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Für ein weltoffenes, tolerantes Friedberg: Mehmet Turan (l.) und acht der zehn weiteren Kandidaten der »Internationalen Liste Friedberg«. Sie wollen frischen Wind in den Ausländerbeirat bringen.

Ausländerbeiratswahl: Neue Liste stellt sich vor

Internationale Liste mit Frauenpower will für neuen Schwung sorgen

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Am 14. März die Ausländerbeiräte für fünf Jahre gewählt. In Friedberg treten erstmals zwei Listen an: Neben der türkisch-islamischen TID auch eine Liste an, die sich für mehr Toleranz einsetzen will.

Bei uns sind die Männer in der Minderheit«, sagt Mehmet Turan. »Und warum? Weil Frauen besser führen können.« »Aber warum bis du dann unser Vorsitzender?«, fragt Azmat Ahmad. Alle lachen. »Das ist nur vorübergehend«, wehrt Turan ab. Tatsächlich hat die »Internationale Liste Friedberg« (ILF) die Männerquote - falls es so etwas gibt - nur knapp erfüllt. Sieben Frauen und vier Männer treten an. Turan, Mitglied der Grünen und einige Jahre lang Stadtverordneter, hat die Gruppe zusammengetrommelt. Ihr Ziel: ein »tolerantes und demokratisches Friedberg«.

Der Friedberger Ausländerbeirat trifft sich regelmäßig, eine Außenwirkung geht nicht von ihm aus. »Wir wollen frischen Wind in den Ausländerbeirat bringen«, sagt Turan. »Das Gremium soll von der Politik wahrgenommen werden. Wir wollen die Interessen der ausländischen Bürgerinnen und Bürger in Friedberg nach außen vertreten.« Zu Hilfe kommt den Ausländerbeiräten das 2020 in Hessen in Kraft getretene neue Gesetz zur politischen Teilhabe. Die Beiräte haben künftig ein Rederecht in Kommunalparlamenten.

Spitzenkandidat ist Steuerfachwirt Mehmet Turan (50). Auf Listenplatz 2 steht die Sängerin und Gesangslehrerin Rima Savazian. »Mir liegt Bildung besonders am Herzen«, sagt die 48-Jährige. Als Rollstuhlfahrerin will sie nicht zuletzt Minderheiten mit körperlichen Beeinträchtigungen Mut machen. »Jeder kann an der Gesellschaft teilhaben.«

Azmat Ahmad (34) ist durch seine Aktivitäten für die Ahmadiyya-Gemeinde bekannt. Der Senior Business Intelligence-Berater ist Assistent des Bundespressesprechers seiner Gemeinde. Im Ausländerbeirat will er »die Stimme derer sein, die keine Stimme haben« und das Gremium »von alten Verkrustungen befreien«. Elena Oschowski ergänzt: Gerade ausländische Frauen wolle man ermutigen, ihre Träume zu verwirklichen. Alle Menschen sollten gleiche Chancen haben, sagt die 22-jährige Studentin Ines A. Jonfang Tchougong, die auf Platz 4 der Liste steht. »Egal, wo sie herkommen, egal ob Mann oder Frau.«

Hindi, Kurdisch und hessisches Gebabbel

Die weiteren Kandidaten sind Saadet Reichert (51, Medizinische Fachkraft), Ferda Karats (51, Mitarbeiterin im Frauenhaus), Sladzana Halid (50, Pflegerin), Seljvija Manik (40, Steuerfachangestellte), Elena Oschowski (40, Case Managerin im Berufsbildungswerk), Florijan Demirovic (40, Fachkraft für Lagerlogistik) und der 33-jährige Konstrukteur Safak Uzunyayla. Er sagt: »Ich habe in Friedberg studiert und weiß, wie schwer es ist, hier Fuß zu fassen und einen Job zu finden.« Er hat das geschafft, will seine Erfahrungen weitergeben. Das gilt für alle Kandidaten, die nicht nur ihr berufliches Know-how mitbringen, sondern zusammen genommen auch mindestens 14 Sprachen sprechen: Deutsch, Englisch, Französisch, Türkisch, Kurdisch, Hindi, Urdu, Punjabi, Gomalál (Kamerun), Russisch, Bulgarisch, Serbokroatisch und Armenisch. Ach so, eine fehlt: »Und hessisches Gebabbel«, ergänzt Turan. Alle lachen. Die Gruppe, die sich bislang nur per Zoom-Konferenz treffen konnte, ist schnell zu einer Einheit geworden. Alle sind hochmotiviert, etwas für Friedberg und seine Einwohner zu tun, egal woher sie stammen.

Ausländerbeirate erhalten mehr Rechte

Jede Kommune mit mehr als 1000 Einwohnern muss laut der neuen hessischen Gemeindeordnung einen gewählten Ausländerbeirat haben - oder wahlweise eine von Stadt oder Gemeinde eingesetzte Integrationskommission. Friedberg hat sich wie die meisten anderen Kommunen für die Beibehaltung des Ausländerbeirats entschieden. 1991 wurde im Wetteraukreis erstmals ein Ausländerbeirat gewählt. Der erste Friedberger Ausländerbeirat wurde im November 1993 gewählt. Unter den neun Mitgliedern waren damals zwei Frauen. Vorsitzender wurde der Dolmetscher Ali Özbek.

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