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...ein Wilderer, ein Metzgergeselle? Zahlreiche Verbrechen haben sich in der Wetterau vor vielen Jahrzehnten ereignet.

Wahre Geschichten 

Historische Kriminalfälle: Mörder und Räuber in der Wetterau

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Ein toter Jagdpächter, ein ermordeter Pfarrer, ein Räuber versteckt im Backofen- in den vergangenen Jahrhunderten haben sich zahlreiche Kriminalfälle in der Umgebung abgespielt.

Die meisten Verbrechen geschehen in London - zumindest in der Welt von Sherlock Holmes im 19. Jahrhundert. Der Schriftsteller Arthur Conan Doyle (†1930) hat sich all diese Fälle ausgedacht. Da er heute Geburtstag hätte, haben Fans der Romanreihe den 22. Mai zum Sherlock-Holmes-Tag erklärt. Zu diesem Anlass blicken wir ins Archiv der Kriminalfälle. Die gab es nicht nur in London - sondern auch in Rosbach oder Karben.

Historische Kriminalfälle in der Wetterau: Kugel im Kopf

War es Mord? Oder ein tragischer Unfall? Am 8. Juli 1916 kommt der Ober-Rosbacher Jagdaufseher Johannes Bullmann nicht nach Hause. Sein Leichnam wird vor einem Hochsitz gefunden. Der Tote hat eine Kugel im Kopf.

"Beinahe wäre das tragische Ereignis in Vergessenheit geraten", schrieb Bodo Groh 2016 in seinem Beitrag für die Rosbacher Geschichtsblätter (Ausgabe 32). Er ist der Urenkel von Johannes Bullmann.

Dass die Ereignisse um den Tod seines Urgroßvaters, der 48 Jahre alt geworden ist, erneut thematisiert worden sind, ist Dieter Winkler zu verdanken. Er fand auf dem Dachboden seines Elternhauses alte Zeitungsartikel.

Am 10. Juli 1916 berichtet der Oberhessische Anzeiger, dass der Jagdaufseher Samstagnacht verünglückte "beim Besteigen des Hochsitzes dadurch, daß eine Sprosse der Leiter brach und er herunterstürzte, wobei sich das Gewehr entlud und die Kugel durch den Kopf ging". Zwei Tage später widerruft die Zeitung die Meldung. "Wie uns mitgeteilt wird, ist der beklagenswerte Unfall (...) nicht darauf zurückzuführen, daß eine Sprosse der Leiter brach. Die Leiter ist vielmehr in tadelosem Zustande." Der Unfallhergang sei noch nicht geklärt.

Erst einige Jahre später gibt es eine Wende in dem Fall. Es soll sich folgendermaßen zugetragen haben, wie Bodo Groh berichtet: "Ein Rosbacher habe am Sterbebett sein Gewissen erleichtern wollen und gestand den Mord an dem Jagdaufseher Johannes Bullmann. Er sei von ihm beim Wildern erwischt worden und habe nur durch den tödlichen Schuss sein eigenes Leben retten können. So berichtete es mir meine Mutter Elfriede Groh, geborene Bullmann."

Bis heute ist der Fall nicht endgültig aufgeklärt worden. Bodo Groh schreibt: "Die Unfalltheorie mag einige Lücken aufweisen, doch auch für den Mord - auf den ersten Blick eine plausible Hypothese - fehlt der endgültige Beweis."

Historische Kriminalfälle in der Wetterau: Der ermordete Pfarrer

Die Gemeinde sitzt in den Kirchenbänken, nur der Pfarrer fehlt. Es ist der Morgen des 12. Novembers 1904. Die Frühmesse hätte längst beginnen sollen. Noch am vorangegangenen Abend hatte der katholische Pfarrer Thoebes eine Andacht gehalten. Doch wo war er nun? Ausgerechnet der Pfarrer - ein Mann, der immer pünktlich ist.

Es ist die "schauerlichste Episode der Kirchengeschichte von Heldenbergen", schreibt Dr. Eckhard Nordhofen in der Chronik zur 1150-Jahr-Feier des Orts. Darin erzählt er von den Ereignissen, die sich 1904 in dem damals 1300-Einwohner-Ort zugetragen haben.

Als der Pfarrer an jenem Samstagmorgen nicht in der Kirche erscheint, gehen Küster Heinrich Hacker und einige andere ins Pfarrhaus. Dort machen sie eine grausige Entdeckung. Der Pfarrer ist tot, brutal ermordet worden. Der Amtsrichter, der die erste Untersuchung leitet, vermerkt: In seinem Leben sei ihm nichts so Schauerliches vorgekommen wie diese Leiche. Es sei entsetzlich gewesen, wie man den alten Mann hingeschlachtet habe.

Pfarrer Thoebes ist in der Nacht seiner Ermordung 60 Jahre alt. 1899 trat er die Pfarrstelle an. Zuvor war er unter anderem in Friedberg tätig.

Die fieberhafte Suche nach dem Mörder beginnt, Zeugen werden befragt. Fräulein Sulzbach, die Haushälterin des Pfarrers, erzählt den Ermittlern von einem Ereignis in der Mordnacht: Sie habe einen Schrei gehört. Danach sei es still gewesen, und sie habe sich wieder hingelegt.

Die Suche nach dem Mörder dauert an. Bis die Ermittler "ein heute untergegangenes Milieu" ins Visier nehmen: "Handwerksburschen, die von den ehrbaren Pfaden zünftiger Wanderschaft auf krumme Wege übergewechselt waren."

Der Verdacht fällt schließlich auf einen Metzgergesellen auf der Walz: Oskar Hudde aus Schalke bei Gelsenkirchen. Er wird per Steckbrief gesucht, im Volk kursieren Aussprüche wie "Wart’ nur, der Hudde kommt und holt dich!".

