1. Wetterauer Zeitung
  2. Wetterau
  3. Friedberg

Hier fehlt der Job, dort das Personal: zwischen Arbeitslosigkeit und Fachkräftemangel

Erstellt:

Von: Christoph Agel

Kommentare

_173832_4c
Rainer Kupka rät Ungelernten dazu, ihren Berufsabschluss nachzuholen. Auf der anderen Seite fragt er Arbeitgeber, was es so attraktiv macht, bei ihnen zu arbeiten. ARCHIV © Nicole Merz

In vielen Branchen Personal gesucht, andererseits sind Menschen arbeitslos. Wie passt das zusammen? Ein Interview mit Rainer Kupka, Geschäftsstellenleiter Wetteraukreis der Agentur für Arbeit.

Den 17 669 Arbeitslosen im Arbeitsagentur-Bezirk Gießen, zu dem auch die Wetterau gehört, standen im August 7418 offene Stellen gegenüber. Aber Sie bekommen doch nicht alle offenen Stellen gemeldet, oder?

Bei weitem nicht alle. Man müsste die Zahl eigentlich mit dem Faktor vier oder fünf multiplizieren, um auf die tatsächliche Nachfrage zu kommen.

Wieso ist das so? Wäre es nicht effektiver, wenn bei Ihnen alles zusammenlaufen würde? Könnten Sie dann nicht viel schneller und passender vermitteln?

Wir leben in einer freien Wirtschaft, da gibt es keinen Zwang für Arbeitgeber, ihre freien Stellen zu melden. Klar würden wir uns wünschen, mehr eingeschaltet zu werden. Aber da müsste man Gesetze einführen, dass jeder Betrieb dazu verpflichtet ist, der Arbeitsagentur offene Stellen zu melden. Das hat noch keine politische Partei gewollt.

Aber die Arbeitgeber würden sich doch selbst einen Gefallen tun.

Wir haben sehr viele Branchen, in denen Mangel besteht. Wenn uns ein Arbeitgeber anruft und sagt, er suche eine Elektroinstallateur, dann wäre es glatt gelogen, wenn wir sagen würden: »Klar, super, können wir Ihnen sofort vermitteln.« Weil uns die Leute ja selbst nicht ausreichend zur Verfügung stehen. Und es gibt das uralte Problem: Viele Arbeitgeber sagen, sie hätten mal Stellen gemeldet, aber es sei erfolglos gewesen. Die sagen dann: »Bringt mir auch nichts, macht mir nur Arbeit.« Klar würde ich mir wünschen, dass Arbeitgeber das mehr machen, dann hätten wir eine bessere Transparenz am Arbeitsmarkt.

Sie sagten gerade, dann würde ich lügen, wenn ich sagen würde, den Elektroinstallateur habe ich gerade. Aber welche Leute haben Sie denn?

Es ist die Frage, warum man heutzutage noch arbeitslos wird. Wir haben einen Arbeitsmarkt, auf dem in jeder Branche zumindest temporär Arbeitnehmer gesucht werden. Was zum Beispiel ein Klassiker ist: Jemand wechselt seine Beschäftigung, hat Kündigungsfristen und muss dann nochmal ein, zwei Monate überbrücken. Es gibt viele Menschen, die eine Vorruhestandsregelung abgeschlossen haben, nur noch auf ihre Rente warten. Es gibt Menschen mit gesundheitlichen Einschränkung, die eine Umschulung machen, weil sie ihren alten Beruf nicht mehr ausüben können. Und es gibt auch Migranten mit Sprachbarriere. Oder es kommen viele junge Menschen nach ihrer Ausbildung, die nicht nahtlos eine Anschlussbeschäftigung haben und zwei, drei Monate überbrücken müssen. Trotzdem haben wir natürlich auch Facharbeiter bei uns gemeldet, wenn auch bei weitem nicht ausreichend.

Was ist mit Ungelernten?

Es gibt viele. Wir beraten Ungelernte ohne Berufsabschluss, dass sie den auch mit 45 oder 55 Jahren noch nachholen können. Mit Berufsabschluss hat man bessere Verdienstmöglichkeiten, in der Regel auch eine sichereren Arbeitsplatz, hat bessere Möglichkeiten, bei Arbeitslosigkeit was Neues zu finden. Im ersten Gespräch wollen wir überzeugen, eine Ausbildung zu machen. Wenn man älter ist, ist die Bereitschaft, das zu tun, relativ gering. Dafür gibt es verschiedene Gründe; ein Hemmnis dabei ist der gute Arbeitsmarkt, den wir im Moment haben. Denn selbst diese Leute ohne Ausbildung haben ausreichend Möglichkeiten, weil auch sehr viele Helferstellen bei uns gemeldet sind.

Sind die Ansprüche von Menschen an einen künftigen Job gestiegen?

Das kann man so sagen. Wir haben im Moment einen Arbeitnehmermarkt. Wenn jemand arbeitslos ist und arbeiten gehen möchte, dann hat er sehr viele Möglichkeiten, wie er das angeht. Letztendlich wird er sich die Möglichkeit suchen, die für ihn am attraktivsten ist: kurzer Anfahrtsweg, hohes Gehalt, attraktive Arbeitszeit.

Die Arbeitsagentur hat auch Druckmittel. Reichen die aus?

Gesetzlich sind diese Druckmittel absolut gegeben. Beim SGB III (Anm. d. Red.: Sozialgesetzbuch III, zuständig ist die Agentur für Arbeit) gibt es klare Sanktionsmöglichkeiten. Wir sagen nicht: »Du bist ungelernt, machst die Ausbildung zum Koch, und wenn du das nicht machst, kriegst du eine Sperrzeit.« Aber wenn jemand drei, vier Mal nicht zu einer Stelle hingeht, dann gibt es durchaus Sperrzeiten.

