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Hoffnung auf Lieferung: Friedberger Unternehmer über Engpässe in Zeiten von Krieg und Pandemie

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Von: Christoph Agel

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Thorsten Fiedler, Vorstandsvorsitzender der Eurogarant AutoService AG, sieht die Branche in Zeiten von Pandemie und Krieg mit enormen Herausforderungen konfrontiert. © Nicole Merz

In der Autobranche schlagen sich Pandemie und Krieg nieder. Harte Zeiten, wie Thorsten Fiedler weiß, der Vorstandsvorsitzende der in Friedberg ansässigen Eurogarant Auto-Service AG.

Aus der ehemaligen DDR ist überliefert, dass man bei der Geburt des Kindes am besten schon mal ein Auto bestellt, damit der Trabi zum 18. Geburtstag vor der Tür steht. Heute muss man keine 18 Jahre einkalkulieren, sollte aber über Geduld verfügen. In Zeiten von Pandemie und Krieg zeigt sich: Was selbstverständlich schien, ist es in Krisen nicht. Das merken auch Autobranche, -käufer und Werkstattkunden. Die Eurogarant Auto-Service AG mit Sitz in Friedberg merkt es ebenfalls. Kurz gesagt versorgt sie Werkstätten mit Leasingfahrzeugen, die dann beispielsweise Werkstattkunden als Leihwagen zur Verfügung stehen. Ein weiteres Betätigungsfeld ist der zentrale Einkauf von Ersatzteilen. Vorstandsvorsitzender Thorsten Fiedler erläutert, wie sehr die Krise die Branche beutelt und was er vom Weg in die E-Mobilität hält.

Inwiefern leidet Ihr Unternehmen unter dem aktuellen Lieferketten-Problem? Bei Ihnen geht es ja um Ersatzteile und Leasingfahrzeuge.

Die gesamte Reparaturbranche, welche wir vertreten, leidet derzeit unter den Auswirkungen von Corona, Krieg und Versorgung von Rohstoffen aus Fernost. Wichtige Grundmaterialien, die zur Herstellung von Neuteilen für die Produktion oder Ersatzteilen zur Reparatur von Fahrzeugen benötigt werden, stehen nicht in der Menge zur Verfügung wie noch 2019. Somit ist es derzeit schwierig, Neufahrzeuge oder die eine oder andere Gruppe von Ersatzteilen zu bekommen.

Kommen die Rohstoffe vor allem aus China?

Ja, zum Großteil ist es der chinesische Markt, allerdings ist die Situation doch komplexer. Auch auf anderen Erdteilen, die zur gesamten Lieferkette beitragen, entstand durch die Pandemie eine Unterbrechung der Versorgung in den Werken und Werkstät- ten bei uns vor Ort. Wir hoffen, dass sich die Situation in den nächsten Monaten verbessert und wir eine halbwegs normale Lieferbarkeit erreichen.

Beeinflussen diese Faktoren auch das Thema Elektromobilität?

Ganz bestimmt, denn zum Beispiel ein Kabelbaum oder Scheinwerfer ist für einen Verbrenner genauso erforderlich wie für ein E-Fahrzeug. Allerdings ist der Aufbau eines Akkus eine sehr rohstofflastige Angelegenheit. Die von der Regierung bevorzugten Elektrofahrzeuge sind zum Großteil nicht lieferbar, weil Bauteile dort mehr im Rückstand sind als bei Verbrennern. Bei Hybrid- und Elektrofahrzeugen haben die Werke teilweise die Produktion eingestellt. Die Politik hat den Weg vom Verbrennungsmotor hin zum Elektrofahrzeug propagiert. Das große Problem zeigt sich jetzt, da man Fahrzeuge pusht, die derzeit überhaupt nicht lieferbar sind.

Heißt das, zu Krieg und Corona kommt eine Politik, die - aus Sicht der Industrie und der Verbraucher - schlecht in diese Zeit passt?

Die Antwort ist nicht so einfach. Zum einen geht es um die Senkung von Emissionen und um den Umweltschutz. Zum anderen um die Wirtschaftlichkeit. Natürlich ist es wichtig, den Wechsel in Antriebssystemen der Fahrzeuge auf den Straßen zu vollziehen, was aber nur mit lieferbaren und verfügbaren Fahrzeugen funktioniert. Die Lieferzeiten bei Hybrid- und Elektrofahrzeugen liegen bei eineinhalb Jahren aufwärts, ob es dann zur Erstzulassung noch den Umweltbonus oder die Vorteile bei der Besteuerung gibt, sei dahingestellt. Das heißt: Wer jetzt bestellt, weiß nicht, welche Rahmenbedingungen ihn zur Fahrzeugübernahme erwarten.

