Gedicht von Heinrich Heine verabschiedete sie sich von den Zuhörern, die sicher nicht alle ihrer Thesen teilten.

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