Sechs von sieben Corona-Patienten werden in Hessen von Hausärzten versorgt, berichtet die Kassenärztliche Bundesvereinigung. Das Infektionsrisiko, dem sich die Ärzte aussetzen, sei daher hoch. Wetterauer Hausärzte haben deswegen einen Offenen Brief verfasst, in dem sie fordern, bei den Impfungen priorisiert zu werden. 		SYMBOLFOTO: DPA
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Sechs von sieben Corona-Patienten werden in Hessen von Hausärzten versorgt, berichtet die Kassenärztliche Bundesvereinigung. Das Infektionsrisiko, dem sich die Ärzte aussetzen, sei daher hoch. Wetterauer Hausärzte haben deswegen einen Offenen Brief verfasst, in dem sie fordern, bei den Impfungen priorisiert zu werden. SYMBOLFOTO: DPA

Impfgruppen

Hessens Hausärzte kritisieren Impfpriorisierungen in offenem Brief: „Man vergisst die Hausärzte“

  • Sabrina Dämon
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Wie die Kassenärztliche Bundesvereinigung berichtet, werden sechs von sieben Corona-Patienten in Hessen von niedergelassenen Ärzten versorgt. Dennoch wurde diese Gruppe bei der Priorisierung für Impfungen nicht entsprechend beachtet, heißt es nun in einem Offenen Brief von Hausärzten.

Wie die Kassenärztliche Bundesvereinigung berichtet, werden sechs von sieben Corona-Patienten in Hessen von niedergelassenen Ärzten versorgt. Dennoch wurde diese Gruppe bei der Priorisierung für Impfungen nicht entsprechend beachtet, heißt es nun in einem Offenen Brief. Unterzeichner sind Ärzte, die Mitglied im Hessischen Hausärzteverband Bezirk Wetterau sind. Sie fordern »eine Anpassung der Priorisierung zur Impfung für Praxispersonal mit engem Kontakt zu vulnerablen Patientengruppen«.

Ellen Gräf und Dr. Oliver Kunkel sind im Vorstand des Verbands - und betreiben beide eine Praxis in der Wetterau. Gräf praktiziert in Rodheim, Kunkel in Florstadt. In ihren Praxen haben sie eine Infektionssprechstunde eingerichtet und testen ihre Patienten. Zudem machen sie Hausbesuche in Pflegeheimen und versorgen Corona-Patienten ambulant. »Zwar sind wir mittlerweile gut ausgestattet mit Masken und Schutzkleidung, dennoch haben wir eine große Last mitzutragen und ein entsprechend hohes Infektionsrisiko«, sagt Kunkel. Gräf ergänzt: »Wir machen gerne die Abstriche, um gemeinsam mitzuhelfen, die Corona-Krise von der Basis anzugehen.« Dennoch sei der Umgang mit den Hausärzten »ein bisschen traurig«. Denn anders als zum Beispiel in Hamburg oder Bayern gehören Hausärzte und die Medizinischen Fachangestellten bei den Impfgruppen nicht zu der am höchsten priorisierten Gruppe.

Hausärzte in Hessen sind zweiter Corona-Impfgruppe zugeteilt

Als niedergelassene Ärzte seien sie in Hessen der zweiten Gruppe zugeteilt. Denn die Richtlinien des Robert-Koch-Instituts lauten: Aufgrund der aktuell begrenzten Impfstoffverfügbarkeit soll die Impfung gegen das neue Coronavirus vorerst nur Personengruppen angeboten werden, die ein besonders hohes Risiko für schwere oder tödliche Verläufe einer Covid-19-Erkrankung haben oder die beruflich entweder als besonders exponiert gelten oder engen Kontakt zu vulnerablen Personengruppen haben.«

Doch, sagt Gräf, »wenn man die Richtlinie intensiv liest, gehören wir zur Gruppe, die sensible Patienten betreut - zum Beispiel Tumorpatienten, Mehrfacherkrankte, alte Menschen.« Ja, sagt die Ärztin, Krankenhausärzte, die in Gruppe eins sind, hätten mehr Kontakte zu schweren Fällen. »Wir hingegen wissen oft nicht, mit wem wir es zu tun haben, da wir auch asymptomatische Patienten behandeln« - also solche, die zum Beispiel gar nicht mit Corona-Symptomen in die Praxis kommen, bei denen sich aber später herausstellt, dass sie doch infiziert sind. Vom Infektionsrisiko her mache es daher letztlich keinen Unterschied. »Wir haben Verständnis, momentan gibt es ohnehin nicht genug Impfstoff«, sagt Kunkel. Doch bei der Debatte und beim Verfassen des Briefs sei es auch um das Thema fehlende Kommunikation und Wertschätzung gegangen. »Man vergisst die hausärztlichen Kollegen«, sagt Gräf.

Wetterauer Hausärzte unterstützen hessische Kollegen bei Impf-Kritik

Deswegen sei nun vom Verband ein Vorschlag erarbeitet worden. Im Brief heißt es: »Die niedergelassenen Hausärzte in der Wetterau unterstützen den vom Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen und dem Hessischen Ministerium für Soziales und Integration erarbeiteten Vorschlag. Hiernach sollen in Hessen 35 000 Impfdosen für 17 500 Personen der genannten Zielgruppe (niedergelassene Ärzte) zur Verfügung gestellt werden, um auch im ambulanten Bereich, wie im Krankenhaus, die Sicherheit für Mitarbeiter und Patienten zu gewährleisten.« Eine Bestätigung durch das Ministerium stehe aber noch aus.

Neben Gräf und Kunkel hat der gesamte Wetterauer Vorstand den Brief unterzeichnet: der Vorsitzende, Dr. Alexander Jakob, Dr. Christian Haffner, Dr. Michael Linn und Dr. Florian Schmidt.

Hessische Hausärzte: „Fühlt sich nicht ernstgenommen“

Die beiden Ärzte Gräf und Kunkel sprechen in dem Zusammenhang mit der aktuellen Situation auch die Anforderungen an, die derzeit an Hausarztpraxen gestellt werden. So werde gerade verpflichtend die elektronische Datenermittlung eingeführt - also die Möglichkeit, zum Beispiel Krankschreibungen digital auszustellen. Einerseits eine gute Sache, sagt Gräf. Andererseits: ein großer organisatorischer Aufwand. »Man fühlt sich nicht mehr so ganz ernstgenommen. Auf der einen Seite gibt es die Corona-Krise, auf der anderen Seite sollen wir uns mit Digitalisierung beschäftigen.« FOTOS: PV

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