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Hitler als Romanheld?

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Von: Gerhard Kollmer

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Andreas Matlé, Pressesprecher der Ovag (l.), diskutiert mit Autor Feridun Zaimoglu bei »Friedberg lässt lesen« in der Buchhandlung Bindernagel über Zaimoglus neuen Roman »Bewältigung«. © Gerhard Kollmer

Friedberg. 9. November 1938: In der von langer Hand geplanten Pogromnacht werden Tausende von Geschäften deutscher Juden geplündert und zerstört. Weit über 100 Synagogen gehen in Flammen auf. Dieser Akt rassistischer Barbarei der NS-Henker bildet den Auftakt zur systematischen Stigmatisierung und zum millionenfachen Genozid des deutschen Judentums in den Kriegsjahren 1942 bis 1944.

Neben den deutschen fallen weitere Millionen europäischer Juden dem nationalsozialistischen Rassenwahn zum Opfer.

Adolf Hitler, »Führer des großdeutschen Reichs«, trägt für diese Greueltaten die Hauptverantwortung, der er sich durch feigen Selbstmord entzieht.

Zehntausende von Sachbüchern und wissenschaftlichen Werken sind seit 1945 über Hitler und seine Spießgesellen Goebbels, Göring, Himmler, Bormann und andere geschrieben worden.

Aber wie steht es um die literarische »Bewältigung« dieser Gestalt - Dämon der Macht und Beispiel für die »Banalität des Bösen« (Hannah Arendt) zugleich? Bis auf den heutigen Tag ist kein seriöses Prosawerk mit dem »Führer« als Hauptfigur erschienen, geschweige denn aus dessen Perspektive erzählt.

Genau das nimmt sich der fiktive Autor in Feridun Zaimoglus neuem Roman mit dem bezeichnenden Titel »Bewältigung« vor - um schließlich an dieser Herkulesaufgabe zu scheitern. Der in Kiel lebende und mehrfach preisgekrönte Zaimoglu war am 84. Jahrestag des Novemberpogroms mit Andreas Matlé, dem Pressesprecher der Ovag, in die Buchhandlung Bindernagel gekommen, um im Rahmen von »Friedberg lässt lesen« zwei Auszüge aus seinem Roman vorzustellen und über dessen Entstehung zu berichten.

Noch nicht überwunden

»Warum ein Roman über Hitler - angesichts ganzer Bibliotheken voller (populär)wissenschaftlicher Darstellungen? So lautete Matlés erste Frage. Hitler als Reprä- sentant eines der mörderischsten Regime in der Weltgeschichte sei, so Zaimoglus Antwort, noch nicht »überwunden« und werde es auch niemals sein.

Er halte das Trauma prinzipiell für nicht zu bewältigen. Genau diese Unmöglichkeit habe er in seinem Roman thematisiert. Er sei über jemanden geschrieben, der ein literarisches Werk über Hitler - vergeblich - zu schreiben versucht. Nur diese indirekte, mehrdimensionale Herangehensweise an sein Thema habe ihn, sagt Zaimoglu, davor bewahrt, sich - wie der fiktive Autor - von seinem Stoff überwältigen zu lassen.

»Er will begreifen«: So lautet der erste Satz des Romans. Der fiktive Autor wandelt auf dem »Grünen Hügel« in Bayreuth auf Hitlers Spuren. Bekanntlich war dieser ein leidenschaftlicher Verehrer Wagners - und von dessen Tochter Winifred, der von ihm so genannten »Hohen Frau«.

Seine Recherchen führen ihn an weitere Orte wie den Obersalzberg als privates Refugium des »Führers«, den Ort des ehemaligen Münchner »Bürgerbräukellers«, in dem Hitlers Karriere als charismatisch-demagogischer »Volksredner« begann.

In dem bierdunstgeschwängerten Lokal verübte Georg Elser sein - gescheitertes - Attentat auf Hitler, für das er kurz vor Kriegsende im Konzentrationslager Dachau ermordet wurde. Auch in dieses erste »KZ« der Nazis führt den Autor seine Reise. Er verstrickt, verfängt sich während seiner minuziösen Recherchen jedoch in einer Vielzahl von Beobachtungen, die sich zu keinem geschlossenen Bild zusammenfügen lassen.

Ratlos sitzt er an der Schreibmaschine. Der hochfliegende Traum, den Dämon Hitler literarisch zu bannen, zerplatzt kläglich. Mehr als das: Der fiktive Autor wird zum schlechten Ende von seinem Stoff überwältigt, statt diesen zu bewältigen.

Zaimoglus brillant geschriebener Roman erhält intensiven Applaus vom zahlreich erschienenen Publikum.

Gerhard Kollmer

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koe_bewaeltigung_121122_4c © Gerhard Kollmer

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