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Das Team der Pflegestützpunkte: (v l.) Anja Tröger, Marlon Albert, Christina Keller, Armin Auth und Franziska Jahn mit Sozialdezernentin Stephanie Becker-Bösch.

Zehn Jahre Pflegestützpunkt

»Gut, dass es uns gibt«

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Seit zehn Jahren werden Pflegebedürftige, deren Angehörige und Menschen mit Behinderung vom Pflegestützpunkt beraten - inzwischen an zwei Stellen im Wetteraukreis.

Vor zehn Jahren wurde der erste Pflegestützpunkt im Wetteraukreis mit Sitz in Büdingen eingerichtet. Getragen wird er gemeinsam von den Pflegekassen - im Wetteraukreis von der AOK - und den Kommunen.

Aufgrund der großen Nachfrage wurde 2018 ein zweiter Pflegestützpunkt mit Sitz in Friedberg eingerichtet. Knapp 20 000 Beratungen wurden in dieser Zeit durchgeführt - auch in Zeiten der Coronavirus-Pandemie.

Denn: Rund 14 000 Menschen, die auf Pflege angewiesen sind, leben aktuell im Wetteraukreis. Laut Zahlen aus 2017 - aktuellere liegen nicht vor - werden mehr als drei Viertel dieser Menschen zu Hause versorgt, entweder durch pflegende Angehörige oder bzw. in Ergänzung durch einen der 40 Pflegedienste im Kreis, die zusammen rund 1000 Beschäftigte haben.

In den 46 Pflegeheimen werden derweil rund 3300 Menschen vollstationär von rund 2700 Beschäftigten versorgt.

Im Interview berichten Christina Keller und Marlon Albert vom Wetteraukreis, die AOK-Angestellten Armin Auth und Anja Tröger sowie Franziska Jahn, die die Fachstelle »Leben im Alter« in der Kreisverwaltung leitet, von ihrem beruflichen Alltag.

Welche Aufgaben hat ein Pflegestützpunkt?

Christina Keller: Wir beraten in allen Fragen und unterstützen Menschen in allen Angelegenheiten, die die Pflegekassen betreffen oder auch das Versorgungsamt. Wir helfen Menschen, die dazu selbst nicht mehr in der Lage sind, Anträge auszufüllen oder Menschen, die in einen Pflegegrad eingestuft werden und dazu Fragen haben.

Für wen ist der Pflegestützpunkt da?

Armin Auth: Wir sind erste Anlaufstelle für alle Fragen von pflegebedürftigen Menschen, von pflegenden Angehörigen, von Menschen mit Behinderung sowie von Menschen, die davon bedroht sind. Das Besondere: Die Pflegestützpunkte beraten trägerneutral und kostenlos. Wir informieren unabhängig, verbraucherorientiert und kommen auf Wunsch auch nach Hause.

Was ist Inhalt einer solchen Beratung?

Marlon Albert: Allgemeine Fragen der Pflegeversicherung, also der Pflegebedürftigkeit und der Pflegegrade, zu denen es oft ganz unterschiedliche Einschätzungen gibt. Wir unterstützen außerdem bei Fragen des Widerspruchs, beraten aber auch, wenn es um Fragen der Pflege selbst geht, also welche Pflegeeinrichtungen gibt es ambulant und stationär? Da können wir Informationen zusammenstellen.

Erstellen Sie bei solchen Listen auch ein Ranking?

Albert: Nein. Wir beraten völlig neutral. Wir stellen nur die Angebote dar, die es gibt - ohne einen Anbieter oder eine Einrichtung zu empfehlen. Wir versuchen, maßgeschneiderte Angebote zu finden.

Wie muss man sich das konkret vorstellen?

Albert: In der Regel wollen die meisten Pflegebedürftigen und deren Angehörige eine wohnortnahe Betreuung. Also stellen wir zunächst einmal die Einrichtungen vor, die in ihrer Nähe sind. Es gibt aber auch besondere Bedürfnisse. Ein Beispiel: Ein Pflegebedürftiger war früher Musiklehrer und hat immer noch Interesse an Musik. Dann schauen wir, ob es Einrichtungen gibt, die vielleicht nicht unbedingt in der Nähe des Wohnorts sind, aber musikalische Angebote haben. Dann können die Betroffenen selbst entscheiden, was ihnen wichtiger ist.

Keller: Für die Ratsuchenden ist es natürlich auch wichtig, welcher Personenkreis in den jeweiligen Einrichtungen lebt. Es gibt Einrichtungen, in denen viele Menschen noch sehr mobil sind und andere, in denen überwiegend Personen leben, die kaum noch das Bett verlassen können.

Wie kommen Sie zu solchen Informationen?

Keller: Da kommt unsere Netzwerkarbeit ins Spiel. Wir haben im Zuge unserer Arbeit alle Einrichtungen besucht und setzen diese Besuche regelmäßig fort. Dadurch lernen wir die Einrichtungen kennen und können solch zusätzlichen Informationen sammeln.

Wie kommen Bürger an diese Informationen, ohne Sie direkt zu fragen?

