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Handwerksbetriebe: In der Elektrobranche fehlen Fachkräfte

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Von: Jürgen Wagner

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Thomas Petrasch, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Friedberger THM-Fachbereich IEM, während eines Vortrags: »Die Keeling-Kurve weist eindeutig den globalen Anstieg der atmosphärischen Kohlenstoffdioxid-Konzentration nach.« © Nicole Merz

Die Energiewende ist eine gewaltige Aufgabe. Ob sie klappt, hängt auch davon ab, ob es genügend Fachkräfte in den elektrotechnischen Berufen gibt. Momentan ist dies in der Wetterau fraglich.

Vor wenigen Tagen wurden die Kernkraftwerke Grohnde, Grundremmingen C und Brokdorf abgeschaltet. Bis spätestens Ende 2022 sollen die letzten drei deutschen Atommeiler Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2 folgen. Das letzte Kohlekraftwerk soll laut Bundesregierung bis spätestens Ende 2038 vom Netz genommen werden. Und dann? Wind- und Wasserkraft, Photovoltaik und Biomasse sollen ausgebaut werden. Ende 2020 lag ihr Anteil am Strommix aber erst bei 46 Prozent.

Kritiker bezweifeln, ob der Umstieg klappt und befürchten, Deutschland müsse dann Atom- und Kohlestrom aus dem Ausland beziehen. Befürworter der Energiewende sind optimistischer, dringen aber darauf, dass die Genehmigungsverfahren etwa für Windräder gestrafft werden und nicht mehr nur geredet, sondern gehandelt wird. Nur: wer soll all die PV-Anlagen-, Windräder und Ladestationen für E-Autos anschließen und die Wartung übernehmen?

Im Elektrotechniksektor fehlen Arbeitskräfte. »Der Mikrozensus 2015 des Statistischen Bundesamtes zeigte, dass 30 Prozent der damaligen elektrotechnischen Fachkräfte zwischen 45 und 55 Jahre alt waren. Aufgrund des nun einsetzenden Renteneintritts dieser Alterskohorte steht Deutschland vor einem massiven Problem, weil eine große Zahl der heutigen Elektrohandwerker, -meister, -techniker und -ingenieure nicht ersetzt werden kann«, sagt Thomas Petrasch, Diplom-Ingenieur an der Technischen Hochschule Mittelhessen in Friedberg.

»Soll die politisch gewünschte Energiewende gelingen, werden elektrotechnische Fachkräfte dringender denn je benötigt«, unterstreicht Petrasch. Doch trotz guter beruflicher Perspektiven sei das Interesse junger Menschen an einem solchen Beruf stark rückläufig. Frauen sind eher selten in der Branche zu finden.

Der Fachkräftemangel könnte für die beabsichtigte Energiewende zu einem echten Problem werden, auch für die exportorientierten Sektoren, sagt Petrasch. Bei vielen Eltern gelte immer noch die Maxime »Mein Kind soll studieren!« Der Run auf die Hochschulen ist ungebrochen, aber bedauerlicherweise sei das Interesse an MINT-Studienfächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) zu gering. »Aus volkswirtschaftlicher Sicht kann von einer Fehlallokation gesprochen werden, wenn die Steigerung der Zahl der Hochschulabschlüsse nicht mit der Zahl der adäquaten Arbeitsplätze einhergeht.«

Häufig erfolge eine Studiengangwahl auch ohne eine Berücksichtigung der aktuellen Arbeitsmarktchancen. Die Zahl der Bachelor-Abschlüsse in Geisteswissenschaften steigt, dabei wäre die Aufnahme eines ingenieurwissenschaftlichen Studiengangs im Nachhinein vielleicht die bessere Wahl gewesen.

Daten müssen auch fließen können

Daten werden als das »Öl des 21. Jahrhunderts« bezeichnet. Nur: Ohne Strom sind diese Daten nicht erzeug- und nutzbar. Deutsche Rechenzentren alleine verbrauchen etwa drei Prozent des in Deutschland benötigten Stroms. Strombedarf bestünde für alle Bereiche unseres Lebens, wie Petrasch sagt: »Ob Kaffeekochen, die Wärmeerzeugung in Gebäuden, eine Smartphone-Nutzung oder das berufliche Arbeiten am Computer - all das ist ohne dauerhaftes Vorhandensein elektrischen Stroms nicht möglich.« Ein Großteil der Bevölkerung nehme die Verfügbarkeit elektrischen Stroms als Selbstverständlichkeit wahr. Strom sei nach häufiger Meinung »eh da«. Petrasch: »Welcher technische und personelle Aufwand betrieben werden muss, um eine Versorgungssicherheit zu gewährleisten, ist den Wenigsten bewusst.«

Viel Arbeit, aber niemand in Sicht, der sie erledigen kann: Eine paradoxe Situation. Dabei ist das Thema »Klimawandel« längst bei den jungen Leuten angekommen. Sie zählen sogar zu den Motoren der Energiewende. Die zentrale Forderung der »Fridays-for-Future«-Bewegung lautet: »Handelt endlich - damit wir eine Zukunft haben.«

Petrasch meint zu dieser berechtigten Forderung: »Gerade Mitglieder der ›Fridays-for-Future‹-Bewegung könnten nun eigene Taten folgen lassen. Kohleausstieg und gleichzeitiger Ausbau der erneuerbaren Energien - das geht nur, wenn genügend elektrotechnische Fachkräfte zur Verfügung stehen.

Eine aktive Mitarbeit engagierter junger Menschen im elektrotechnischen Berufsfeld könnte entscheidend zur Elektrifizierung des Verkehrssektors - bei der Nutzung von Elektrofahrzeugen - und des Gebäudewärmesektors - beim Einsatz von Wärmepumpen - beitragen.«

Jobmotor Energiewende

Deutschland in einigen Jahren: Tausende neue Windkraftanlagen, Photovoltaik-Parks an Autobahnen, gewaltige Stromtrassen, und überall blaue Dächer mit PV-Anlagen. Nur: Wer soll das alles montieren? Handwerks-Präsident Hans Peter Wollseifer hat im »Spiegel« eine bessere finanzielle Ausstattung der Berufsschulen gefordert. Die WZ hat bei Berufsschulen, Handwerksbetrieben und der THM nachgefragt. Tenor: Es gibt jede Menge spannender Arbeitsplätze, mit und ohne Ingenieur-Studium.

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