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Aufräumaktion im Wetteraumuseum

Im Lockdown wird »Archäologie auf dem Dachboden« betrieben

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Seit über 100 Jahren befindet sich das Wetterau-Museum in Friedberg am heutigen Standort. Da sammelt sich vieles an. Die Pandemie wurde nun dazu genutzt, um die Dachböden aufzuräumen.

Das Berufsziel von Archäologiestudenten lässt sich mit »so was wie Indiana Jones« recht gut umschreiben. Bei näherer Betrachtung knien archäologische Grabungshelfer aber vorwiegend auf einem Acker und graben Dinge aus, die hunderte oder tausende Jahre in der Erde verborgen lagen. Auf dem Dachboden des Wetterau-Museums sieht die Sachlage etwas anders aus. Was hier lagert, wurde bereits von Erde und Schmutz befreit, an einigen Stücken hängen kleine Inventurzettel. »Kapersburg 1906« steht auf einem.

»Als Grabungshelfer gibt es im Winter nicht viel zu tun«, sagt Martin Müller. »Hier haben wir die Gelegenheit, über den Tellerrand des Fachs hinauszuschauen«, ergänzt Ellen Braune. Die beiden Archäologiestudenten sind mit vielen Grabungen in der Wetterau vertraut. Auf dem Dachboden des Wetterau-Museums erfahren sie, wie man Funde katalogisiert und verpackt.

Im »lockeren Lockdown« ist auch das Wetterau-Museum wieder geöffnet, allerdings nur mit vorheriger Anmeldung. »Am zweiten Tag hatten wir die ersten Besucher«, berichtet Museumsleiter Johannes Kögler. Wer einen Besuch bucht, bekommt ein Zeitfenster von einer Stunde. Wer das Angebot nutzt, kann das Lutherschwert bewundern, bevor es im Sommer zur Ausstellung »500 Jahre Wormser Reichstag« nach Rheinland-Pfalz verliehen wird.

Spannende Dinge gibt es aber auch auf den Dachböden des Museums zu bewundern. Die müssen aus Gründen des Brandschutzes geräumt werden. Seit November wurde der nördlichste Dachboden ausgeräumt. Ellen Braune und Martin Müller haben hier an zwei Tagen in der Woche Frühjahrsputz gemacht. Müller zeigt eine kleine römische Gewandspange; damit wurde die Kleidung der Römer zusammengehalten. Reichen die Beschriftungen auf den Zetteln nicht aus, wird recherchiert, woher der Fund stammt und worum es sich handelt. Rätsel gibt eine kleine römische Terracottastatue auf. War das ein Idol, ein Abbild einer Gottheit? Oder nur ein Spielzeug?

Braune zeigt Glasscherben: Laut Inventarzettel wurden sie 1914 in der Kapersburg gefunden. Sie könnten von einem Trinkgefäß stammen. Heutzutage würden sie im Glascontainer landen und wiederverwertet; die Archäologen des 22. Jahrhunderts werden es einmal schwer haben. »Man muss auf alles gefasst sein«, sagt Ellen Braune. »Alles kann besonders und spannend sein.« Selbst Glasscherben.

Auch römische Tontöpfe und andere Dinge packen Müller und Braune aus. »Das ist eine gute Weiterbildung«, sagen die beiden. Wie auf einem Acker gilt: Man weiß nie, was in den Schachteln steckt.

Nach Sichten, Reinigen und Verpacken der Funde werden sie neu eingelagert und kommen in ein Depot im Süden der Stadt. Die Räumung der Dachböden läuft seit einigen Jahren, erzählt Kögler. Er und Haustechniker Michael Pohle haben schon einige Schätze entdeckt. Das reicht von einem historischen Stadtkirchenmodell bis zu Entwürfen für ein Wandbild mit im Wasser plätschernden Nixen, das einst die Schwimmhalle des Alten Hallenbades schmückte.

Fundstück: Die Tür eines Jagdbombers

Alte Öfen stehen hier, auf einem Tisch liegen Teile des Sakramenthauses der Stadtkirche, auf einem anderen Dachboden finden sich Schilder der Firma Megerle, die 135 Jahre lang in der Kaiserstraße 175-177 Lacke und Farben produzierte - ein Relikt der Friedberger Wirtschaftsgeschichte. Für Müller und Braune beginnen im April wieder die Vorlesungen, die Zeit auf den Museumsdachböden ist für sie vorbei. Kögler und Pohle werden weiter räumen. Im Treppenhaus lagern momentan zwei besonderes Funde, die noch ins Depot gebracht werden müssen: Eine Marmorbüste der Venus von Milo aus dem 19. Jahrhundert; sie wurde dem Museum 1978 von Rudolf Scriba aus Södel vermacht und stammt aus dem Nachlass von Prof. Fritz Scriba, dessen Bruder eine Buchhandlung in Friedberg betrieb. Daneben steht ein - laut Inventarliste - »Leichtmetallstück«. Dabei handelt es sich um die Tür eines englischen oder amerikanischen Bombers, der 1944 bei einem Luftkampf über Friedberg abgeschossen wurde. Die Kugellöcher gehen von innen nach außen. Ein Schüler der Augustinerschule fand das Teil und lieferte es im Wetterau-Museum ab.

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