Keller: Wir haben in der Vergangenheit mehrmals eine Pflegebroschüre herausgegeben. Das wird in Zukunft digital erfolgen. Dafür haben wir alle Einrichtungen aufgefordert, in wenigen Worten zu beschreiben, was sie besonders macht, damit sich Interessierte schnell einen Überblick verschaffen können.

Das Thema Pflegegrade ist ein Punkt, über den die Ansichten oft differieren. Wie kann der Pflegestützpunkt da beraten?

Auth: Seit 2017 gibt es fünf Pflegegrade und jeder Pflegegrad beinhaltet einen eigenen Leistungsanspruch. Darüber informieren wir die Versicherten. Der Medizinische Dienst der Krankenkasse erstellt dann ein Pflegegutachten. Dabei stellt sich die Frage, ob die tatsächlichen Verhältnisse auch tatsächlich im Pflegegutachten berücksichtigt worden sind oder nicht Wir helfen bei der Formulierung des Widerspruchs und erreichen, wenn die Voraussetzungen vorliegen, oftmals auch Verbesserungen für unsere Klienten.

Was tun Sie, wenn Angehörige nicht verfügbar sind und der Betroffene in solchen Situationen auf sich alleine gestellt ist?

Albert: Wir können in Ausnahmefällen bei der Erstellung des Gutachtens dabei sein. Aber es ist immer sinnvoll, wenn jemand aus der Familie da ist. Nur wenn niemand verfügbar ist, übernehmen wir diese Aufgabe. Das kann natürlich immer nur ein Ausnahmefall sein, denn es ist sehr aufwendig.

Anja Tröger: Aufgrund von Corona hat der Medizinische Dienst die Fragebögen für die Begutachtung zuletzt verschickt. Die sind aber so kompliziert, dass sie kaum jemand alleine beantworten kann. Da helfen wir natürlich auch beim Ausfüllen.

Wie ist Ihr Eindruck: Wie gut sind Betroffene und Angehörigen zu Fragen der Pflege, der Pflegebedürftigkeit und den Leistungen der Pflegekassen informiert?

Keller: Schlecht bis gar nicht. Bei Veranstaltungen, an denen wir uns und unser Angebot vorstellen, machen wir oftmals die Erfahrung, dass viele die Arbeit des Pflegestützpunktes nicht kennen oder erst einmal distanziert reagieren. Das liegt daran, dass man sich tatsächlich erst mit dem Thema beschäftigt, wenn man selbst oder nahe Angehörige davon betroffen sind.

Wie wirkt sich das aus?

Keller: Wir hatten schon Fälle, bei denen Angehörige kamen und ganz verzweifelt gesagt haben: »Die Oma muss ins Heim, es geht nicht mehr.« Und am Ende haben wir eine gute Lösung mit ambulanten Unterstützungen gefunden, sodass die alte Dame noch heute zu Hause lebt.

Welche Ziele verfolgen Sie in diesen Fällen?

Franziska Jahn: Es ist vor allem das Ziel der Betroffenen selbst. Die meisten wollen so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden bleiben. Um dies zu ermöglichen, gibt es verschiedene Formen, etwa die Wohnberatung, die auch zu Hause stattfindet. Dabei wird geschaut, was umgebaut werden muss, damit die Person so lange wie möglich dort bleiben kann. Es gilt: ambulant vor stationär. Das ist unsere Arbeitsgrundlage.

Wo liegt der Schwerpunkt der Beratungen, im ambulanten oder im stationären Bereich?

Albert: Eindeutig im ambulanten Bereich, denn im stationären wird vieles von den Einrichtungen selbst abgedeckt.

Wo gibt es erste Informationen zum Thema Pflege?

Jahn: Beim Blick auf die Internetseite des Wetteraukreises unter dem Stichwort »Leben im Alter« gibt es Informationen zur Altenhilfeplanung, zu den Pflegestützpunkten, zur Pflege- und Fachberatung und den Ansprechpartnern. Hier ist auch die Info-Broschüre der Pflegestützpunkte hinterlegt, und es gibt einen Link zu der Seite »Pflegelotse« - ein Angebot der Pflegekassen mit einer Übersicht über ambulante und stationäre Angebote. Aber auch die Wohlfahrtsverbände und einige Kommunen halten solche Beratungsangebote vor. Wir wünschen uns noch eine bessere Vernetzung mit den Ärzten im Kreis, die ihre Patienten auf unsere Arbeit aufmerksam machen könnten.

Wie lange dauert es, bis man bei Ihnen einen Termin bekommt?

Tröger: Innerhalb von zwei Wochen bekommt man in der Regel einen Termin.

Wie machen Sie auf Ihre Arbeit aufmerksam?

Keller: Unsere Netzwerkarbeit spielt eine große Rolle. Wir besuchen etwa Wochenmärkte, wo wir oftmals die Erstkontakte haben, die dann in eine intensivere Beratung münden. Zudem bieten uns diese Stände die Möglichkeit, unsere Arbeit einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren und die Anonymität, die sich Menschen zu Beginn häufig wünschen, ist gewährleistet.

Welches Fazit ziehen Sie nach zehnjähriger Arbeit?

Tröger: Gut, dass es uns gibt. Das ist eine Resonanz, die wir von vielen bekommen.

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