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Die mittelalterliche Mikwe, das sogenannte »Judenbad«, gehört zu einer kleinen Gruppe mittelalterlicher Monumentalmikwen, die in Deutschland erhalten sind. 72 Stufen führen über sieben Treppenläufe von einem alten, aus Sandstein gefertigten Eingangsportal in die Tiefe von etwa 25 Metern.

Ausstellung in der Friedberger Mikwe

Jüdisches Leben zwischen Ablehnung und Anerkennung

  • vonHanna von Prosch
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Jüdisches Leben hat die Geschichte und Kultur hierzulande mitgeprägt. »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« heißt eine undesweite Ausstellung, die auch die Mikwe in Friedberg einbezieht.

Zahlreiche Museen, Bibliotheken und Institutionen haben sich am Projekt »Shared History« beteiligt. 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland - beginnend mit dem Edikt des römischen Kaisers Konstantin im Jahre 321 - hat die Geschichte und Kultur des gesamten deutschsprachigen Raums mitgeprägt.

Das Leo-Baeck-Institut hat zum Jubiläum eine sich ergänzende virtuelle Ausstellung konzipiert. Darin wird auch die Mikwe in Friedberg vorgestellt. Bis Dezember ist jede Woche ein bedeutsames zeitgeschichtliches Objekt in Wort und Bild zu sehen. In einer Zeitleiste kann man sogar die gesamte Entwicklung mitverfolgen

»Shared history«, geteilte Geschichte, bedeutet so viel wie die Verwobenheit der Erfahrungen von jüdischen Bewohnerinnen und Bewohnern und ihren nicht jüdischen Nachbarn. Das Edikt Kaiser Konstantins ist der älteste Nachweis jüdischer Siedlungen nördlich der Alpen. Es erlaubte den Stadträten, Juden zum Dienst im Rat der Stadt Köln zu berufen.

Die Neugier wird geweckt

Viele Museen, Bibliotheken und Institutionen trugen für das Projekt Hunderte von Objekten zusammen, aus denen 58 ausgewählt wurden. Sie dienen als Kommentare zu historischen Ereignissen und deren gegenwärtiger Relevanz und weisen auf übergreifende Themen wie Migration, Inklusion, Exklusion, kulturelle Anpassungsprozesse, Erfolgsgeschichten, Verfolgung, und Resilienz hin.

Zu jedem Objekt werden zwei wissenschaftlich fundierte Aufsätze angeboten, in denen man spannende Hintergrundinformationen zum Lokal- und Zeitbezug entdecken kann.

Der Zugang zu den Objekten erfolgt entweder direkt über die Liste oder über eine Landkarte - allerdings ohne Ortsbezeichnungen -, am besten aber über die Zeitleiste, denn darin sind bereits die geschichtlichen Zusammenhänge eingebettet.

Geächtet und vertrieben

Geografische und historische Dokumente, Objektfotos etwa aktuell vom ersten jüdische Friedhof in Worms (1034), Belege jüdischer Goldschmiedekunst aus dem 11. Jahrhundert oder die Geschichte der Mikwe in Friedberg sind interessante Belege. Dazu hat die Denkmalpflegerin Stefanie Fuchs zwei Aufsätze beigetragen: zur Mikwe selbst und »Geheimnisvolle Glocken im Jüdischen Viertel«.

In der Frühen Neuzeit, zwischen der Reformation und dem 17. Jahrhundert, wurden die Juden, obwohl sie fest im wirtschaftlichen Leben Fuß gefasst hatten, geächtet und aus den Städten vertrieben. Verschwörungstheorien gab es zuhauf.

Erst danach konnten sie in Preußen und der Pfalz wieder Fuß fassen und bildeten starke Gemeinden wie in Berlin. 1806 verlieh ihnen Napoleon Bürgerrechte. Im Miteinander spielten die Synagogen eine wichtige Rolle, ebenso bei der Objektdarstellung.

Persönlichkeiten und Errungenschaften

In allen Epochen werden Persönlichkeiten und Errungenschaften aus Literatur, Philosophie, Wissenschaft, Kunst und Musik hervorgehoben. Dabei tauchen auch die Salvarsan-Ampullen als Objekt der Woche Nr. 31 (1. August) auf.

Paul Ehrlich entwickelte 1909 das Salvarsan, eine Arsenverbindung, für die Bekämpfung der Syphilis. Bezugspunkt ist das Paul-Ehrlich-Institut Frankfurt/Darmstadt/Gießen, denn im Frankfurter Georg-Speyer-Haus, einem privat-jüdischen Institut, betrieb Ehrlich weitgehende Forschungen unter anderem zu Krebs.

Komplexe Koexistenz

Eindrucksvoll wird dann die Geschichte zwischen den beiden Kriegen dokumentiert und schließlich der Holocaust und dessen Aufarbeitung. Mit der Gründung des Zentralrats der Juden 1950, der Entstehung der Mahnmale und Stolpersteine im vergangenen Jahrhundert und dem neuen Jüdischen Museum in Berlin schließt das Projekt seine Objektliste am 26. Dezember.

Die Idee, jede Woche ein Stück mehr von dieser komplexen Koexistenz von jüdischem und nicht jüdischem Leben zu erfahren, ist großartig. Schnell wird die Neugier geweckt, denn viele Namen und Orte sind bekannt.

Die Dokumente können und sollen auch als Lehr- und Lernmaterial dienen und gleichzeitig Geschichtsvergessenheit und Geschichtsverfälschungen entgegenwirken.

Das Projekt »Shared History« erkunden

Das Projekt »Shared History« können Interessierte erkunden. Man bekommt Zugang über https://sharedhistoryproject.org. Darunter wird man weitergeleitet auf Zeitleiste, Objekte und Karte sowie ins virtuelle Museum. Der Museumsrundgang ist allerdings wegen seiner noch etwas unklaren interaktiven Führung kein zusätzlicher Gewinn. Wer die Projektseiten bisher besucht hat, wird feststellen, dass Seiten-Führung und Texte inzwischen deutlich optimiert wurden.

Die bisher vorgestellten Objekte kann man nachlesen. Die noch kommenden weisen jedoch nur ein Foto, das Veröffentlichungsdatum und eine oft unvollständige Überschrift auf. Man kann sich aber zu einem Newsletter anmelden und bekommt dann das jeweils neue Objekt der Woche mit allen Details und Aufsätzen geliefert.

Es gibt außerdem digitale Veranstaltungen, Podiumsdiskussionen und Vorträge. Noch bis Freitag 23. April stellt der Bundestag unter https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2021/kw04-gedenktag-ausstellung-81674 einen lohnenswerten achtminütigen Film zur Verfügung, der mit Interviews durch die dortige Ausstellung ausgewählter Objekte führt.

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