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Integration funktioniert durch Spracherwerb

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Von: Jürgen Wagner

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Wie funktioniert die Integration von geflüchteten Jugendlichen an den Schulen? Schulsozialarbeiter Dennis Buchwald von der Johann-Philipp-Reis-Schule in Friedberg berichtet vor dem Bildungsforum aus dem Alltag der InteA-Klassen. © Nicole Merz

Der Fachkräftemangel macht deutlich: Geflüchtete Menschen sind unverzichtbar für die Volkswirtschaft. Voraussetzunbg ist eine gelungene Integration. Ein Besuch an der JPRS in Friedberg.

Stellen Sie sich vor, Sie unterrichten an einer Berufsschule und bringen jungen Leute bei, wie man ein Holzregal baut, ein Softwarepaket auf den PC lädt oder beim Bewerbungsgespräch glänzt. Und auf einmal sollen Sie Jugendlichen aus der Ukraine Deutsch beibringen. Wortkunde, Vokale, Konsonanten, Rechtschreibung: Wo anfangen? Und wie?

»Wir haben Grundschullehrer um eine Expertise gebeten«, sagte Guido Rotter, Lehrer an der Friedberger Johann-Philipp-Reis-Schule (JPRS). Kolleginnen von der Grundschule gaben den Berufsschullehrern Tipps, wie man Jugendlichen das Alphabet beibringt. Rotter: »Ich habe großen Respekt vor den Kollegen, die sich dieser Aufgabe gestellt haben.«

Diesen Respekt haben auch die Mitglieder des rührigen Bildungsforums Friedberg um ihre Sprecherin Silvia Elm-Gelsebach. Sie wollten wissen, wie Integration an der Schule funktioniert. Antworten lieferten Schulleiter Nick Szymanski und Schulsozialpädagoge Dennis Buchwald von der JPRS. Die zweitgrößte Berufsschule im Kreis ist seit 2015 Schwerpunktschule für InteA--Klassen. Das Kürzel steht für »Integration durch Anschluss und Abschluss«, es handelt sich hierbei um einen »sprachintensiven und sprachsensiblen Unterricht zum Erwerb der deutschen Sprache« - dem ersten Schritt zur späteren Berufskarriere.

Schüler aus Ukraine, Syrien, Afghanistan

Wie Dennis Buchwald sagte, spiegelt sich an der JPRS »die aktuelle Weltgeschichte«: 130 Jugendliche werden momentan in sieben InteA-Klassen unterrichtet, davon kommen 50 aus Afghanistan, 39 aus der Ukraine, 12 aus Syrien und neun aus dem Irak. Die Jugendlichen mit Fluchthintergrund sind 16 bis 20 Jahre alt, bei Migrationshintergrund gilt 16 bis 18 Jahre. Anfangs haben sie nur geringe oder gar keine Deutschkenntnisse. Durch den sprachsensiblen Unterricht ändere sich das: Die Jugendlichen arbeiten viel im Team, helfen sich gegenseitig, müssen dabei Deutsch sprechen.

»Mit unseren Werkstätten sind wir dafür gut aufgestellt«, sagte Szymanski. Gerade hat der Wetteraukreis eine neue Holz- und Gestaltungswerkstatt finanziert. Die zweijährige Schulzeit (die Einschulung ist jederzeit möglich) endet mit einem Deutsch-Diplom.

Die Zahl der InteA-Klassen hat sich zum zweiten Schuljahr 2021/22 von 4 auf 8 verdoppelt. »Wir könnten bald eine neue Klasse aufmachen«, sagte Szymanski - falls sich dafür Lehrpersonal findet, was aber schwierig ist. Einige Lehrkräfte hätten deshalb ihre Stundenzahl freiwillig erhöht.

Neben Lehrkräften stehen den Jugendlichen auch drei Sozialarbeiter zur Seite. Buchwald ist für die InteA-Klassen zuständig, ist Ansprechpartner und Kummerkasten. Die Motivation der Schüler hänge davon ab, welchen Stellenwert Bildung in ihrem Herkunftsland habe, sagte Buchwald. Da gibt es junge Frauen aus Afghanistan, die zu Hause nie gefördert wurden.

Keine Probleme zwischen Ethnien

Was es nicht gebe: Probleme zwischen den Ethnien. Wenn, denn gebe es Probleme pubertärer Art. Buchwald sagte, die Schülerinnen und Schüler fühlten sich an der JPRS wohl, empfänden die Klasse als Gemeinschaft. Fehlzeiten kämen vor, seien aber geringer als in anderen Schulformen.

Apropos Schulformen: An der JPRS, darauf wies Schulleiter Szymanski hin, kann man nahezu alle Schulabschlüsse machen. Für InteA-Schüler eine Chance, den nächsten Schritt zu gehen, einen Schulabschluss und eine Lehre zu machen. Selbst ein Studium ist noch möglich.

Manche Schüler sind kriegstraumatisiert. Die Schule vermittelt Hilfsangebote. Auf Elternabend müssen Schüler übersetzen, weil die Erwachsenen die deutsche Sprache noch weniger können. Andere Schüler sind frustriert, weil die Schule im Heimatland abgebrannt und die Zeugnisse vernichtet wurden.

Die Mitglieder des Bildungsforums zeigten sich am Ende des Vortrags beeindruckt von dem, was an der JPRS - und wohl auch an anderen Schulen - auf dem Gebiet der Integration geleistet wird. Lehrerinne und Lehrer, meinte Guido Rotter mit einem Schmunzeln, hätten nunmal einen »missionarischen Auftrag in sich«, wollten stets die Welt verbessern. Dafür wünschte das Bildungsforum am Ende weiterhin viel Erfolg.

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