Wie sieht es denn mit dem Reparaturmarkt aus?

Teilweise sehr nachteilig für den Autofahrer. Wir warten in einigen Fällen bereits seit drei Monaten auf bestimmte Ersatzteile, wie zum Beispiel Scheinwerfer oder auch Kotflügel. Die Hersteller können uns hierzu keine Liefertermine nennen, was ja auch der Grund dafür ist, dass sie ihre Produktionsbänder angehalten haben. Dies bedeutet wiederum, dass die Werkstätten mehr Ersatzfahrzeuge benötigen, die aber aus vorgenannten Gründen nicht verfügbar sind. Ein Kreislauf hat begonnen, der nur schwer zu brechen sein wird. Hinzu kommt, dass die Autohändler ihre wenigen Bestände so gewinnbringend wie möglich vermarkten, was ganz normale Marktwirtschaft ist.

Wenn man sich das alles betrachtet, stellt sich die Frage, ob man viel früher auf Hybrid- und Elektrofahrzeuge hätte umschwenken müssen, weil man ja weiß, dass die Kraftstoffe endlich sind, oder?

Eine frühere Umstellung auf alternative Antriebe ist aus meiner Sicht kaum möglich gewesen, denn E-Fahrzeuge gab es bereits vor zehn Jahren. Hier gehört auch der Käufer dazu, der seinen Bedarf genau abwägt und sich dann das passende Modell und die Technik aussucht. Bisher war das Angebot noch nicht passend zum Anspruch der Autofahrer. Heute, mit vielen verschiedenen Modellen, Technologien und Lademöglichkeiten, sieht die Situation doch etwas anders aus. Mit der Effizienzsteigerung der Verbrenner verbraucht ein aktuelles Fahrzeug fast nur noch die Hälfte des Kraftstoffs eines Fahrzeuges von vor zehn Jahren und emittiert wesentlich weniger Schadstoffe als jemals zuvor.

Gibt es aktuell durch Krieg und Corona ein Wachrütteln, dass man plötzlich merkt: Wir sind unstrukturiert an diesen Wandel herangegangen?

Mit Corona konnte sicherlich niemand rechnen, und es hat jeder gehofft, dass es niemals zum Krieg in Europa kommt. Ich glaube nicht, dass wir unstrukturiert an den Wandel in der Antriebstechnologie herangegangen sind, aber mit der Krise und dem Krieg ist die Gesellschaft sicherlich überrascht worden, denn seitdem konnte man nicht mehr agieren, sondern nur noch reagieren.

Glauben Sie, man macht so weiter wie vorher, wenn Krieg und Pandemie vorbei sind? Oder wird man Produktion verstärkt nach Deutschland beziehungsweise in die EU verlagern?

Das ist auch eine Frage der Wirtschaftlichkeit, die aber unbedingt redundante Lieferketten berücksichtigen muss. Man darf aber nicht vergessen, dass der Verbraucher womöglich nicht bereit ist, viel mehr Geld für die Ware und die Leistung zu bezahlen.

Glauben Sie, am weiteren Umstieg auf E-Mobilität wird noch mal gerüttelt?

Nein, das glauben wir nicht. Der Umstieg weg vom Verbrenner ist eingeleitet, allerdings mit reiner batterieelektrischer Antriebsweise wird keine Gesamtlösung möglich sein. Ich sage es mal so: Ich möchte mir nicht die Situation vorstellen, dass ich auf einer verschneiten Autobahn stehe, auf ein Rettungsfahrzeug oder auf Feuerwehrfahrzeuge warte, die mit Elektromotor angetrieben werden und bei der Kälte womöglich nicht vorwärtskommen. Insofern muss es auch andere Antriebstechniken geben, mit denen wir in Zukunft unsere Mobilität abdecken können. Die Regierung wird aber das Thema E-Mobilität langfristig als einen der vielen Pfeiler der Automobilindustrie sehen.

Gibt es eine Kernaussage, die Ihre aktuelle Situation treffend beschreibt?

Ja, da gibt es ein schönes Zitat unseres Leasing-Vertrieblers Eike Kautschur: »Wir verkaufen aktuell keine Fahrzeuge, sondern die Hoffnung auf Lieferung.«

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