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Ehemalige Raketenstation

Kammmolche und Magerrasen statt Patriot-Raketen

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Die Aufkündigung des INF-Vertrags weckt Erinnerungen an die Zeit, als der Friedberger Stadtteil Ockstadt im Brennpunkt des Kalten Krieges stand. Hier waren Patriot-Raketen stationiert.

Die Ockstädter hätten die Amerikaner als Freunde betrachtet, sagt Ortsvorsteher Günther Weil. "Fuhren Panzer durch den Ort, standen wir Kinder an den Straßen und freuten uns über geschenkte Kaugummis." Dass oberhalb des Kirschenberges zuerst Hawk- und später Patriot-Raketen stationiert waren, mit denen ein Angriff des Warschauer Paktes über die "Fulda Gap" (Fulda-Lücke) abgewehrt werden sollte, war den Ockstädtern nicht klar. "Wir wussten nicht, was dort oben lagert", sagt Weil. Als Bedrohung habe man das nicht angesehen.

Das bestätigt Jürgen Kessler vom Geschichtsverein. Kessler hat dieses Kapitel der Dorf- und Weltgeschichte für das Heimatbuch "Von Hucchenstat zu Ockstadt" recherchiert. In seinem Aufsatz erläutert er, was es mit der "Fulda Gap" auf sich hat: Wäre es zu einem Dritten Weltkrieg gekommen, wären die sowjetischen Streitkräfte über diesen Korridor einmarschiert. Die Raketenstation wäre eines der ersten Angriffsziele gewesen. "Um die Wirtschaftsmetropole Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet vor einem Angriff zu schützen, wurde im Gebiet des Fulda-Gap bis weit in die Wetterau hinein ein atomarer Abwehrschlag in Erwägungen gezogen", schreibt Kessler.

Mehrere Raketenbatterien seien ständig einsatzbereit gewesen. 1989, nach dem Fall der Mauer, verlor die Raketenbasis ihre Aufgabe. 1993 wurde sie geschlossen. Ärgerlich sei die Lärmbelästigung der Scheinangriffe auf die Station gewesen, erzählt Kessler. Fuhren Panzer durch die Bachgasse, wurden die Bordsteine zerrieben. Die Bewohner störten sich am Brummen der Stromaggregate, die pausenlos liefen. Zuletzt wurde die Raketenstation durch "patrouillierende" Gänse bewacht. Die Radargeräte habe man erkennen können. Kessler: "Die Raketen und die Abschussrampen hat man nur gesehen, wenn sie durchs Dorf transportiert wurden." Im Heimatbuch gibt es Fotos von den Transporten, heimlich aufgenommen von Anwohnern. Weil erinnert sich an halbrunde Wellblechhütten, die teils mit Gras bewachsen waren. Darunter lagerten die Raketen. Die Bedrohung aber war gut versteckt.

Techno-Partys und Pornos

Ein paar Jahre lang lag das Gelände brach. "Zeitweise war das ein Neonazi-Treffpunkt", sagt Kessler. Weil weiß von Quad- und Mountainbike-Fahrern, die sich dort tummelten. Revierförster Uwe Gerhardt berichtet von Techno-Partys mit bis zu 900 Gästen. Auch Pornos seien hier gedreht worden.

Damit war es vorbei, als die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben das Gelände räumen ließ und die Renaturierung begann. Berge an illegal abgelagertem Sperrmüll wurden entsorgt. Die Wellblechhütten wurden abgebaut, wenn sie zuvor nicht schon auseinandergenommen wurden. Kupferkabel und Dachziegel wurden gestohlen.

2010 war die Renaturierung abgeschlossen. Die Raketenstation wurde FFH-Gebiet, ein geschützter Lebensraum für seltene Tiere und Pflanzen. Es gibt hier Magerrasen, Tümpel, Hügel und Steinhaufen. Naturschützer haben zig Schmetterlings-, Heuschrecken- und Libellenarten gesichtet, außerdem Teichhühner, Mauersegler, Grünspecht, Wendehals und viele Käferarten. Der seltene Kammmolch, der auf der Roten Liste der bedrohten Arten steht, lebt in Teichen, die immer wieder entschlammt und von Gehölzen freigeschnitten werden müssen. Revierförster Gerhardt betreut ein rund 40 Hektar großes Gebiet mit viel Wald. Die Raketenstation aber soll offen gehalten werden. Gerhardt: "In unserem Klima entwickeln sich solche Flächen schnell zum Wald."

Schafe beweiden Magerrasen

Die Offenlandbereiche werden von einem Schäfer aus Ober-Mörlen beweidet. Das regelt der Fachdienst Landwirtschaft beim Wetteraukreis, der Fördergelder vom Land erhält. "Das Gebiet hat sich hervorragend entwickelt", sagt der Revierförster.

Auch für Ortsvorsteher Weil ist die Renaturierung ein Glücksfall. "Es gibt dort oben viele Spaziergänger. Man kann das Gelände auf einem Wanderweg umrunden, das ist traumhaft schön." Und kaum einer, der hier unterwegs ist, dürfte sich noch daran erinnern, dass hier einst eines der ersten Angriffsziele auf deutschem Boden im Falle eines dritten Weltkrieges lag. 

Info

Fünffache Überschallgeschwindigkeit

Jürgen Kessler schreibt im Ockstädter "Heimatbuch" über die Raketenstation: "Ab 1985 wurde auch in Ockstadt das HAWK-System durch das Patriot-System ersetzt. Dieses System war erheblich leistungsfähiger. So waren die Raketen mit drei- bis fünffacher Schallgeschwindigkeit erheblich schneller als die HAWK-Raketen, die nur mit zweifacher Schallgeschwindigkeit ihr Ziel ansteuerten. Sie eigneten sich somit auch für die Bekämpfung feindlicher Raketen. Auch die Reichweite lag je nach Ausstattung zwischen 70 und 160 Kilometer und damit deutlich höher als bei dem veralteten System. Die gleichzeitige Bekämpfung von bis zu neun Lenkflugkörpern wird vom Feuerleitrechner unterstützt." 

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