Lars Reichow ist ein scharfer politischer Kritiker und Satiriker. Er zeigt im alten Hallenbad aber auch sein Talent als stimmbegabter Sänger und Pianist. FOTO: GK
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Lars Reichow ist ein scharfer politischer Kritiker und Satiriker. Er zeigt im alten Hallenbad aber auch sein Talent als stimmbegabter Sänger und Pianist. FOTO: GK

Kabarettistischer Rundumschlag

  • vonGerhard Kollmer
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Friedberg(gk). "Let’s make Friedberg great again!" An den Beginn seiner beiden ausverkauften Auftritte am vergangenen Mittwochabend im Theater Altes Hallenbad stellt Lars Reichow, der deutschlandweit bekannte Kabarettist und Singer-Songwriter, ein augenzwinkerndes Kompliment an die Kleinstadt in der Wetterau.

"Von diesem Programm muss ein Ruck ausgehen!" Der geniale Plauderer mit Tiefgang springt leichtfüßig von Thema zu Thema und hat die Lacher von Anbeginn auf seiner Seite.

Reichows Auftritt durchzieht ein Thema als roter Faden: Donald Trump, der "hirnlose Vollidiot". Hier kennt der Mann aus Mainz keine Gnade. Statt ironische Seitenhiebe zu verteilen, feuert er eine Salve nach der anderen auf den Noch-Präsidenten der USA ab. Dem auf solche Angriffe folgenden Applaus ist zu entnehmen, daß Reichow damit auf breite Zustimmung stößt. Kaum weniger aggressiv werden Boris Johnson und Wladimir Putin ins Visier genommen. Letzterer sei - so Reichow - als Kind in eine Schlangengrube gefallen und habe sich mit den sympathischen Tieren sofort angefreundet.

Gegenstück zu solch martialischer Kritik ist das euphorische Lob Europas - in all seiner Unvollkommenheit, mit allen ärgerlichen Defiziten, die immer mehr Menschen an der "Idee Europa" zweifeln lassen. "Europa ist unsere letzte Insel": Fast beschwörend klingt dieser Appell von der Bühne herab.

Satirische Glanzstücke

Eingestreut in Reichows politische Kritik sind satirische Glanzstücke wie die Nummer mit dem dreibeinigen Hund "Orban" aus Rumänien, den er und seine Familie unter ihre Fittiche nehmen. Deutsche "Tierliebe" in all ihren oft lächerlichen Facetten wird hier umwerfend komisch durch den Kakao gezogen.. Dann folgt das erste Lied am Klavier - poetisch und leise: "Ich hab Angst", zum Beispiel vor dem "allzusehr Banalen" in unserer Gesellschaft. Reichow schlüpft hier in eine völlig andere Rolle. Neben den scharfen politischen Kritiker und Satiriker tritt der stimmbegabte Sänger und Pianist.

Ein weiteres Highlight ist die Rede des Vorsitzenden einer Splitterpartei, die bei den Wahlen leider keinen einzigen Sitz im Parlament erobern konnte - im "meenzerischen" Tonfall von Reichows Wohnort. Aus dem politischen Leben sattsam bekannte hohle Phrasen werden hier als kompletter Nonsens bloßgestellt. Großartig! Auch vor dem Albernen scheut Reichow nicht zurück - mit der "Interpretation" des Klassikers "je t’aime" in diversen nachgeahmten Sprachen. Darauf folgt ein wunderbares Liebeslied am Klavier. Sein Lob Angela Merkels changiert - sehr gekonnt - zwischen aufrichtiger Verehrung und leiser Ironie.

Mit drei Zugaben verabschiedet sich das Allroundtalent aus Mainz dann vom begeisterten Auditorium in der großen Halle des Theaters Altes Hallenbad.

Die in einer fiktiven Studie vorgestellten Untersuchungen über die äußerst komplexen Ursachen von Corona in China sind ein absolutes kabarretistisches Meisterstück. (Pseudo-)Wissenschaftlichkeit bekommt hier noch ihr Fett ab.

Darauf folgt ein stimmgewaltiger Song am Klavier: "Ich hab ’ne App für…" alles und jedes. Dem einen oder anderen wird beim Hören dieses Liedes das Lachen vielleicht im Halse stecken geblieben sein. Der Meister verabschiedet sich mit dem nachdenklichen Lied "Ich freue mich, wenn…".

Tosender Applaus begleitet den Mann, der einen pausenlosen hoch konzentrierten 90-minütigen Auftritt absolviert hat, in die Garderobe.

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