Tag der Depression

Hilfe gegen Depressionen in Wetterauer Klinik: „In Zeiten wie diesen zeigt sich, wer die wahren Freunde sind“

  • vonKatharina Gerung
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Im Schnitt erkrankt jeder dritte Mensch an einer Depression - so wie Tobias Smolik aus Ortenberg. Zum Tag der Depression spricht über seine Krankheit.

  • Der erste Sonntag im Oktober ist der „Tag der Depression“.
  • Er soll auf die Krankheit und ihre Folgen wie Suizid aufmerksam machen.
  • Tobias Smolik aus Ortenberg leidet an Depressionen und erzählt von seinen Erfahrungen.

Ortenberg/Büdingen - Jeder kennt sie wohl. Diese innere Stimme, die einen anspornt, wenn sonst keiner da ist. „Ich kann mich noch so gut daran erinnern, wie ich Fahrradfahren gelernt habe“, sagt Tobias Smolik. „Wenn man fällt, sagt sie einem, dass man wieder aufstehen soll. Dass man es packt.“ Der 43-Jährige aus Ortenberg hat diese innere Stimme nicht nur lieben, sondern auch fürchten gelernt. „Irgendwann war meine einfach nicht mehr so konstruktiv und motivierend, wie sie es einmal war“, sagt er. Aus einem Freund wurde dann ein Feind. Einer, der sogar einen Namen hat: Prof. Dr. Karl Rudolf Itiker.

Angefangen hat alles vor über 20 Jahren. Smolik hat damals gerade Abitur gemacht. Anders als andere junge Leute in seinem Alter, blieb er immer häufiger gerne nur für sich. Allein in seinem Zimmer. Manchmal den ganzen Tag im Bett. „Meine Eltern dachten, ich sei einfach faul“, sagt Smolik. Dabei fehlte es ihm nicht an Engagement, sondern an etwas viel Wesentlicherem: Freude. „Alles, was mir einmal Spaß gemacht hat, hatte plötzlich keine Wirkung mehr. Keinen Sinn“, sagt Smolik. Er ging nicht mehr aus. Nicht mehr auf Konzerte, nicht mehr ins Kino, nicht mehr zu Freunden. Sein soziales Umfeld begann zu bröckeln. Heute weiß er, dass diese Zeit die erste seiner dunklen Phasen gewesen ist. Phasen, die ihn bis heute begleiten.

Tobias Smolig hat seit seiner Jugend Depressionen, doch erst vor acht Jahren hat er professionelle Hilfe in Anspruch genommen. Zuvor verlor er seinen Job und fiel dadurch in ein dunkles Loch. SYMBOLFOTO: DPA

Depressionen: Betroffene suchen lange keine Hilfe

Smolik hat Depressionen. Eine Krankheit, von der laut Robert-Koch-Institut deutschlandweit gut 5,3 Millionen Menschen betroffen sind. Jährlich werden 150.000 Neuerkrankungen registriert, statistisch erkrankt damit mindestens jeder dritte Mensch im Laufe seines Lebens an einer Depression. Experten sprechen auch von einer leisen Krankheit - denn viele Betroffene haben weder die Hoffnung noch die Kraft, sich Hilfe zu holen. Mit Folgen: Die Hälfte der Menschen, die durch Selbsttötung sterben, haben an einer Depression gelitten. 2018 gab es in Deutschland 9396 Suizide. Demnach nehmen sich jeden Tag mehr als zehn depressive Menschen das Leben. Eine Zahl, auf die der europäische Depressionstag jeden ersten Sonntag im Oktober aufmerksam machen will.

Auch Smolik hat sich lange keine Hilfe geholt. „Ich habe nicht gesehen, dass ich welche brauche“, sagt er. Denn neben den schlechten Tagen habe es auch viele gute gegeben. Doch die Krankheit begleitete ihn wie ein Schatten. Wegen ihr konnte er sein Studium nicht abschließen und lange keine Beziehung eingehen. Einen Tiefpunkt erreichte er schließlich 2012, als er unverschuldet seinen Job verlor. Der Gang zum Arbeitsamt setzte eine Flut an Selbstzweifeln frei. „Ich habe nichts richtig gelernt“ und „ich kann doch nichts“, dachte er sich damals. „Es gab Tage, da habe ich mich einfach gehasst. Und ich war kurz davor, allem ein Ende zu setzen.“

Depressionen: Vielen Patienten hilft es, über die Krankheit zu reden

Doch so weit kam es nicht. „In Zeiten wie diesen zeigt sich, wer die wahren Freunde sind“, sagt er. Während sich manche mit Vorurteilen von ihm abwendeten, bewegten ihn andere dazu, sich professionelle Hilfe zu suchen. Vor allem sein Vater und sein Bruder seien damals nicht nur Stütze, sonder maßgebender Beweggrund für eine Therapie gewesen. Im Capio-Mathilden-Hospital in Büdingen schließlich fand Smolik Hilfe. Dort habe er nicht nur gelernt, sich selbst mehr zu mögen, sondern auch Auslöser für depressive Phasen zu erkennen, um für diese rechtzeitig Hilfe in Anspruch nehmen zu können.

Zuletzt nötig war dies vor einigen Wochen. Smoliks Vater starb und ließ ihn in einem dunklen Loch zurück. Aktuell befindet sich der Wetterauer darum wieder in der psychiatrischen Tagesklinik in Büdingen. „Am meisten hilft es, darüber zu reden“, sagt er. A2m besten auch mit anderen Betroffenen.“ Ihm zumindest hat es gezeigt, dass er nicht alleine ist. Dass es in der Region viele gibt, denen es geht wie ihm. Die Klinik wurde zu so etwas wie seinem Anker, sagt er: „Seit ich weiß, dass es sie, die Menschen und die Hilfe gibt, geht es mir besser.“

Seit acht Jahren nimmt der 43-Jährige nun entsprechende Medikamente ein und regelmäßig an Therapien teil. „Dadurch hat sich meine Selbstwahrnehmung enorm verändert“, sagt er. „Ich habe schon in der Kindheit hohe Ansprüche an mich selbst entwickelt. Ich war mir aber nie genug. Auch im Job nicht. Fehler haben mich bis in den Feierabend begleitet.“ Smolik litt enorm. Auch wenn er nach außen etwas anderes ausgestrahlte.

Bei Verdacht auf Depressionen zum Hausarzt gehen

Diesen inneren Konflikt hat Smolik irgendwann versucht zu visualisieren - Prof. Dr. Karl Rudolf Itiker entstand. „Ich wollte der dunklen Wolke in mir ein Gesicht geben“, sagt er. Dem inneren Kritiker. Diese Figur ist einerseits Teil von ihm und andererseits wieder gar nicht. Ein bisschen wie bei Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Doch während die Geschichte von Robert Louis Stevenson damit endet, dass einer der beiden über den anderen siegt, ist das nicht Smoliks Ziel. Er will sich mit seiner inneren Stimme wieder vertragen. Sich erneut mit ihr anfreunden. Damit sie in wie damals antreibt, statt ihn runterzuziehen.

Bis heute ist die Entstehung von Depressionen wissenschaftlich nicht vollständig geklärt. Als sicher gilt, dass zur Entstehung immer mehrere Faktoren beitragen. Im Fall einer Erkrankung oder des Verdachts auf eine Depression ist der erste Ansprechpartner der Hausarzt. In Notfällen, etwa bei konkreten Suizidgedanken, sollten sich Betroffene an die nächste psychiatrische Klinik oder den Notarzt (112) wenden. (Katharina Gerung)

Rubriklistenbild: © DPA Deutsche Presseagentur

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