Nach Angriff am Bahnhof Friedberg

Der Jüngste von drei Tätern muss in Haft

  • vonHedwig Rohde
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Mit Jugend- bzw. Freiheitsstrafen zwischen neun und 18 Monaten endete vor dem Jugendschöffengericht Friedberg das Verfahren wegen gefährlicher Körperverletzung gegen drei junge Männer.

Mit der Verletzung von Steven B. (alle Namen geändert, d. Red.) durch einen scharfen Gegenstand an Gesicht und Hals endete am 23. November 2019 am Friedberger Bahnhof das Aufeinandertreffen zweier Gruppen junger Männer. Auf der einen Seite standen die drei Angeklagten, der 17-jährige Mahmoud S. sowie die Brüder Nihad (19) und Abdullah (21) K., auf der anderen Steven B. (19) und seine Freunde Alex M. (19) und Max O. (17).

Im Mittelpunkt des vierten Verhandlungstages unter Vorsitz von Richterin Franzke standen vor den Plädoyers Berichte der Jugendgerichtshilfe zu Nihad K. und Mahmoud S. sowie - unter Ausschluss der Öffentlichkeit - das psychiatrische Gutachten über den 17-Jährigen.

Die Brüder K. leben mit ihrer Familie in einer Wetteraugemeinde, S. wohnt getrennt von seiner Familie in einer Jugendeinrichtung in Echzell. Beide Familien sind kurdischer Herkunft, hatten sich zu Beginn des syrischen Bürgerkriegs 2012 zu Fuß auf die Flucht gemacht und gelangten jeweils als Einzelpersonen oder in Kleinstgruppen 2016/2017 nach Deutschland.

Alle drei Angeklagten haben nur kurz die Schule besucht und im Alter von zehn, elf Jahren durch Arbeit zum Familienunterhalt beitragen müssen, sowohl in Syrien wie auch auf der Flucht bei den mehrjährigen Zwischenaufenthalten in der Türkei und in Griechenland. Entsprechend schwer tun sich alle drei mit dem streng regulierten, Bildungs-abhängigen deutschen Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. Unterschiede in der psychischen Verfassung der drei hatten sich dagegen am dritten Verhandlungstag manifestiert.

21-Jähriger trägt Verfahrenskosten

Am besten schnitt in der Sozialprognose Abdullah K. ab. Der 21-Jährige wirkt ruhig und war von keinem Zeugen als Täter eindeutig identifiziert worden. Einen Schlag hatte Nihad K. dem Bruder zugeordnet, diesen aber dessen Schlichtungsversuch zugeschrieben. Dieser Sichtweise schloss sich das Gericht allerdings ebenso wenig an wie dem Antrag von Verteidiger Jürgen Häller auf Freispruch. Abdullah K. wurde zu neun Monaten auf Bewährung verurteilt (drei Monate weniger als von Staatsanwalt Bender gefordert) und hat als Erwachsener die Kosten seines Verfahrens zu tragen.

Aggressive Tendenzen wurden bei Nihad K. erkannt, der mit einem Tritt gegen den Bauch von Alex M. die Tätlichkeiten begonnen hatte. Wegen seines guten Verhaltens während der achtmonatigen Untersuchungshaft ist seine Sozialprognose positiv. Statt dem Antrag von Verteidiger Alexander Hauer, es unter Auflagen bei einer Verwarnung zu belassen, folgte das Gericht in diesem Fall jedoch vollständig dem Antrag des Staatsanwalts. Es verurteilte Nihad K. zu einem Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung sowie zu 100 Stunden gemeinnütziger Arbeit, stellte ihm einen Bewährungshelfer zur Seite und verpflichtete ihn zur Fortsetzung des Schulbesuchs sowie zu einem Konflikttraining.

Hohe Aggressivität führt zu Haftstrafe

Sorgen bereitet Mahmoud S. wegen seines deutlichen Aggressionspotenzials nicht nur seinen diversen Betreuern, sondern auch dem Gericht, das ihm trotz seines Dementis die Nutzung eines abgebrochenen Flaschenhalses als Schlagwaffe zuschrieb.

Starke kognitive Entwicklungsverzögerungen, ein ausgeprägtes Geltungsbedürfnis, verbunden mit der Neigung, aus Gesprächen und Handlungen Gleichaltriger grundsätzlich Angriffe auf seine Person abzuleiten, sowie selbstverletzende bzw. suizidale Tendenzen führten auch in der JVA Rockenberg zur Notwendigkeit, ihn in einer videoüberwachten Zelle unterzubringen und Kontakte mit anderen Häftlingen nur in Kleinstgruppen zuzulassen.

Auch hier folgte das Gericht nicht dem Antrag von Verteidiger Oliver Persch, der eine höchstens einjährige Freiheitsstrafe vorgeschlagen hatte, sondern dem Antrag des Staatsanwalts und verurteilte Mahmoud S. zu 18 Monaten Jugendstrafe. Sozialtherapie soll ihn in dieser Zeit auf das anschließende Leben in einer Wohngruppe vorbereiten. - Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig.

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