"Wir haben es als unsere Aufgabe angesehen, die Kinder gerade in der Corona-Zeit nicht alleine zu lassen": Die beiden "Lichtblick"-Vorstände Stephan Kunz (M). und Tatjana Brüggemann im Gespräch mit WZ-Redakteur Jürgen Wagner.		FOTO: NICI MERZ
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»Wir haben es als unsere Aufgabe angesehen, die Kinder gerade in der Corona-Zeit nicht alleine zu lassen«: Die beiden »Lichtblick«-Vorstände Stephan Kunz (M). und Tatjana Brüggemann im Gespräch mit WZ-Redakteur Jürgen Wagner. FOTO: NICI MERZ

Verein hat Geburtstag

30 Jahre »Lichtblick«: Jugendhilfe up to date

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Als 1990 Bürger den Verein gründeten, galt es, Lücken in der psychosozialen Versorgung für Kinder und Jugendliche zu stopfen. Ein Interview zu 30 Jahre »Lichtblick« erweitert.

Seit 30 Jahren gibt es den »Lichtblick«. Welche »Lichtblicke« aus dieser Zeit sind Ihnen besonders wichtig?

TATJANA BRÜGGEMANN: Wichtig ist immer das, was neu hinzukommt. Das fing mit der Spiel- und Lernstube in Bad Nauheim an, dann kam 1995 die Tagesgruppe. So ging das immer weiter. Aber davon kann Stephan besser berichten, er ist von Anfang an dabei.

STEPHAN KUNZ: Als wir den Verein gründeten, war die Feststellung da: Es fehlt etwas. Es gab nicht genügend Angebote in der Kinder- und Jugendhilfe. Die Spiel- und Lernstube war vom Stadtjugendring im Jugendzentrum gegründet worden, als Anlaufpunkt für türkische Kinder in der Altstadt. Das war im wahrsten Sinne des Wortes Quartierarbeit. Als die Zuschüsse gestrichen wurden und die Finanzierung nicht mehr gesichert war, haben wir den Verein gegründet und die Spiel- und Lernstube konzeptionell neu aufgestellt, finanziert durch das Land Hessen.

Lichtblick ist ein Verein. Was ist der Vorteil?

BRÜGGEMANN: Dass wir keinen Profit aus der Arbeit ziehen wollen, sondern uns dem Gemeinwohl verpflichtet sehen. Lichtblick zeichnet sich auch schon immer dadurch aus, dass wir sehr flexibel auf Kinder und Jugendliche reagieren und auch Maßnahmen möglich machen, die vielleicht ungewöhnlich sind. Das weiß das Jugendamt zu schätzen.

Wie hat sich Ihre Arbeit in den 30 Jahren verändert?

BRÜGGEMANN: Die seelischen Beeinträchtigungen sind heute wesentlich mehr und höher. 20 unserer 65 Mitarbeiter haben eine trauma-pädagogische Zusatzausbildung. Wir versuchen uns viel Know-how draufzuschaffen, um die Kinder genau da abzuholen, wo sie stehen. Warum sind die Kinder so, wie sie sind? Früher sagte man »Ei, Bub, benimm Dich! Dann wird das schon wieder.« Heute wird gefragt: Warum macht das Kind das? Wir unterstützen auch Eltern in der Erziehungskompetenz, die sich auch stark verändert hat. Ebenso der Medienkonsum, sowohl von Kindern als auch von Eltern, denen ihr Handy wichtiger ist als ihr Kind. Wir versuchen uns den geänderten Rahmenbedingungen anzupassen und schulen die Mitarbeiter, damit wir »Jugendhilfe up to date« machen können.

Wie haben Sie und Ihre Klienten die Coronakrise erlebt?

BRÜGGEMANN: In Abstimmung mit dem Jugendamt, mit dem wir auch sonst eine sehr gute Kooperation haben, konnten wir die meisten Angebote aufrechterhalten. Die Tagesgruppen liefen weiter, die Kindergruppen wurden aufgeteilt, mit mehr Personal. In der Familienhilfe haben wir viel über Video und Telefon gemacht. Und wir sind mit den Familien draußen spazieren gegangen, das Wetter war ja toll. Die Teilhabeassistenz in den Schulen fiel weg, das war ein Problem. Aber da gab es hinsichtlich der Finanzierung ein großes Entgegenkommen des Wetteraukreises.

KUNZ: Wir konnten diese Mitarbeiter teils auch in anderen Bereichen, in denen mehr Personal benötigt wurde, einsetzen. Wichtig war, dass wir das Angebot insgesamt nicht eingestellt haben. In vielen anderen sozialen Bereichen wurde die Arbeit ja komplett eingestellt. Wir haben von Anfang an gesagt: Die Angebote müssen weiterlaufen. Wenn auch nur, etwa bei der Betreuung der Familien, durch Gespräche am Fenster. Oder telefonisch.

Wie wichtig war diese Öffnung für Ihre Klienten?

KUNZ: Nehmen wir die Tagesgruppen: Die Kinder kommen aus Familien, die zu Hause nicht viel Platz haben, keinen Balkon, keinen Garten. Sie leben in beengten Verhältnissen, haben ein schwieriges Verhältnis zu ihren Eltern. Für diese Kinder wäre es besonders schwer, wenn sie zu Hause bleiben müssten.

