Vor allem in der Friedberger Altstadt werden zahlreiche Gebäude durch den Angriff zerstört. Das Foto zeigt die Große Klostergasse, im Hintergrund ist die Stadtkirche zu sehen.
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Vor allem in der Friedberger Altstadt werden zahlreiche Gebäude durch den Angriff zerstört. Das Foto zeigt die Große Klostergasse, im Hintergrund ist die Stadtkirche zu sehen.

Vor Kriegsende

Vor 75 Jahren: Tote und Verletzte, Blut und Schreie

  • Sabrina Dämon
    vonSabrina Dämon
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Heute vor 75 Jahren, am 12. März 1945, kommt es in Friedberg zu einem schweren Luftangriff. Über 80 Menschen sterben, zahlreiche Gebäude werden zerstört.

Die jüngste Tote ist zehn Monate alt. Ursula Enders. Geboren am 12. Mai 1944. Gestorben am 12. März 1945. Das Baby stirbt im Bombenhagel. So wie über 80 andere junge und alte Menschen an diesem Vorfrühlingstag in Friedberg.

Es ist einer der größten Luftangriffe auf die Kreisstadt während des Zweiten Weltkriegs. Vorrangiges Ziel der Amerikaner ist das Bahnhofsgelände. 75 Bomber werfen an diesem Tag Sprengbomben, Stabbrandbomben sowie Phosphorkanister über der Stadt ab. Rund 300 Menschen werden obdachlos.

Heute, 75 Jahre danach, lassen sich der Angriff und der Grad der Zerstörung nachvollziehen. Die Hauptquelle dafür ist ein sogenanntes Luftschutzkriegstagebuch, verfasst von Fritz Rust. Er war Hauptmann der Schutzpolizei in Friedberg, seit 1. Mai 1933 NSDAP-Mitglied. Nach dem Krieg, 1947, wird er von der Spruchkammer als »Mitläufer« eingestuft. In seinen Aufzeichnungen führt Rust Buch über die Folgen des Angriff. Name, Adresse und Geburtstag von über 80 Menschen, die bei dem Angriff gestorben sind, listet er auf. Die Namen der Zwangsarbeiter, die ihr Leben verloren, fehlen in der Liste.

Friedberg vor 75 Jahren: Die Altstadt, »ein Flammenmeer«

Zu den Zerstörungen heißt es: »Der Schwerpunkt des Angriffs richtete sich gegen das Reichsbahngelände und gegen das angrenzende Stadtgebiet, insbesondere gegen die Altstadt um das Polizeirevier (Stadtkirchenplatz, Kleine und Große Klostergasse, Schnur- und Engelsgasse, Haagstraße).«

Vier öffentliche Gebäude werden schwer beschädigt, schreibt Rust: die Musterschule, die Schule in Fauerbach, ein Verwaltungsgebäude der Reichsbahn sowie die Kreisverwaltung der NSDAP.

Im ganzen Stadtgebiet brennen Häuser. Wassermangel und Nordwestwind, berichtet Rust, sorgen dafür, dass sich Großbrände entwickeln. »Die Altstadt mit ihren Lehmhäusern war schwer getroffen und stand in einem Flammenmeer.« Rust notiert:

1. Gebäudeschäden total: 55

2. Gebäudeschäden schwer: 45

3. Gebäudeschäden mittel: 26

4. Gebäudeschäden leicht: 80 bis 100

Der Luftangriff am 12. März ist einer von mehreren schweren auf die Kreisstadt. Drei Monate zuvor, am 4. Dezember 1944, sind große Teile Fauerbachs zerstört worden. Bei diesem Angriff starben über 90 Menschen. Einer von ihnen war Günter Loths Vater. Einen Tag nach dem Angriff kamen der vierjährige Günter und seine Schwester nach Bingenheim. Sie lebten von da an bei den Großeltern mütterlicherseits.

Günter Loth ist in Bingenheim geblieben. Noch heute lebt er dort. Seine Erinnerungen an den Bombenangriff hat er aufgeschrieben.

Er war erst vier Jahre alt damals, doch, sagt er, die Ereignisse haben sich eingeprägt. Noch heute kann er sich an den Tag erinnern. »Als Kind bin ich jahrelang nachts wach geworden und habe Feuer gesehen.«

Vor dem Angriff haben er, seine Eltern und seine zehn Jahre ältere Schwester in Fauerbach gewohnt. Der Vater - er arbeitete als Lokführer bei der Reichsbahn im Schichtdienst - hatte am 4. Dezember einen freien Tag. Als am Mittag der Bombenalarm ertönte, berichtet Loth, flüchteten die Familie und zahlreiche Nachbarn in den etwa 200 Meter entfernten Luftschutzbunker im Übernachtungsheim für das Personal der Bahn. »Meine Mutter, Schwester und ich fanden in einer Ecke des großen Raums einen Platz. Mein Vater als Raucher und weitere Männer begaben sich in den Flur des Kellers, evtl. um auch zu rauchen.«

Günter Loth erinnert sich daran, wie alle im Keller still gewesen waren, als das Brummen der Flieger ertönte. »Plötzlich gab es einen fürchterlichen Krach«, gefolgt von »Geschrei und völliger Dunkelheit«.

Friedberg vor 75 Jahren: Das Leben »vor der Haustür« verloren

Das Gebäude war getroffen worden, die Hälfte der Kellerdecke heruntergestürzt. »Meine Mutter hatte sich instinktiv über uns Kinder geworfen und geschützt, denn in unserer Ecke war ein Stück Mauer eingestürzt.« Die Mutter wurde dabei schwer verletzt.

Von den Männern, die im Flur gestanden hatten, waren die meisten tot oder schwer verletzt, berichtet Loth. »Unser Vater hatte schwerste Verbrennungen am ganzen Körper durch das Austreten des heißen Dampfs aus den geplatzten Heizungsrohren.« Günter Loth schreibt in seinem Text über den Tag: »Ich erinnere mich: überall Tote und Verletzte, Blut und Schreie. Neben unserer Sitzgruppe stand eine Bank unter einem Kellerfenster, hierauf lag eine tote Frau ohne Kopf mit hellbraunen Stiefeln.«

Am Tag nach dem Angriff holt der Großvater Günter Loth und seine Schwester nach Bingenheim. Der Vater ist im Krankenhaus in Bad Nauheim. Er erliegt am 6. Dezember seinen Verletzungen. Er hatte im Ersten Weltkrieg gekämpft, berichtet Günter Loth, »kam unverletzt aus diesem mörderischen Krieg zurück und verlor dann 1944 praktisch vor der Haustür sein Leben«. FOTO: SDA

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