Tanzmädchen

Hurdy Gurdy Girls: Von der Wetterau in die weite Welt

  • Dagmar Bertram
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Luise Ludwig ist die Hauptfigur eines Romans, der seinen Anfang in Langenhain nimmt. 1863 bricht sie nach Amerika auf und wird dort ein Hurdy Gurdy Girl. Luise gab es wirklich - und sie war nicht das einzige Wetterauer Mädchen, das in Saloons der Goldgräberstädte tanzte.

Luise Ludwig ist die Hauptfigur eines historischen Romans, der seinen Anfang in Langenhain nimmt. Im Frühjahr 1863 bricht die 17-Jährige nach Amerika auf und wird dort ein Hurdy Gurdy Girl. Luise gab es wirklich - und sie war nicht das einzige Wetterauer Mädchen, das in Saloons der Goldgräberstädte tanzte. Dr. Vera Rupp forscht zu dem Thema, das schon lange vor Luises Geburt seinen Anfang nahm.

Eigentlich fängt die Geschichte in den 1820er Jahren an, sagt Dr. Vera Rupp. Die Ober-Mörlerin forscht seit Langem zu den Hurdy Gurdy Girls - junge Frauen aus der Wetterau, die als Tanzmädchen in den Goldgräberstädten Amerikas und Kanadas arbeiteten.

»Im 19. Jahrhundert herrschte eine erhebliche Armut, nicht nur hier in der Region.« In ihrer Not stellten die Bauern im Winter kleine Gegenstände her. Mit diesen zogen sie dann über Land, um sie zu verkaufen. Meist waren es Fliegenwedel, die einfach herzustellen waren. »Holzstiele, in die oben Federn reingesteckt wurden«, sagt Rupp. Die Wedel nahm man mit zum Abort, um Fliegen zu verscheuchen.

Der Handel mit solchen Kleinigkeiten begann in den 1820er Jahren, ausgehend von Espa. »Die Landgänger zogen bis England, Frankreich, Skandinavien und Russland«, sagt Rupp. Bald kam die Idee auf, den Verkauf durch Musik anzukurbeln. Zum Einsatz kam meist die Drehleier, die damals weit verbreitet war. Noch mehr Geld konnten die Landgänger einnehmen, wenn ein Kind dazu tanzte oder bettelte. »Das ging so weit, dass kaum noch Kinder in den Dörfern waren, weil sie von ihren Eltern weggegeben bzw. vermietet wurden.« 1848 gab es eine Eingabe an die Paulskirche, dies gesetzlich zu verbieten.

1848 war auch das Jahr, in dem eine Nachricht sich rasend schnell verbreitete: In Kalifornien wurde Gold gefunden. Viele wanderten aus, um ihr Glück in der Ferne zu suchen. Nach Gold gruben naturgemäß eher Männer. Zur Zerstreuung nach der harten, oft wenig ertragreichen Arbeit gab es zwar Saloons und Tanzhallen - zum Leidwesen der Arbeiter aber kaum Frauen.

Vertrag ging über drei Jahre

Ein Mangel, aus dem findige Männer Profit schlugen: Sie verdienten Geld als Mädchenhalter. »Diese Agenten wurden in den USA als Seelenverkäufer bezeichnet«, weiß Rupp. Die Region, in der sie Mädchen anwarben, war überschaubar: Nieder- und Hoch-Weisel, Ostheim, Fauerbach, Münster, Espa, Hausen-Oes, Langenhain, vermutlich auch Weiperfelden. Die Männer kamen selbst von dort und erzählten nun von Amerika, verhandelten mit den Eltern und dem Bürgermeister, dann setzten sie einen Vertrag auf. »Der ging meist über drei Jahre. Die Eltern bekamen Mietgeld - 600 bis 1000 Gulden, das war eine Menge Geld. Den Mädchen sagte man zu, die Reise und die Kleidung zu bezahlen, dazu gab es jährlich 100 Gulden.« Erst mit dem Zug, dann weiter mit dem Schiff ging es in die Goldgräberstätten von Kalifornien und Kanada.

