Am Wochenende sind viele Kunden auf "Hamsterkäufe" aus gewesen: Haltbare Lebensmittel wie Nudeln oder Reis sind gehortet worden, viele Regale in den Supermärkten werden nun wieder aufgefüllt. Kein Grund zur Panik!
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Am Wochenende sind viele Kunden auf »Hamsterkäufe« aus gewesen: Haltbare Lebensmittel wie Nudeln oder Reis sind gehortet worden, viele Regale in den Supermärkten werden nun wieder aufgefüllt. Kein Grund zur Panik!

Hamsterkäuf in Lebensmittelmärkten

Hamsterkäufe in der Wetterau: Coronavirus führt zum Nudel-Notstand

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Was passiert, wenn das Coronavirus Deutschland lahmlegt? Dann essen wir alle wochenlang Nudeln mit Tomatensoße. Die Lebensmittelbranche meldet Hamsterkäufe. Bricht der Notstand aus?

Das Regal mit dem Reis ist leer. Das mit den Nudeln und den Knödeln auch. Was darüber gestapelt war, weiß man nicht. Die Preisschilder fehlen. Nutella und Honig ist noch verfügbar, aber weiter hinten klaffen erneut Lücken in den Regalen: Es gibt kein Toilettenpapier mehr. Drei Paletten standen dort in der vorigen Woche noch. Alles ausverkauft. Selbst die Papiertaschentücher sind weg.

So wie in der Aldi-Filiale in der Fauerbacher Straße in Friedberg sieht es derzeit in vielen Lebensmittelgeschäften in der Wetterau aus. Nur damit kein falscher Eindruck entsteht: Die meisten Regale sind voll. Aber bei Nudeln, Reis, passierten Tomaten, Konservendosen oder Tiefkühlkost herrscht in vielen Regalen Flaute. Keine einfache Situation für das Personal. Eine Frau und ihr Sohn suchen Tiefkühl-Spinat, es gibt aber keinen mehr. »Wahrscheinlich stapelt sich der Spinat im Lager und die Mitarbeiter drehen Däumchen«, schimpft die Dame. Die Mitarbeiter flitzen derweil durch den Verkaufsraum, schieben neue Ware rein, verstauen sie in Regalen.

»Am Freitag und Samstag war’s am schlimmsten«, sagt ein Aldi-Mitarbeiter. »Das war Chaos.« Riesige Schlangen vor den Kassen, die Einkaufswagen bis oben gefüllt, Berge von Lebensmitteln, die gehortet wurden. »Ich gerate deswegen nicht in Panik«, sagt ein 75-jähriger Friedberger. Er hat nur das nötigste eingekauft, wie immer. »In Deutschland gibt es derzeit zuviel Panik«, sagt er. »Ich lasse mich davon nicht anstecken.«

Hamsterkäufe Wetterau: Kein Klopapier und kein Spinat

Eine 85-jährige Rentnerin, die mit Rad zum Einkauf fährt, sieht die Sache ebenso entspannt. »Dass es kein Toilettenpapier mehr gibt, ist schlecht. Ich will nur schnell Tiefkühl-Spinat holen. Ach, der ist auch aus?« Sie werde schon etwas anderes finden, ist die Dame zuversichtlich.

Auch im Aldi-Markt im Langen Morgen in Bad Nauheim herrschte am Wochenende das Chaos: »Das hat am Mittwochabend begonnen«, sagt Marktleiter Patrick Jankun. Die Medien hätten über Vorräte berichtet, schon gingen die Hamsterkäufe los. »Wir haben neue Lieferungen bekommen, füllen die Regale wieder auf. Aber es fehlen Mehl, Zucker, Reis und Papierprodukte.« Haltbare Lebensmittel, aber auch Obst und Gemüse seien ihnen regelrecht aus den Händen gerissen worden. »Die waren nicht ganz dicht«, empört sich eine 55-jährige Bad Nauheimerin. »Als ob es vier Wochen lang nichts mehr gibt.«