Was passiert dann?

Dann kriegt derjenige für gewisse Zeit weniger oder gar kein Arbeitslosengeld. Aber das ist nicht unser erstes Ziel. Wir wollen den Menschen ja helfen. Wenn jemand zehn Jahre in einer Branche gearbeitet hat und sagt, er halte es nicht mehr aus, und uns eine realistische Alternative bieten kann, dann versuchen wir auch, es zu realisieren. Gerade jetzt, wo überall gesucht wird.

In welchen Bereichen werden in der Wetterau am meisten Arbeitskräfte gesucht?

Sie können das komplette Handwerk nehmen, die Logistik, den ganzen Pflegebereich natürlich. Aber auch Steuerfachangestellte, Arzthelferinnen - es wird überall alles gesucht.

Wir haben eben über Ansprüche von potenziellen Arbeitnehmern gesprochen. Müssen Arbeitgeber heute gewisse Extras anbieten?

Das empfehlen wir dringend, wenn wir Arbeitgeber beraten. Wir fragen den Arbeitgeber: »Was macht es denn so attraktiv, bei Ihnen zu arbeiten?« Wenn er uns dann nur sagt, er zahle einen Euro mehr als den Mindestlohn, dann ist mir das zu wenig. Ich nenne mal das Beispiel Flughafen: Da werden händeringend Leute gesucht. Die Arbeitgeber haben ihre Sozialleistungen drastisch hoch gesetzt. Bei Einstellung gibt es sofort einen unbefristeten Vertrag, das Gehalt natürlich, Fahrtkosten werden übernommen. Es gibt viele Dinge, die man als Arbeitgeber tun kann. Das geht bis dahin, dass man Führerscheine bezahlt oder bezuschusst und günstigen Wohnraum zur Verfügung stellt.

Inwiefern bedrohen die nach oben schnellenden Energiepreise den Arbeitsmarkt? Werden Firmen wieder vorsichtiger, weil sie nicht wissen, wie sich die Auftragslage entwickeln wird?

Das kann noch eine Rolle spielen, da ist eine große Unsicherheit bei uns. Im Moment merken wir es noch nicht. Aber ausschließen kann man da gar nichts. Den Gasstopp aus Russland haben wir schon, aber ich bin da eher optimistisch, dass es am Arbeitsmarkt weitgehend vorbei geht. Es mag sein, dass hier und da Kurzarbeit anzieht, tut es im Moment aber noch nicht.

Schließen wir den Kreis und gehen zum Anfang des Interviews zurück: Haben Sie ein Patentrezept, wie die Zahl der Arbeitslosen und die Zahl der offenen Stellen sinken können? Liegt es einfach daran, dass der eine nicht weiß, was der andere sucht? Müssten mehr Daten gesammelt werden?

Ich glaube nicht, dass wir mehr Daten brauchen. Die Hauptaufgabe ist, möglichst nahe an jungen Menschen dran zu sein, die vielleicht gerade nicht den Arbeitsmarkt im Blick haben, die die Schule eventuell nicht oder nur schlecht abgeschlossen haben. Sie müssen wir eng begleiten und versuchen, in Richtung Arbeit und Ausbildung zu führen. Die Agentur für Arbeit und die Jobcenter bieten jedem Erwachsenen ohne Berufsabschluss die Möglichkeit, einen solchen nachzuholen - und zwar so, dass er von dem Geld leben kann. Auch jede große Firma, die Helfer beschäftigt und Interesse hat, aus diesen Helfern Fachkräfte zu machen, kann sich an uns wenden. Es gibt ganz erhebliche Zuschüsse. Dann macht man aus einem Elektrohelfer einen Elektroinstallateur. Diesbezüglich kann man mich unter der Telefonnummer 0 60 31/1 64 40 anrufen.

Zahlen zu Stellen und Arbeitslosigkeit

Zum Bezirk der Arbeitsagentur Gießen gehören der Wetteraukreis, der Landkreis Gießen und der Vogelsbergkreis. Im August waren laut einer Pressemeldung der Agentur für Arbeit im Bezirk 17 669 Menschen arbeitslos gemeldet. Das waren 625 mehr als im Vormonat und 113 weniger als im August 2021. Die Arbeitslosenquote stieg um 0,1 auf 4,7 Prozent. Im Vorjahresmonat lag die Quote ebenfalls bei 4,7 Prozent. Im August haben 341 kurzarbeitende Betriebe im Bezirk der Agentur für Arbeit Gießen einen Antrag auf Auszahlung von Kurzarbeitergeld (KuG) gestellt und auch bewilligt bekommen. Das waren 416 Betriebe weniger als im Vormonat. Arbeitgeber haben der Arbeitsagentur Gießen und den Jobcentern des Kreises Gießen und der Wetterau im August 1181 neue Arbeitsstellen gemeldet. Das waren 104 weniger als im Vormonat und 521 sozialversicherungspflichtige Arbeitsstellen weniger im Vergleich zum August 2021. Der Bestand an offenen Stellen stieg um 92 auf 7418. Im Vorjahresmonat waren 791 Stellen weniger gemeldet. Im Wetteraukreis ist die Zahl der Erwerbslosen um 430 auf 6746 Personen gestiegen. Im Vorjahresmonat waren 589 mehr Arbeitslose gemeldet. Die Arbeitslosenquote stieg von 3,7 auf 4,0 Prozent. Im August 2021 lag die Quote bei 4,3 Prozent.

Auch interessant

Kommentare