BRÜGGEMANN: Wir haben unseren Auftrag auch darin gesehen, die Kinder und Familien genau in dieser schwierigen Corona-Zeit zu unterstützen. Vor meinen Mitarbeitern, die das geschafft haben, kann ich nur den Hut ziehen.

Welche Probleme haben die Kinder im »Lichtblick«?

BRÜGGEMANN: Viele haben Schwierigkeiten beim Lernen, Probleme mit der Konzentration. Andere Kinder haben zu Hause Probleme oder zeigen diese im Sozialverhalten. Die Tagesgruppe »kunterbunt«, die vor Corona am 1. März startete, nimmt ausschließlich seelisch behinderte Kinder auf.

Wie nehmen diese Kinder ihre Angebote an? Als Stigma oder als Hilfe?

BRÜGGEMANN: Sie erleben das als Unterstützung, als Begleitung, als Austausch, und auch als willkommene Abwechslung in ihrer Freizeit. Sie können in den Gruppen sagen, was sie auf dem Herzen haben. Die Kinder in der Tagesgruppe freuen sich, wenn sie Freunde treffen, Hausaufgaben machen, Essen bekommen, spielen. In die Pubertät, in der 5. oder 6. Klasse, wollen die Kinder raus und sich mit ihren Freunden treffen. Die Kinder in der Tagesgruppe sind maximal zwei Jahre bei uns.

Die Inklusion ist eine Tätigkeitsfeld, das es vor 30 Jahren noch nicht gab.

KUNZ: Früher sprach man von Integration, heute von Inklusion. Wir haben mit türkischen Kindern in der Bad Nauheimer Altstadt angefangen, wollten ihnen das Leben erleichtern und erklären, wie das Leben in Deutschland funktioniert. Das war damals der Schwerpunkt. Inklusion ist viel umfassender. Es geht nicht mehr nur um ausländische Kinder, Jugendliche und Familien, sondern um Kinder mit Behinderungen und Beeinträchtigungen, wie man ihnen eine Teilhabe an der Gesellschaft ermöglicht.

Wie wird die Kinder- und Jugendhilfearbeit in 10, 20 oder 30 Jahren aussehen?

BRÜGGEMANN: Es gibt das klare Bestreben, dass das Kinder- und Jugendhilfegesetz für alle Kinder und Jugendliche zuständig sein soll. Man nennt das die große Lösung. Das würde bedeuten, dass in unserer Tagesgruppe auch Kinder mit geistiger Behinderung aufgenommen werden. Da geht es hin: Es wird niemand ausgegrenzt, es gibt Angebote, die sind wirklich für jedes Kind. Das wird sicherlich kommen, aber ich glaube, das dauert noch mindestens zehn Jahre.

Kunz: Das wird ja auch schon 20 Jahre lang diskutiert.

Brüggemann: Ich glaube auch, das wir immer mehr individuelle und flexible Hilfen stricken müssen.

KUNZ: Was sich verändern wird, hat die Corona-Zeit gezeigt: In der Elternarbeit und in der Beratung wird künftig verstärkt mit digitalen Medien gearbeitet. Und wir müssen bei unserer Arbeit auch darauf schauen, dass die Kinder Medienkompetenz entwickeln.

Welche Wünsche haben Sie zum Geburtstag?

KUNZ: Dass wir finanziell stabil sind. Die Auftragslage schwankt, die Zahl der Fälle ist sehr unterschiedlich. Die finanzielle Stabilität ist uns aber stets gelungen, abgesehen von 2012/13, als die Situation schwierig war.

BRÜGGEMANN: Ich wünsche mir, dass die Kinder und Familien unser Angebot als echte Unterstützung erleben.

Seit 30 Jahren ein »Lichtblick« für Kinder und Jugendliche

Seit 30 Jahren ist der Verein »Lichtblick« in der Kinder- und Jugendhilfe aktiv. Sitz, Verwaltung, Gruppenräume und betreutes Wohnen befinden sich in der Södeler Straße in Bad Nauheim-Steinfurth, Tagesgruppen sind in zwei weiteren Liegenschaft im Hempler in Nieder-Mörlen und in der Dieselstraße im Goldsteinviertel eingerichtet. Die 65 Mitarbeiter machen in enger Abstimmung mit dem Jugendamt flexible Angebote für Kinder, Jugendliche und Familien, ermöglichen über die Teilhabeassistenz den inklusiven Schulbesuch oder vermitteln Familien Erziehungskompetenz. Acht Tätigkeitsfelder bietet der Verein an (Infos auf der Internetseite unter http://lichtblick-wetterau.de). Seit über 20 Jahren organisiert der Verein Betreuungsschulen und Ganztagsbetreuung, kümmert sich um Kinder mit Migrationshintergrund, bietet Hilfe bei seelischen Erkrankungen an. Das Jubiläum wird am Freitag, 28. August, in der Niederlassung in der Dieselstraße gefeiert. Wegen der Corona-Pandemie wird es zweigeteilt: in eine offizielle Feier mit Ansprachen und ein Fest für Kinder und Jugendliche. jw

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