»Mehl, Zucker, Nudeln«, sagt eine Mitarbeiterin von Edeka Preiss in Dorheim auf die Frage, was derzeit fehlt. »Wir haben viel neue Ware bekommen, aber die muss erst mal in die Regale eingeräumt werden«, sagt sie und eilt davon, um genau dies zu tun. »Die Menschheit wird nicht schlauer«, meint ein älterer Dorheimer. »Unsereins hat noch Hungersnöte erlebt. Aber da gab es noch keine Lebensmittelmärkte, die man hätte ausräumen können.«

Auch bei Edeka Bayrack im Wilhelm-Jost-Ring in Bad Nauheim sind die Regale gut gefüllt. Die leeren muss man suchen, aber es gibt sie auch hier: Nudeln sind fast alle, Reis ebenso, außerdem passierte Tomaten, Soßen, Konservendosen. Die »Schnelldreher«, Produkte, die nicht lange in den Regalen liegen, habe man alle wieder aufgefüllt, sagt der stellvertretende Marktleiter Ankit Virmani. »Ich weiß gar nicht, was die Leute mit dem vielen Zucker machen.«

Hamsterkäufe Wetterau: Regale werden wieder aufgefüllt

Trotz großer Nachfrage etwa bei Konserven sei »die Versorgungslage nicht beeinträchtigt«, teilt die Pressestelle von Aldi-Süd in Mühlheim an der Ruhr mit. «Alle Bestände werden im Rahmen der üblichen Anlieferungen wieder aufgefüllt.« Aldi-Süd beobachte die Ausbreitung des Corona-Virus genau, heißt es weiter. »Die Einschätzungen und Empfehlungen des Krisenstabes der Bundesregierung werden ebenso in die Lagebeurteilung einbezogen wie die Rückmeldungen aus den Filialen.« Mit Lieferanten und Logistikpartnern stehe man laufend in Kontakt. Trotzdem könne es zu Engpässen bei bestimmten Produkten kommen.

Um die größtmögliche Sicherheit für Kunden und Mitarbeiter zu gewährleisten, gibt es bei Aldi - wie bei anderen Lebensmittelhändlern auch - ein betriebliches Gesundheitsmanagement. Die Mitarbeiter werden etwa regelmäßig daran erinnert, Desinfektionsmitteln zu nutzen. Die sind derzeit aber wie Nudeln und passierte Tomaten in allen Großmärkten Mangelware, weil ausverkauft.

Hamsterkäufe Wetterau: Erinnerung an Hamsterfahrten nach dem Krieg

Hamster führen in ihren Backentaschen Vorräte mit sich herum. Davon leiten sich die Begriffe »Hamsterkauf« und »hamstern« ab. In Notsituationen legen Menschen Vorräte an - was in Zeiten des Krieges etwa ein verständlicher Reflex ist, tritt auch heute noch in Erscheinung, obwohl insbesondere Lebensmittel ständig verfügbar sind. Ältere Mitbürger erinnern sich noch an die »Hamsterfahrten« nach dem Krieg, als Stadtbewohner aufs Land zu den Bauern fuhren, um Lebensmittel zu besorgen. Hamsterkäufe sind ein massenpsychologisches Phänomen: Fängt einer an, folgen sofort die anderen. Das war 2006 während der Vogelgrippe so, als große Mengen von Medikamenten gehortet wurden, die angeblich gegen das Grippevirus wirkende Substanzen enthalten. Als in der EU im September 2012 Glühlampen verboten wurden, hatten viele Energielampen-Skeptiker längst alte Glühlampen gehortet. Nach dem Erdbeben und dem Reaktorunglück im März 2011 kam es in Japan zu Hamsterkäufen. So wie nun, nachdem sich das Corona-Virus auch in Europa ausbreitet.

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