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Karikaturen mit böser Feder

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Von: red Redaktion

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Winken zum Abschluss der Lesung und des letzten Joyce-Kapitels (v. l.): Volker Hoffmann, Kristina Schaum, die irische Konsulin Anne-Marie Flynn und Karl Buxmann. © pv

Friedberg (pm). Nachdem die Deutsch-Irische Vereinigung in 18 Jahren alle 18 Kapitel des »Ulysses« vorgetragen hatte, wurde vor vier Jahren mit Lesungen aus James Joyces »Dubliners« begonnen. Jetzt war das letzte Kapitel im Alten Hallenbad an der Reihe.

Bei den »Dubliners« handelt es sich um Kurzgeschichten über Alltagssituationen im Dublin um das Jahr 1900, die Joyce in sehr subtile Stimmungsbilder verwandelt, meist bestimmt durch charakterliche Schwächen der Protagonisten.

»Meine Absicht war es, eine moralische Geschichte meines Landes zu schreiben. Dafür wählte ich Dublin als Schauplatz.« Mit diesen Worten umschreibt James Joyce seine Motivation, den 1914 erschienenen Erzählband »Dubliners« zu verfassen. Die 15 im klein- und mittelbürgerlichen Milieu der Hauptstadt angesiedelten Geschichten sind, so Joyce, »Karikaturen, die mit einer von Bosheit gelenkten Feder geschrieben wurden«. In den kunstvoll komponierten Erzählungen der »Dubliners« richtet Joyce seinen Blick vor allem auf das Innere der Figuren - zum Beispiel ihre Befangenheit in der Doppelmoral des bigotten Katholizismus ihrer Zeit.

Der Titel »Die Toten« erscheint zunächst irreführend, handelt die Geschichte doch von der alljährlich stattfindenden Tanz- und Dinnerparty dreier gealterter, musikbesessener Damen, zu der eine große Anzahl von Verwandten, Freunden und ehemaligen Schülerinnen geladen sind. Menschen sehr unterschiedlicher Natur mit den typischen, divergierenden Schwächen und Vorlieben. Es herrscht eine feierfreudige Stimmung, aber die Unterhaltungen sind auch geprägt von gegensätzlichen Ansichten und fehlschlagenden Intentionen, die die Frage nach dem Sinn des Lebens aufkommen lassen. Und so legt sich am Ende symbolträchtig eine dichte Schneedecke über alle Lebenden und Toten der irischen Insel, was den zentralen Charakter, Gabriel, zwangsläufig zu diesen Gedanken im letzten Absatz treibt:

»His soul swooned slowly as he heard the snow falling faintly through the universe and faintly falling, like the descent of their last end, upon all the living and the dead« (Langsam schwand seine Seele, während er den Schnee sacht durch das All fallen hörte und sacht, dem Herabsenken ihrer letzten Stunde gleich, auf alle Lebendigen und Toten).

Im Original und mit Musik

Trotz des sehr nachdenklichen Endes der Erzählung gelang es dem langjährigen Vorsitzenden Karl Buxmann, der die englischen Texte vortrug, Volker Hoffmann, der die Übersetzung verlas und kommentierte, und der glänzend aufgelegten Sopranistin Kristina Schaum, den Abend auf kurzweilige Weise zu gestalten. Zu jedem Textabschnitt wurden einschlägige Lieder vorgetragen, sodass die Gäste die Veranstaltung als sehr unterhaltsam empfanden. Als nach der letzten Arie niemand gehen wollte, legten die Musiker mit einer Zugabe von Mozart, den Joyce sehr schätzte, nach. Mit dieser Lesung wurde der Joyce-Zyklus nach 23 Jahren zu einem vorläufigen Ende gebracht. Eine Fortsetzung ist in Planung.

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