»Dort zog die Frau des Mädchenhalters mit ihnen herum. Ein solcher Hurdy Boss und seine Frau sind namentlich bekannt. Die Mädchen wurden einige Zeit an Saloons vermietet, dann zog man weiter.«

Die Mädchenhalter machten ein gutes Geschäft: Pro Tanz bekamen sie 1 Dollar. Auch am Tresen sollten die Männer ihr Geld lassen. Damit die Frauen, die sie zum Trinken animieren sollten, dabei nicht selbst zu Alkoholikerinnen wurden, bekamen sie meist Tee.

Bekannt ist auch, dass die Hurdy Gurdy Girls rote Kleider und bauschige Röcke trugen. »Beim Hochwerfen während des Tanzes konnten die Männer so unter die Röcke schauen«, erzählt Rupp.

Keinesfalls leicht zu haben

Sie selbst wurde 1992 durch eine Ausstellung der Künstlerin Holde Stubenrauch auf die Hurdy Gurdys aufmerksam. »Sie sind in Amerika und Kanada sehr berühmt - ja, legendär.« Rupp recherchiert seither auf vielfältigen Wegen: im Internet, aber auch in den Schiffslisten in Bremerhaven - von dort brachen viele Schiffe nach Amerika auf. Zudem hat sie Kontakte in eine ehemalige Goldgräberstadt in Kanada geknüpft. »So komme ich auf Namen und Geburtsdaten, um in die Chroniken einzusteigen und Lebenswege zu rekonstruieren.« Nach Corona will sie ins Preußische Staatsarchiv in Berlin, wo der Bericht von George Hesekiel zu finden ist. Er war von der Regierung in die Wetterau geschickt worden, um den Mädchenhandel zu untersuchen.

Manchmal hilft auch der Zufall. In einem US-Presseartikel aus den 1860er Jahren, den ein Freund ihr schickte, ist die Rede von jungen Frauen mit eigenartigen Frisuren: die Haare hochgekämmt und oberhalb der Stirn geknotet. »Da ist mir klar geworden: Das ist ein Teil der Hüttenberger Tracht.«

Ein Hauptproblem der Quellen aber ist: Bisher sind kaum Aufzeichnungen der jungen Frauen aufgetaucht. Rupp sagt: »Vielleicht haben Nachfahren noch Briefe, deren Bedeutung bislang nicht erkannt ist. Ich glaube nicht, dass viele in die Prostitution abglitten, und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass alle von ihren Eltern dazu gezwungen wurden, nach Amerika zu gehen. Da riefen die weite Welt und viel Geld.«

Dass die Tanzmädchen keinesfalls leicht zu haben waren, davon zeugt das zeitgenössische Lied »Bonnie Are the Hurdies, O!«. Darin heißt es: »Ihre Herzen waren hart wie Feuerstein, der Dollar war ihre einzige Liebe.« Wer dann tatsächlich viel Geld gemacht hatte, wurde in die Heimat zurückgeschickt, um Werbung zu machen.

Hier ein Name, dort ein Bild

In den Dörfern indes sprach man nicht gern über das Thema, erst recht, seit es Gesetze gab, wonach das Mitnehmen von Frauen und Mädchen verboten war. »Interveniert haben eigentlich nur die Pfarrer«, sagt Rupp. Viel passierte dennoch nicht. »In einigen Fällen hat man wohl die Namen aus den Kirchenbüchern herausgetrennt. Vielleicht wollte man sich nicht reinreden lassen, oder es war peinlich, auf jeden Fall sollte es keiner wissen.«

Wie viele Mädchen nach Amerika gegangen sind? Bestimmt Dutzende. »Bis jetzt sind maximal zehn Lebenswege nachvollziehbar, weil die Recherche so aufwändig ist.«

Die Rückkehr in die Wetterau dürfte für die Frauen nicht einfach gewesen sein. »Dann hieß es wieder Tracht tragen und sonntags Kirchgang. Ob sie sich zurechtfinden konnten? Ich glaube, viele sind wieder nach Amerika zurück.«

Luise Ludwig zum Beispiel, die Hauptfigur des historischen Romans, der in Langenhain beginnt: 1868 wanderte sie erneut aus - diesmal samt Eltern und Geschwistern. Auch Therese Will, die in dem Buch vorkommt, ist 1867 offenbar erneut ausgewandert, allerdings nach England.

