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Hexen, Nixen und Zauberwesen

  • VonGerhard Kollmer
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Friedberg (gk). »Ein schwarzer Bock, ein Besenstock; die Ofengabel, der Wocken; reißt uns geschwind wie Blitz und Wind durch sausende Lüfte zum Brocken.« Diese Zeilen aus einem Hexengedicht des Sturm-und-Drang-Poeten Ludwig Hölty dienten dem »Klangbad-Orchester« unter Leitung von Karin Hendel als Motto eines großartigen Konzerts, das am Samstagabend im großen Saal des Alten Hallenbads vor 70 Gästen über die Bühne ging.

Karin Hendel, langjähriges Mitglied des HR-Sinfonieorchesters und seit 1999 Konzertmeisterin der Kammerphilharmonie Bad Nauheim, gab vor Beginn des musikalischen Reigens ihrer Freude Ausdruck, nach fast acht Monaten endlich wieder vor Publikum auftreten zu dürfen. Die überschäumende Freude am gemeinsamen Musizieren sorgt dann für zweistündige Unterhaltung auf hohem Niveau.

Das dreizehnköpfige Orchester mit der Pianistin Karen Tanaka, Soloviolonistin Rachelle Hunt und die sechs Gesangssolisten und -solistinnen präsentierten Musik aus drei Jahrhunderten - von Henry Purcell bis Manuel de Fallas »El amor brujo« (Der Liebeszauber), mit dem das Klangbad-Orchester den zweistündigen Abend ausklingen ließ.

Begonnen hatte er mit der Ouvertüre zu Mozarts Oper »Die Zauberflöte«. Dieses 1791 in Wien erstmals gezeigte Werk enthält als virtuoses Glanzstück die Arie der Königin der Nacht »Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen«. Die in Seoul und Dresden ausgebildete koreanische Sopranistin Sue Voges (derzeit Ensemblemitglied im Frankfurter »Papageno Musiktheater«) stellt sich dieser Herausforderung - und besteht sie glänzend. Selbst höchste Stimmlagen und schwierigste Koloraturen meistert sie scheinbar mühelos. Diesen »Kraftakt« belohnte das Publikum mit rauschendem Applaus.

Timon Führ - seit 2015 am Staatstheater Mainz unter Vertrag - ist in Friedberg kein Unbekannter. Am Samstagabend gab er den Wahrsager Colas im heiteren Singspiel »Bastien und Bastienne«, das Mozart im zarten Alter von zwölf Jahren komponierte. 1768 wurde es in Wien uraufgeführt. Timon Führs geschmeidiger, kraftvoller Bariton lässt die skurrile Gestalt des Colas in der Arie »Diggi, Daggi« Gestalt werden.

Die US-amerikanische Violinistin Rachelle Hunt - seit 2011 Mitglied des HR-Sinfonieorchesters - brilliert mit dem Solopart in einer Orchesterfassung von Niccolo Paganinis Bravourstück »Le streghe«/Die Hexen.

Beabsichtigtes Gruseln

Angesichts der schwindelerregenden Läufe, die sich wie Sturzbäche über die Hörerinnen und Hörre ergießen, bleibt so mancher Mund vor Staunen offen.

Auch in Camille Saint-Saëns‹ »Danse macabre« (Totentanz) übernahm Rachelle Hunt den Solopart.

Bei der Präsentation dieses lautmalerischen Werks zeigt das Orchester, was in ihm steckt. Ständig wechselnde Rhythmen, Tonlagen, Tempi, etc. evozieren das beabsichtigte Gruseln. Geisterstunde - Alt und Jung, Bettler und Edelmann, Papst und Kaiser: Alle müssen sie dem »Sensenmann« in den Tod folgen.

Esther Hock - lyrische Sopranistin und Ensemblemitglied des Frankfurter Papageno-Musiktheaters - bewegt die Herzen mit der Arie der Dido (»When I am laid«) aus Henry Purcells 1689 uraufgeführter Oper »Dido and Aeneas«.

Wunderbar innig wird die Klage der von Aeneas verlassenen karthagischen Königstochter vor dem Hörer »zelebriert«: Ein Hörgenuss.

Zwei abschließende düster-dramatische Arien erweisen sich als die Highlights des Abends. Die Mezzosopranistin Claudia Kamaris - Mitglied der Oper Frankfurt - berichtet als Zigeunerin Azucena in einem verbitterten Gesang vom Tod ihrer Mutter, die als Hexe auf dem Scheiterhaufen endete (»Stride la vampa«/Es lodert die Flamme aus Verdis »Trovatore«).

Viel Applaus für Leistung

Und Cornelia Haslbauer - mittlerweile weltweit gastierend - stachelt als eiskalte Lady Macbeth ihren noch zögernden Mann mit allen rhetorischen Mitteln zum Mord am schottischen König Duncan an (»Komm, dass ich dein träges Blut reize«). Leuchtend rot gewandet, verkörpert die dramatische Sopranistin eine machtbesessene Frau, die über Leichen zu gehen bereit ist und alle Brücken hinter sich abgebrochen hat. Lang anhaltender Applaus belohnt diese Meisterleistung.

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Cornelia Haslbauer als Lady Macbeth.

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