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Hochzeitschaos bei Hesselbachs

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Von: Gerhard Kollmer

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Blick, Gestik, Mimik: Jo van Nelsen erweckt die Kabinettstücke des Friedbergers Wolf Schmidt zu prallem Leben. © Gerhard Kollmer

Friedberg (gk). Bei Hesselbachs herrscht hektische Betriebsamkeit: Tochter Heidi und Fred Lindner, Prokurist in »Babbas« Druckerei, wollen den Bund der Ehe eingehen. Mammas hartnäckiger Widerstand gegen diese überstürzte Hochzeit bleibt erfolglos. Nun gut: Aber dann soll es ein ganz großes Fest werden.

»Die Hochzeit« - 1953 im Rundfunk und 1962 im Fernsehen ausgestrahlt - ist eine der zahlreichen Perlen im erzählerischen Werk des Friedbergers Wolf Schmidt. Und wer könnte diese Kabinettstücke besser zu prallem Leben erwecken als der im vergangenen Jahr mit dem Darmstädter Künstlerpreis ausgezeichnete Jo van Nelsen? Das »Ein-Mann-Theater« gab am Sonntagabend im Großen Saal des Theaters Altes Hallenbad eine weitere Vorstellung, die sich hinter den bisherigen nicht verstecken musste.

Am frühen Vormittag des großen Tages treffen bereits, viel zu früh, die ersten Gäste mit Bergen von Geschenken ein - darunter ein gutes Dutzend Torten, riesige Blumensträuße und die Originalnachbildung einer Rokoko-Schäferin, die leider im allgemeinen Trubel zu Bruch geht. Ein Witzbold bringt ein riesiges Paket, in dem sich zahlreiche kleinere Päckchen befinden.

»Katastrophe« weitet sich aus

Jo van Nelsens vielstimmige Präsentation dieses Besuchergewimmels ist ein erstes Highlight seiner grandiosen »Lesung« (welch‹ armseliger Ausdruck). Heidi und Fred befinden sich derweil - zusammen mit Babba - im Nebenzimmer und sehnen die standesamtliche Trauung in der Mittagsstunde herbei. Dann kippt plötzlich die Stimmung: Heidi missversteht eine unbedachte Äußerung ihres zukünftigen Gemahls. »Ich will doch nicht deine Sklavin werden!«. Die täuschend echte Simulierung ihres hemmungslosen »Geheuls« (Wortlaut Babba) löst Beifallsstürme im Saal aus.

Fred verlässt schließlich wutentbrannt die Wohnung. Eine halbe Stunde vor dem Termin im Standesamt ist er immer noch nicht zurück. Der »Hochzeitstanker« gerät immer mehr in Schräglage und droht gänzlich zu sinken.

Nicht auszudenken! Natürlich bleibt Mamma, die bisher mit der Betreuung von Onkel Karl, Tante Emma, Vetter Albert vollauf beschäftigt war, das sich zur Katastrophe ausweitende Malheur nicht verborgen.

Wer van Nelsens Beschwörung des Hochzeitschaos’ in ihrer ganzen Brillanz auskosten will, der schließe einfach die Augen. Er/sie wird einen »Film« vor seinem/ihrem geistigen Auge ablaufen sehen, der es mit jedem echten locker aufnehmen kann.

Bevor mit Freds Rückkehr partielle Entspannung eintritt, erscheint dessen Mutter (ein ehemaliges Berliner Revuegirl), der sich Babba fasziniert widmet - bis ihn ihr blasiertes, hochnäsiges Gerede zu nerven beginnt. Er überlässt die Dame den Besuchern. Hier wird die exotische Großstädterin zum Mittelpunkt des Geschehens. Eine allmähliche »Auflockerung der Sitten« greift um sich. Auch die Präsentation dieser Figur ist ein Meisterstück des Magiers aus Bad Homburg.

Aber irgendetwas verheimlicht Fred - man sieht es ihm förmlich an. Babbas und Mammas diesbezügliche Horrorfantasien überschlagen sich. »Junge, du hast doch was. Rück’ raus damit! Oder willst du uns vor der ganzen Stadt blamieren?«

Aber da im Hesselbach’schen Kosmos auch die schlimmste Katastrophe ein gutes Ende nimmt, gesteht Fred schließlich, dass er noch keine 21 Jahre alt ist, also nicht volljährig. Das Problem lässt sich mit einer Volljährigkeitsbescheinigung des Bürgermeisters in letzter Minute lösen.

Und nicht zu vergessen: Heidi ist im dritten Monat schwanger. Mammas aufkeimende Empörung wird von Babba im Keim erstickt. Denn schließlich war es bei ihnen genauso.

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