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Fritz Usinger

Hinter den Dingen das Eigentliche erkennen

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Friedberg (pm). Den eigentlich für den 5. März geplanten Vortrag von Dr. Friedhelm Häring anlässlich des 125. Geburtstages von Fritz Usinger musste der Friedberger Geschichtsverein coronabedingt auf den September verlegen. Er wurde vom Referenten als Dank an Usinger angelegt, dem er bereits als Jugendlicher unendlich viele Bildungseindrücke zu verdanken gehabt hatte, nicht zuletzt sein Verhältnis zur Kunst wurde durch Fritz Usinger geprägt.

Oft zu zweistündigen Monologen eingeladen, kam Häring im Haus des Dichters in der Burg erstmals mit faszinierender moderner Kunst von Nay, Arp, Göpfert, Gunschmann und vielen anderen in Berührung. Häring betonte, dass Usinger viel mehr sei als ein seiner Heimat verbundener Lyriker. Heimat finde er nicht in der idyllischen Staffage der heimischen Landschaft, sondern im Herzen der Menschen, die einen lieben.

Der Referent stellte Usinger als Kulturphilosophen dar, der seine Gedanken in Essays und Kunstbetrachtungen anlässlich von Ausstellungseröffnungen und in Katalogen zum Ausdruck gebracht habe. Das reale Leben mit den alltäglichen Dingen habe Usinger kaum interessiert, ihm sei es um den Sinn gegangen, der dahinter gesteckt habe, um das Wort, den Logos. Wie und warum existiert der Mensch in der Unendlichkeit des Universums - das war für ihn die alles umfassende Frage. Dabei fand Usinger Sprache nicht nur in der linguistischen Sprache, sondern auch in der Tonsprache - Usinger komponierte auch - und vor allem in der Formsprache der bildenden Kunst in Malerei und Skulptur. Dort überall fand er den Logos, den Sinn innerhalb unseres Universums.

Aus dem Mund des Dichters werde Lebenssinn spürbar, hieß es im Vortrag. Dabei sei seine zentrale Erkenntnis, dass Wahrheit nicht in den realen Gegenständen zu finden sei, sondern im Nichtseienden, im Mythos und der Magie. Gott sei die Abwesenheit. Dahinter stehe die Philosophie von Wittgenstein. Unsere Erde in der Unendlichkeit des Kosmos sei ein Stern des Glücks, den der Mensch zur Hölle mache.

Das Chaos gehöre zur Welt, und mit ihm beschäftige sich moderne Kunst. Dass Nay in der bildenden Kunst und Celan in der Lyrik aus der formalen Welt ins Informelle aufgebrochen sind, das faszinierte Usinger und durch ihn auch Häring. Die moderne Kunst stellt die Ordnung in Frage und wagt das Chaos. Usinger schilderte den Schauer des Menschen im versagenden sicheren Existenzgefüge. Seine Kunst will den Menschen anrühren, damit die Realität von ihm abfällt und er hinter den Dingen das Eigentliche, den Logos, erkennt. Dichter können ohne Träume jenseits des Wirklichen nicht leben. Hans Arp nannte Usinger treffend »Meistersinger der Dinge zwischen den Dingen«. Er leugnet das Leben nicht, aber er weiß, dass es nicht alles ist.

Die Fülle der modernen Kunstwerke, die Usinger zu dieser Erkenntnis geführt haben, befindet sich seit seinem Tod im Wetterau-Museum und wird dort in einer Ausstellung bis Mitte Oktober zu sehen sein. Friedberg müsse viel mehr aus seinen Schätzen machen als sie nur im Museumsdepot zu horten, forderte Häring. Friedberg bräuchte ein Literaturhaus. Mit diesem Schlussappell endete dieser bemerkenswerte Vortrag.

FOTO: ARCHIV

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