Im Januar 1905 wird er in Aachen festgenommen. Beim Prozess sagen unter anderem Heldenberger gegen den Metzgergesellen aus: Sie hätten ihn schon einmal gesehen. In Heldenbergen. Ein Friedberger Uhrmacher erkennt zudem die Uhr des Pfarrers wieder.

Fünf Tage dauert der Indizienprozess. Ein Geständnis macht der Angeklagte nicht. Richter und Geschworene sehen seine Schuld dennoch als bewiesen an. Das Urteil: Tod durch Enthauptung. Im August 1905 wird Oskar Hudde hingerichtet: "Der Scharfrichter und seine Gehilfen nehmen Hudde in die Mitte, der sich umwandte und die neun Stufen zum Schafott ohne Sträuben hinaufstieg."

Historische Kriminalfälle in der Wetterau: Straßenraub

WZ-Mitarbeiter Jürgen Schenk berichtet von einem Ereignis in Kloppenheim, das sich 1809 zugetragen hat: Während der Napoleonischen Ära blühte hierzulande das Räuberwesen. Umherziehende Korbflechter, Landstreicher und ehemalige Soldaten waren in den Orten keine gern gesehenen Gäste. Sie redeten untereinander "Rotwelsch", die Sprache der Gauner, und standen oft in familiären Verbindungen. Nur zu genau wusste die Bevölkerung, was die eigentliche Profession dieser Vagabunden war. Im Schutz der Dunkelheit kamen sie in kleinen Gruppen, um zu stehlen. Manchmal stiegen sie auch in Kirchen ein oder überfielen Kutschen.

Zur Wetterauer Bande zählte auch Johannes Borgener, der "Polengänger Hannes". Gemeinsam mit dem weniger bekannten Adam Heußner überfiel er im Februar 1809 bei Kloppenheim den Nieder-Wöllstädter Fuhrmann Hartmann Kost. Bei Anbruch der Nacht zerrten die Räuber Kost vom Kutschbock und warfen ihn gefesselt in den Chausseegraben. In einem Aktenbericht zu dem Fall, der 1813 veröffentlicht wurde, heißt es: "Die Räuber nahmen dann von dem Karren soviel Kaffee und Zucker, als sie bei sich packen konnten, auch einige Tausend Näh- und Stecknadeln, und einige Pfund Rosinen." Dem Fuhrmann stopften sie einen Teil der Rosinen in den Mund, obwohl der versicherte, keinen Appetit danach zu haben, "weil sie so teuer zu stehen kämen". Später sollen sie im Beyenheimer Wirtshaus die Diebesware im Wert von 150 Gulden aufgeteilt haben.

Im März 1813 wurde Borgener zusammen mit dem Schwarzen Jung aus Ilbenstadt, dem Heiden-Peter und anderen Kumpanen in Gießen mit dem Schwert hingerichtet.

Historische Kriminalfälle in der Wetterau: Im Backofen versteckt

Das ganze Dorf ist in Aufruhr, als 100 Männer durch die Nieder-Wöllstädter Gassen reiten. Es ist ein Mittwochmorgen, der 31. Januar 1725, und das Polizeikommando aus Gießen ist auf der Suche nach Räubern.

Von den Ereignissen rund um die Räuberjagd hat Dr. Dieter Wolf 1977 in dem Wöllstädter Heimatbuch "Vom alten Nieder-Wöllstadt" berichtet. Der ehemalige Leiter des Butzbacher Museums ist gebürtiger Wöllstädter und hat schon vieles rund um die Wetterauer Geschichte zusammengetragen, in Vorträgen präsentiert oder als Text veröffentlicht - so auch die Geschichte vom "Räuber im Backofen".

Dass an jenem Morgen im Januar 1725 Reiter aus Gießen kommen, ist ungewöhnlich. Damals verlaufen zahlreiche Grenzen durch das Gebiet. Deutschland, so heißt es oft in der Geschichtsschreibung, ist ein "Flickenteppich". Nieder-Wöllstadt gehört zum Gebiet Solms-Rödelheim, das Polizeikommando kommt aus dem landgräflich-hessischen Gießen. Es hat eine Sondergenehmigung für durchgreifende Maßnahmen, um die Räuberbanden zu fassen, die ihr Unwesen treiben. Und die auch die Kleinstaaterei nutzen, um über Grenzen zu fliehen.

Die Räuberbande, nach der die Reiter suchen, soll besonders gefährlich sein. Zu der Bande gehören Männer und Frauen unter der Führung dreier Männer. Berüchtigt ist vor allem die Tochter einer dieser Männer: Maria Elisabeth la Grave, genannt "die Cron". Bei einem Raubüberfall bei Hirzenhain, heißt es, hat sie jemandem den Kopf mit elf Beilhieben abgehackt.

Bereits vor der Ankunft in Wöllstadt kann das Polizeikommando in Fauerbach bei Friedberg einen Teil der Bande festnehmen. Einer der Anführer, Johannes la Fortun (genannt Hemperla), und Maria Elisabeth la Grave können fliehen. Sie trennen sich, sie wird aber bald gefasst. Er gelangt nach Wöllstadt. Doch er wird gefunden: Er hatte sich im Ofen des Backhauses versteckt. Johannes la Fortun, Maria Elisabeth la Grave und elf weitere Bandenmitglieder werden am selben Tag nach Gießen gebracht. Eindreiviertel Jahre dauert es, bis der Prozess beginnt. Im November 1726 werden sie vor Tausenden Zuschauern durch "Rad, Strang und Schwert" hingerichtet.

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