Wer sich derzeit in der Wetterau gegen Grippe impfen lassen möchte, muss Glück haben, wenn eine Dosis für ihn oder sie vorrätig ist. Engpässe gibt es in Apotheken und bei Hausärzten.	SYMBOLFOTO: DPA
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Wer sich derzeit in der Wetterau gegen Grippe impfen lassen möchte, muss Glück haben, wenn eine Dosis für ihn oder sie vorrätig ist. Engpässe gibt es in Apotheken und bei Hausärzten. SYMBOLFOTO: DPA

Deutlicher Engpass

Sorge um Grippe-Impfstoff in der Wetterau - Was steckt hinter dem Engpass?

  • vonHedwig Rohde
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Die Bereitschaft, sich gegen Grippe impfen zu lassen, ist stark gestiegen. In der Wetterau reichen aktuell die Impfstoff-Dosen nicht aus. Was den Leiter des Gesundheitsamtes auf die Palme bringt.

Gerhard und Brigitte Klee aus Echzell sind beide 78 Jahre alt und gelten aufgrund dieses Alters auch im Hinblick auf die »normale« Virusgrippe als Risikopatienten. Seit Jahren lassen sich beide daher im Herbst impfen. In diesem Jahr sind sie damit bislang nur begrenzt erfolgreich. Der Grund: Seit Wochen ist Grippe-Impfstoff auch in der Wetterau Mangelware, alle Nachfragen in Apotheken in Echzell, Nidda, Hungen, Reichelsheim und Florstadt blieben erfolglos.

Das Echzeller Ehepaar ist nicht das einzige mit solchen Erfahrungen. Ähnliche machte auch Hertha Müller aus Bad Nauheim. Sie selbst ist mit Anfang 60 vital und rüstig, versorgt aber ihre über 90-jährige Mutter Katharina. Auch Hertha Müller kümmert sich seit Jahren rechtzeitig um Impfungen für beide, auch sie stieß mit diesem Vorhaben in diesem Jahr an ihre Grenzen.

Grippeschutzimpfung in der Wetterau: Unterschied, ob Kasse oder privat

Beide Fälle weisen noch eine Besonderheit auf: Brigitte Klee und Katharina Müller sind kassenversichert, Gerhard Klee und Hertha Müller Privatpatienten. Was sonst in Bezug auf die Grippe-Impfung kaum von Belang gewesen war, erwies sich in diesem Jahr als deutlicher Unterschied. Katharina Müller profitierte davon, dass sie sehr frühzeitig bei ihrem Hausarzt angemeldet war; sie wurde Anfang Oktober geimpft. Ihre Tochter wartet indes bis heute darauf, ihr Privatrezept für eine Impfdosis einlösen zu können. Ebenso Gerhard Müller, der deshalb erst am Dienstag wieder einmal alle Apotheken im Umkreis telefonisch abgeklappert hat - ohne Erfolg. Seine kassenversicherte Frau hingegen erhielt just an diesem Tag die Impfung in ihrer Hausarzt-Praxis.

Das Phänomen, dass Kassenpatienten die Impfdosen aus den Kontingenten erhalten, welche die Hausärzte vorbestellen, Privatpatienten sich aber den Impfstoff auf Rezept erst besorgen müssen, brachte den Kassenpatienten allerdings auch nur begrenzt Vorteile. Hausärzte, die ihre vorbestellten Kontingente aufgebraucht haben, warten aktuell ebenso vergeblich auf Nachschub wie die Apotheken im Kreis.

Grippe-Impfstoff: Ein Jahr im Voraus bestellt

Das Problem mit den Kontingenten: »Wir müssen ein Jahr im Voraus bestellen, das heißt, als wir letztes Jahr den Impfstoff für diese Saison geordert haben, war von Corona noch gar keine Rede«, erläutert Claudia Tanta, Mitarbeiterin im Bad Nauheimer Ärztehaus am Park. Trotzdem hatte man sich dort glücklicherweise entschlossen, das bis dahin übliche Kontingent von 600 Impfdosen für 2020 um 17 Prozent aufzustocken. »Die 600 Impfdosen haben uns immer ein halbes Jahr gereicht, aber unsere Patienten werden immer älter, und die Nachfrage nach Impfungen hat doch immer zugenommen«, begründet Tanta diese Entscheidung. Jetzt, vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie, reichten die 700 Impfdosen ganze zwei Wochen, seit Mitte Oktober wartet man auch im Ärztehaus am Park dringend auf Nachschub.

Wetterauer Arzt: Scharfe Kritik an Verlagerung der Produktion nach Asien

Amtsarzt Dr. Reinhold Merbs kennt das Problem und hat klare Ansichten zu dessen Ursachen: die Globalisierung mit der Auslagerung der Produktion ins (asiatische) Ausland und eine in diesem Punkt völlig verfehlte Gesundheitspolitik. Flächendeckende Engpässe gebe es aktuell beim Grippe-Impfstoff, aber immer auch wieder für andere Medikamente wie beispielsweise bestimmte Mittel gegen Bluthochdruck oder Epilepsie. »Das regt uns jeden Tag auf: Wir in Deutschland haben das Aspirin erfunden, aber jetzt bekommen wir keins auf dem Weltmarkt. In puncto Grippe-Impfstoff und andere Medikamente verlassen wir uns auf Entwicklungsländer und lassen dabei die unzureichenden Produktionsstandards in diesen Ländern außer Acht. Das ist eine Schande für unser Land!«, ereifert sich der Leiter des Wetterauer Gesundheitsamts. Verantwortlich für den Mangel macht Merbs die Politik: »Die Versorgung mit Arzneimitteln ist Teil der Grundversorgung, die der Staat gewährleisten muss. Die Produktion von Medikamenten im Land selbst hätten wir niemals aufgeben dürfen«, wettert Merbs. Er hält es für unerlässlich, für die Medikamentenproduktion nun zumindest im europäischen Kontext eine Lösung zu finden.

Gerhard Klee aus Echzell übt sich unterdessen zwangsläufig weiter in Geduld. Man wisse nicht, ob er in diesem Jahr noch mit einer Impfdosis rechnen könne, lautete der Bescheid am Dienstag. Er hofft weiter.

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