Auch auf Katharina Haub ist Rupp gestoßen. »Ich vermute, sie stammte aus Nieder-Weisel.« Sie soll 1865 in Barkerville/Kanada angekommen sein und in einem Saloon getanzt haben. Sie heiratete, bekam vier Kinder, die Familie zog weg, später wurde Haub geschieden. Eine andere Frau aus Nieder-Weisel ist wohl in Barkerville geblieben: Ein Foto zeigt sie dort als alte Frau.

»Das sind alles spannende Mosaiksteinchen, die 20 Jahre bewegte Geschichte der Region ergeben«, sagt Rupp. Um 1870 hört das Goldgräbertum auf - und damit auch die Ära der Hurdy Gurdy Girls.

Zeugnisse der Vergangenheit

Das Museum Butzbach ist das älteste Museum in der Wetterau. Es wurde 1893 gegründet, um die Fundstücke der Limesuntersuchung öffentlich zugänglich zu machen. Auch die oberhessischen Trachten sollten dort bewahrt werden.

Heute sind in der Färbgasse zahlreiche Zeugnisse der Vergangenheit ausgestellt - auch wenn sie wegen Corona nicht bewundert werden können. Neben ausführlichen Infos zu Weidig und Büchner finden sich hier auch der Nachbau eines römischen Kastells und die weltgrößte Sammlung von Miniaturschuhen.

Als letzte Abteilung wurde 2007 die Volkskundliche Abteilung eröffnet, die ins bäuerlich und handwerklich geprägte Leben der vorindustriellen Zeit einführt und die Trachten der Wetterau und des Hüttenbergs in den Fokus nimmt. Christine Borchers-Fanslau, damals Vorsitzende des Freundes- und Förderkreises des Museums, hatte die Projektleitung inne. Die Realisierung wurde auf Basis der Arbeiten von Elisabeth Johann, die das Museum bis Ende der 80er Jahre leitete, und eines Konzepts des damaligen Museumsleiters Dr. Dieter Wolf in Angriff genommen. Ein Höhepunkt der Abteilung ist die seit neuestem fertiggestellte Kirmestracht.

Zur Hüttenberger Tracht gehört der Dutt über der Stirn - eine Beschreibung dieser Frisur fand Dr. Vera Rupp in einem zeitgenössischen Zeitungsbericht über die Hurdy Gurdy Girls. In der Volkskundlichen Abteilung wird auch auf den Fliegenwedelhandel und die Hurdys eingegangen. Ausgestellt sind u. a. Drehleiern und ein Biann - ein seltenes Instrument, vergleichbar einer großen transportablen Spieluhr, mit dem die Mädchen ebenfalls musizierten.

Noch mehr Drehleiern gibt es im Musikinstrumentenmuseum Lißberg, das aber zurzeit ebenfalls geschlossen ist. Ein großer Teil der Sammlung im alten Schulhaus besteht aus Drehleiern und Dudelsäcken aus verschiedenen Ländern.

Der Dutt über der Stirn gehört zur Hüttenberger Tracht - und taucht in zeitgenössischen US-Artikeln über die berühmten Tanzmädchen aus der Wetterau auf.
Im Museum Butzbach ist ein Biann zu sehen - ein Instrument, das auch die Hurdy Gurdy Girls nutzten.
Mit selbstgemachten Fliegenwedeln fing die Landgängerei in den 1820er Jahren an.

Rubriklistenbild: © Nicole Merz

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