Brigitte Kress (r.) ist schon seit 15 Jahren bei den Grünen Damen Wetterau und könnte, ähnlich wie Stephanie Amend, schöne Geschichten erzählen. Aber Verschwiegenheit ist oberstes Gebot.
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Brigitte Kress (r.) ist schon seit 15 Jahren bei den Grünen Damen Wetterau und könnte, ähnlich wie Stephanie Amend, schöne Geschichten erzählen. Aber Verschwiegenheit ist oberstes Gebot.

Zuhören als „Medizin“

Sie sind Ohren und Arme für Wetterauer Patienten – Jetzt brauchen sie selbst Hilfe

  • VonHanna von Prosch
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Die Arbeit der Grünen Damen in der Wetterau ist wichtig, ihr ehrenamtlicher Besuchsdienst in Krankenhäusern, Altenheimen und Kurkliniken dringend notwendig. Doch die Damen haben ein Problem.

Bad Nauheim – Gut, dass Sie wieder da sind«, das haben Stephanie Amend, Vorsitzende der Grünen Damen Wetterau, und ihre Stellvertreterin Brigitte Kress laufend gehört, als sie in diesem Frühjahr beziehungsweise Sommer wieder auf die Stationen durften. Das Pflegepersonal hatte ihre kleinen Hilfen und die Zeit an den Krankenbetten während der Corona-Beschränkungen am meisten vermisst. »Eine Schwangere strahlte, als ich ihr den Blumenstrauß ihrer Schwester brachte, weil diese nicht ins Haus durfte. Wer hätte ihn denn sonst von der Pforte abholen sollen?«, sagt Kress.

Aber von den 40 Mitgliedern des Vereins sind einige ausgeschieden, andere aus Altersgründen in den passiven Stand gewechselt. Es herrscht Mangel. Man wartet dringend auf interessierte Frauen und Männer, die sich in diesen Dienst stellen wollen. »Jetzt sind wir noch 20 Aktive. Da müssen wir die Zeiten reduzieren oder können nur noch alle zwei Wochen Besuchszeiten anbieten«, ist sich Amend bewusst.

Grüne Damen Wetterau: Corona bei Patienten kein Gesprächsthema

Die Grünen Damen beziehungsweise ein Grüner Herr - ein zweiter ist in Aussicht - sind zuständig für die Kerckhoff-Klinik, das Hochwaldkrankenhaus, das Bürgerhospital Friedberg, diverse Alten- und Pflegeheime, bei Bedarf auch die Taunusklinik und das Altenheim in Bisses. Einmal pro Woche opfern sie zwei bis drei Stunden dafür, um zuzuhören, freundliche Worte zu wechseln, kleine Handreichungen oder Besorgungen zu machen. »Die Menschen hatten gerade jetzt, als wir wieder angefangen haben, Redebedarf ohne Ende. Dabei war aber Corona nie ein Thema. Das hat mich gewundert, aber alle meinten, das sei ja jetzt vorbei«, erzählt Amend. Stattdessen geht es wieder um die normalen Themen: den Krebs, die Chemo, die Sorge um die Familie, was nicht mehr möglich ist, aber auch um Hoffnung. »Wir erfahren oft in einer halben Stunde die ganze Lebensgeschichte und viele Dinge, mit denen die Menschen ihre Angehörigen nicht belasten wollen«, weiß Kress aus 15 Dienstjahren. Zuhören, Verschwiegenheit, nicht von sich selbst erzählen, das ist wichtig, um das Vertrauen einer oft einmaligen Begegnung nicht zu zerstören.

»Als wir im Sommer 2020 für eine Woche auf Station durften, war es mir wegen der Ansteckungsgefahr schon mulmig, denn wir waren ja noch nicht geimpft«, schildert Amend. Jetzt sei es wie früher: »Wir haben eine tolle Hygieneschulung bekommen, sind mit der Beauftragten alle neuen Wege abgelaufen, haben unsere Stationen kennengelernt, denn es war ja alles umgelegt. Beim ersten Besuch wurden unsere Impfausweise registriert. In manchen Krankenhäusern muss man immer noch Schutzkleidung tragen, in anderen genügt inzwischen unser grüner Kittel.«

Grüne Damen Wetterau gehen noch nicht so nah ans Bett heran

Kress absolviert ihren Dienst im Hochwaldkrankenhaus: »Man kennt uns, trotzdem mussten wir eine Zeit lang viel Papier ausfüllen. Als Grüne Dame habe ich sowieso Verantwortungsgefühl genug, um mich selbst um alle Vorsichtsmaßnahmen zu kümmern. Sonst müsste ich mein Amt niederlegen.« So leid es ihr tut, aber zurzeit muss sie noch ablehnen, wenn jemand sie bittet, doch näher ans Bett zu treten. Sie bleibt in der Mitte des Raumes stehen.

»Wir sind keine Dienstboten, das ist klar. Aber wenn das Pflegepersonal uns bittet, dies oder jenes für jemanden mitzubringen oder zum Beispiel für Obdachlose Kleidung zu besorgen, dann ist das selbstverständlich«, sagt Kress. Die vielen netten, berührenden und manchmal auch komischen Situationen möchte keine der Grünen Damen und Herren missen. Manchmal begleiten sie tiefgehende Gespräche länger, gerade mit jungen schwer kranken Menschen. Doch mit der Zeit gewöhne man sich einen gewissen Abstand und Gelassenheit an. Die Jüngste der Damen sei jetzt 50 Jahre. Aber Amend und Kress hoffen, auch mal jüngere Menschen für diese wichtige Aufgabe gewinnen zu können.

So kann man sich engagieren

Anwärterinnen und Anwärter gehen mit einer Grünen Dame oder einem Grünen Herrn so lange mit, bis sie sich sicher fühlen. Voraussetzung sind Empathie, Fingerspitzengefühl für Situationen, Selbstschutz, Verschwiegenheit. Man muss zuhören können, darf aber auch mal einen Scherz machen, denn Lachen kann Medizin sein. Normalerweise wird man an einem Ort - Krankenhaus oder Pflegeheim kann man wählen - für zwei Stunden pro Woche eingeteilt. Wann man die Besuche absolviert, entscheidet jeder selbst. Berufliche Voraussetzungen gibt es nicht. Einmal im Monat treffen sich die Aktiven im Verein zum Austausch. Auch Fortbildungen soll es wieder geben. Eine Homepage ist im Aufbau. Wer Interesse hat, kann sich informieren und bewerben bei: Stephanie Amend, Grüne Damen Wetterau e.V., Mörler Grund 2b, Bad Nauheim, Telefonnummer 0 60 32/7 10 02 54. Finanziert werden die Grünen Damen Wetterau durch Spenden.

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