Das Team des Erasmus-Alberus-Hauses - hier Leiter Jürgen Brandt (h. r.) mit einigen der etwa 70 Mitarbeiter - ist wegen Corona an seine Grenzen gestoßen und hat Großes geleistet. Seit dem 8. Mai gilt Entwarnung - die Vorsicht bleibt.	FOTO: NICI MERZ
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Das Team des Erasmus-Alberus-Hauses - hier Leiter Jürgen Brandt (h. r.) mit einigen der etwa 70 Mitarbeiter - ist wegen Corona an seine Grenzen gestoßen und hat Großes geleistet. Seit dem 8. Mai gilt Entwarnung - die Vorsicht bleibt. FOTO: NICI MERZ

Corona-Fälle

Infektionen und Todesfälle: Hinter Seniorenheim liegt eine schwere Zeit

  • Christoph Agel
    vonChristoph Agel
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Ostern war für Mitarbeiter und Bewohner des Friedberger Erasmus-Alberus-Hauses kein fröhliches Fest, sondern der Anfang dramatischer Wochen - mit Corona-Infizierten und mit Todesfällen.

Die Nachrichten von mehr als 20 Corona-Toten in einem Würzburger Seniorenheim waren wenige Tage alt, da griff das Virus auch im Friedberger Erasmus-Alberus-Haus um sich. Am 18. April berichtete die WZ über mehrere Infizierte in dem Seniorenheim - und von einer 91-jährigen Bewohnerin, die in der Woche zuvor an den Folgen der Covid-19-Erkrankung gestorben war.

Um Ostern herum habe das Coronavirus begonnen, sich in dem Heim zu verbreiten, erinnert sich Einrichtungsleiter Jürgen Brandt. Was folgte, waren Wochen, die sein Team, die Bewohner und Angehörigen an ihre Grenzen brachte. »Leider hatten wir insgesamt fünf Todesfälle zu beklagen. Laut Aussage der Kliniken sind von diesen fünf Bewohnern drei an Corona und zwei mit Corona verstorben, hier waren also andere Erkrankungen der Patienten ursächlich.«

Insgesamt seien 17 Bewohner infiziert gewesen, zudem zwei Mitarbeiter, die sich dann in Quarantäne begeben hätten, sagt Brandt. Das taten auch fünf weitere Mitarbeiter, die Symptome hatten, aber nicht getestet wurden. »Die gute Nachricht ist: Zurzeit sind alle Mitarbeiter gesund und im Dienst.« Seit dem 8. Mai habe es keine nachweislich infizierten Bewohner mehr gegeben.

Einerseits Erleichterung, andererseits Angst

Alle infizierten Bewohner hatten laut Brandt in einem Bereich gewohnt. Eine feste Gruppe von Mitarbeitern sei ausschließlich dort eingesetzt worden, es habe auch einen Extra-Nachtdienst nur für diese Etage gegeben. In den übrigen, Covid-19 freien Wohnbereichen sei das Personal ebenfalls nicht wechselnd eingesetzt worden. Neben der konsequenten Anwendung der Hygienemaßnahmen sei getestet worden und werde noch getestet, sagt Brandt. Und: »Zur Sicherheit unserer Bewohner bitten wir bei Neuaufnahme in die Einrichtung um einen negativen Covid-19-Test zum Schutz der restlichen Bewohner und Mitarbeiter.«

Seit dem 8. Mai seien die strengen Maßnahmen auf Anordnung des Gesundheitsamtes aufgehoben. Alle Bewohner seien negativ getestet. Seit diesem Tag habe es keinen neuen Sterbefall gegeben, erläutert der Einrichtungsleiter. »Das ist eine enorme Erleichterung für uns alle, aber die Angst bleibt. Bereits morgen könnte es zu einem erneuten Ausbruch kommen.« Das Seniorenheim werde zögerlich geöffnet - »aus Respekt vor Covid-19, aus Angst, diesen Weg nochmals gehen zu müssen«.

Bis an Belastungsgrenzen gegangen

Ein Weg, der steiniger kaum sein konnte. »17 Erkrankte, fünf Verstorbene. So etwas stecken wir nicht einfach so weg. Dies ging an die Grenzen von vielen Mitarbeitern«, sagt Brandt. »Die psychische und physische Belastung war enorm. Es gab keine Strukturen, keine Erfahrungswerte. Mitarbeiter erkrankten, waren in Quarantäne und hatten gleichzeitig ein schlechtes Gewissen, die Kollegen alleine zu lassen.« Die Stimmung der Mitarbeiter sei sehr unterschiedlich gewesen. Sicher auch geprägt von Angst für sich, die Angehörigen zu Hause, gerade wenn Ältere oder Risikogruppen mit im Haushalt lebten, erläutert Brandt. Und es habe die Angst um »ihre oder unsere« Bewohner gegeben. »Wir sind sehr stolz auf unsere Mitarbeiter und Kollegen, die bis an ihre Belastungsgrenzen gegangen sind.«

Kindergarten selbst eingerichtet

Auch für die Angehörigen sei es eine harte Zeit gewesen. »Besonders wenn es noch Ehepartner gibt, die sonst täglich die Einrichtung besuchen durften und quasi hier mitlebten. Und die jetzt eine lange Trennung von ihrem Lebenspartner ertragen mussten.« Kontakte seien nur am Fenster möglich gewesen - unter Wahrung der Abstandsregeln. Als Alternativen zu realen Begegnungen wurden verstärkt Skype und WhatsApp-Telefonie genutzt.

In den schweren Wochen im Erasmus-Alberus-Haus hat sich auch gezeigt, wie verschiedene Probleme ineinandergreifen: » Ein hausinterner Kindergarten wurde kurzzeitig eingerichtet, da eine Notfallbetreuung seitens der Kindergärten abgelehnt wurde. Begründung: Beide Elternteile arbeiten in einer mit Covid-19 infizierten Einrichtung.«

Besuch im Zimmer teilweise möglich - mit Schutz

Wie sieht es aktuell im Seniorenheim aus? Von Montag bis Freitag kann man nach Voranmeldung im geschlossenen Café seine Angehörigen besuchen. Bei bettlägerigen Bewohnern, denen es sehr schlecht geht, wird den Angehörigen unter Schutzmaßnahmen ein Besuch im Zimmer eingeräumt. »Wir gehen kleine Schritte«, sagt Brandt. Es gebe Lockerungen, »aber uns steckt das Vergangene sozusagen noch in den Knochen.«

Viele schöne Gesten

In diesen schweren Wochen im Friedberger Erasmus-Alberus-Haus hat es auch viele positive Momente gegeben, von denen Leiter Jürgen Brandt berichtet, »zum Beispiel, wenn wir von Bewohnern, Angehörigen oder auch ›Fremden‹ Anerkennung in Worten, in Angeboten, in Geschenken wie kostenlose selbstgenähte Schutzmasken, Blumen, Buchgeschenke, Kisten mit Popcorn, auch mal eine Pizza, Kosmetikproben, netten Briefen, Musik im Innenhof für Bewohner und Personal erhielten«. Zu nennen seien auch Hilfsangebote von benachbarten Einrichtungen und der eigenen Geschäftsleitung. Brandt: »Ohne sie alle hätten wir es nicht geschafft - Danke an alle.«

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