"Ich habe mein kleines Reich, das mir zu 100 Prozent gehört. Wir bringen im Jahr etwa 15 Bücher heraus - es sind genau die Bücher, die ich verlegen möchte", sagt Joachim Unseld. Am Donnerstag verlässt er die Verlagsräume im Frankfurter Westend und kommt ins Alte Hallenbad nach Friedberg. FOTOS: BF/DPA
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"Ich habe mein kleines Reich, das mir zu 100 Prozent gehört. Wir bringen im Jahr etwa 15 Bücher heraus - es sind genau die Bücher, die ich verlegen möchte", sagt Joachim Unseld. Am Donnerstag verlässt er die Verlagsräume im Frankfurter Westend und kommt ins Alte Hallenbad nach Friedberg. FOTOS: BF/DPA

Friedberg lässt lesen

Joachim Unseld: Literatur auf brutale Art riskieren

  • vonred Redaktion
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Ein Verleger in klassischem Sinne, für den allein die literarische Qualität zählt: Joachim Unseld moderiert den Auftakt von "Friedberg lässt lesen" mit Minka Pradelski.

Es sollte eigentlich ein großes Jubiläumsjahr werden. 100 Jahre alt wird die Frankfurter Verlagsanstalt (FVA), seit 25 Jahren unter Leitung von Joachim Unseld, vor 33 Jahren wurde der Verlag in eine GmbH umgewandelt. Ein grandioses Jubiläumsjahr, nur kann es nicht gebührend gefeiert werden. Der Grund: Das Virus, das immer noch unseren Alltag bestimmt.

Verlegerpersönlichkeit in bestem Sinne

Unseld (66 Jahre), nach dem Abgang von Michael Krüger (Hanser Verlag), der letzte Verleger alter Art in dem Sinne, dass bei ihm für die Veröffentlichung eines Buches nur eines gilt: Die literarische Qualität, gleich welche Meinung Marketing-Experten hinsichtlich des Erfolges dazu haben mögen.

Hinzuzufügen ist: Literarische Qualität nach seinem Gusto. "Klar", fügt er bestimmt hinzu, "das ist schließlich meine Veranstaltung."

Eine Verlegerpersönlichkeit, im besten Sinne des Wortes. Wie geschaffen für ihn das Wappentier der FVA: Ein Elefant, der den Rüssel zum Trompeten hebt. Sich gewiss seiner Stärke, seiner Ausstrahlung, seiner Möglichkeiten, seiner Wirkung.

Propagandist für seine Autoren

Unseld ist auch einer, der gerne die Verlagsräume im Frankfurter Westend verlässt, um als Propagandist für seine Autoren - für die gute Literatur an sich - die Bühne zu betreten. So am Donnerstag, 1. Oktober, wenn er zu Beginn der 16. Saison von "Friedberg lässt lesen" im Theater Altes Hallenband die Lesung mit Minka Pradelski um ihr neues Buch "Es wird wieder Tag" moderiert.

Man hört aus den Worten von Unseld die tiefe Zufriedenheit darüber, wie alles letztlich gekommen ist. "Ich wollte nie mehr einen Brief auf meinem Schreibtisch vorfinden derart ›Sie sind gefeuert‹. Ich habe hier mein kleines Reich, das mir zu 100 Prozent gehört. Wir bringen im Jahr etwa 15 Bücher heraus - es sind genau die Bücher, die ich verlegen möchte."

Vorteil oder Belastung?

Der mächtige Nachname - empfand er das eher als Vorteil oder Belastung? "Das war teils Belastung, teils aber Sprungbrett." Man dürfe nicht vergessen, dass der Name Unseld erst mit der Studentenbewegung 1968 jenes Gewicht gewann.

"Vorher war nur die Rede von Suhrkamp. Dann rückte mein Vater mit der Edition Suhrkamp als Verlag der Studenten in den Mittelpunkt.

Zahlreiche Debütromane verlegt

Das bekam ich übrigens auch im Studium mit. Es gab Professoren, die fanden das toll, andere hassten meinen Vater, weil er womöglich ein Manuskript von ihnen nicht veröffentlicht hatte."

Frei von alle diesen Befindlichkeiten und Nebenschauplätzen kann Unseld nun seit einem Vierteljahrhundert seiner Lust und Passion nachgehen. Passion: Es gibt keinen deutschen Verlag, der prozentual im Vergleich mit den "Großen" so viele Debütromane herausgibt und damit Erfolg hat.

Intuition für den Erfolg

Unseld hat das Bauchgefühl, die Intuition, die innere Matrix - wie immer man dieses Geschick bezeichnen möchte - und auch den Mut, um damit erfolgreich zu sein. Freilich: "Natürlich passiert es häufig, dass meine erfolgreichen Jungautoren von größeren Verlagen abgeworben werden."

Er hält einen Moment inne und lächelt: "Schade, dass es im Verlagswesen keine Ablösesummen wie beim Fußball gibt." FVA, das war, das ist der Verlag von Autoren wie Bodo Kirchhof, Nino Haratschwili, Nora Bossong, Eva Demski, Zoe Jenny, Klaus Modick und vielen mehr.

Controller immer mehr im Vordergrund

Seit Ende der 80er geht es in der Branche mit den Verkaufszahlen - Unseld umschreibt das diplomatisch - "nicht mehr aufwärts", was er im Wesentlichen auf die Vielfalt an Freizeitmöglichkeiten zurückführt.

Mehr und mehr hätten die Betriebswirtschaftler und Controller das Sagen, um "marktgerecht" zu veröffentlichen. "Wir aber riskieren literarische Projekte auf brutalste Art und halten uns und damit auf niedrigem Niveau stabil. Das ist übrigens eine Art von Literatur, die nur im Buch funktioniert - und eben nicht als Film."

Zur Person: Joachim Unseld

Unseld - ein Name über die Literaturszene hinweg wie in Stein gemeißelt. "Verleger zu werden war kein Wunsch, es war vielmehr eine Chance. Meine Ausbildung ist darauf hinausgelaufen." Geboren 1953 in Frankfurt, absolvierte er eine Lehre beim Suhrkamp-Verlag, den sein Vater Siegfried 1959 übernommen hatte.

Anschließend studierte er Germanistik, Soziologie und Philosophie, promovierte mit einer Arbeit über Kafka, trat 1983 als designierter Nachfolger seines Vaters bei Suhrkamp ein und widmete sich hauptsächlich der neuen deutschen Literatur. 1990 überwarf er sich mit seinem Vater und schied aus. 1994 übernahm Joachim Unseld schließlich die Frankfurter Verlagsanstalt (FVA).

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