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Rekord

Gut 300 Jungvögel: Mehr Störche denn je in der Wetterau

  • vonKlaus Nissen
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Nicht weniger als 284 Jungstörche sind diesen Sommer in der Wetterau flügge geworden. Genau 138 Elternpaare haben sie aufgezogen, berichtet Udo Seum. Der Gebietsbetreuer des NABU für das Bingenheimer Ried kennt alle Nester im Kreis und hat ihre Bewohner gezählt.

"Vor 20 Jahren gab es nur ein oder zwei Brutpaare", sagt Seum. 2019 brüteten dann 120 Paare, in diesem Jahr kamen 18 weitere hinzu. Manche zogen gleich vier Jungstörche auf. "Die Störche finden genug Nahrung und profitieren vom Klimawandel", sagt Seum.

Inzwischen haben die Jungstörche ihre Nester verlassen. Sie sind aus der Ferne nicht mehr von ihren Eltern zu unterscheiden. Von den älteren Weißstörchen unterscheiden sie nur noch die schwarzen Schnabel-Ansätze. Im Moment fressen sich die jungen und die älteren Störche Reserven für den Herbst-Zug in den Süden an. Auf frisch gegrubberten Feldern in der Nähe der Lindheimer und Bingenheimer Feuchtwiesen sieht man sie dutzendweise stolzieren.

"Der Storch frisst in erster Linie Regenwürmer", sagt Udo Seum. Auch Mäuse, Frösche und Insekten verschmäht er nicht. Die streng geschützten Störche würden nun auch die seltenen Kiebitz-Küken und sogar Junghasen verzehren, klagte der Nidderauer Jagdpächter Heinz Ross (die WZ berichtete). Der Vogelkundler Udo Seum widerspricht: "Feldhasen sind viel zu groß für den Storch." Die Population habe nun ein erfreuliches Ausmaß erreicht und müsse vom Menschen weder bekämpft noch gefördert werden. Deshalb sei es auch nicht mehr nötig, weitere Nisthilfen auf ehemaligen Telegrafenmasten zu errichten. Auch das Füttern von Störchen sei nicht notwendig - sie finden ihre Nahrung selber.

Füttern mit toten Kücken nicht legal

Die Ausnahme von der Regel heißt Wilhelm. Der schon 30 Jahre alte Storchenmann wird in eisigen Wintern von seinem Mentor Wilhelm Fritzges mit Nahrung versorgt. Denn Wilhelm lernte nie, in den Süden zu ziehen. Er brütet mit seiner Partnerin Wilma alljährlich auf dem Schornstein der ehemaligen Schnapsbrennerei des Hofguts Westernacher in Lindheim. Bisher wurden dort 57 Jungstörche flügge. An Tagen mit Eis und Schnee half Fritzges Wilhelm mit jeweils zehn toten Eintagsküken über den größten Hunger. Doch diese Spezialbehandlung droht nun illegal zu werden - dem alten Wilhelm droht der Hungertod.

Im Mai und Juni merkte Wilhelm Fritzges, dass mit dem Storch etwas nicht stimmte. "Er konnte nur mit Schmerzen landen und hat gehumpelt", berichtet der 79-jährige Vogelschützer und Mitbegründer des Wetterauer Naturschutzbeirates. Vielleicht hatte sich Wilhelm am linken Knie verletzt. "Es könnte auch Arthrose sein, sagte ein Storchen-Doktor, dem wir Videos mit Wilhelm geschickt haben."

Fritzges beschloss, den Altstorch außer der Reihe zu füttern. Denn wenn Wilhelm ausfiele, hätte Wilma allein die drei Jungstörche wohl nicht ernähren können. Jeder von ihnen vertilgt bis zur Flugreife etwa 39 Kilo Regenwürmer oder 19 Kilo Feldmäuse, schätzt Fritzges. "Ich konnte ja die Brut nicht kaputt gehen lassen."

Doch die Zoohandlung wollte Fritzges diesmal keine toten Küken geben. Dafür brauche er eine amtliche Erlaubnis, die später Stefan Weitzel, der Vorsitzende der Natur- und Vogelschutzgruppe Lindheim, beantragte. Die Genehmigung kam und dazu die Rechnung für eine Gebühr in Höhe von 71 Euro.

Engagement für Vögel seit 1973

Fritzges macht das wütend. Seit 1973 kümmere er sich um die Störche und andere gefährdete Vogelarten in der Region. Die Natur- und Vogelschutzgruppe habe in tausenden Arbeitsstunden und für tausende Euro Teiche angelegt und Feuchtwiesen gekauft. Immer wieder seien den Vogelschützern dabei von Ämtern bürokratische Hürden gelegt worden. "Überall wird das Ehrenamt gelobt - aber hier wird es schikaniert!" schimpft Fritzges. Die 71-Euro-Gebühr habe das Fass zum Überlaufen bringen lassen. Er werde sie nicht zahlen. "Mir geht es hier ums Prinzip!"

Dem Altstorch Wilhelm geht es derweil besser - sein linkes Knie scheint nicht mehr zu schmerzen. Und im nächsten Eiswinter will Fritzges ihn wieder füttern. Die toten Küken werde er schon bekommen - "Ich hab so viele Freunde, die mir helfen." Und wenn er sich damit strafbar macht, nimmt er es in Kauf."

Strenge Vorgaben

Störche mit toten Kücken, sogenannten Eintagsküken, zu füttern ist gängige Praxis. Die EU-Verordnung 1069/2009 in der Fassung vom 4. Dezember 2018 verpflichtet jedoch auch Vogelschützer zur peniblen Einhaltung aller Vorschriften der "Tierische Nebenprodukte-Beseitigungsverordnung". So muss etwa bei der Beförderung der toten Küken stets ein spezielles Handelspapier in mindestens dreifacher Ausfertigung beiliegen.

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